Seit diesem Sommer ist Daniel Hope der neue künstlerische Leiter des Menuhin Festival Gstaad. Einige Formate hat er erneuert beziehungsweise frisch eingeführt, aber die Tradition der konzertanten Opern hat er von seinem Vorgänger Christoph Müller übernommen. Dieser hatte das Format bereits 2002 bei seinem Amtsantritt eingeführt. Die Nachfrage nach konzertanten Opernaufführungen scheint also beim Publikum ungebrochen groß zu sein. Die 1800 Personen, die zum riesigen Festival-Zelt im mondänen Touristenort im Berner Oberland strömten, bewiesen diese Anziehungskraft. Das Rezept lautet nach wie vor: Man wähle eine sehr beliebte Oper des Repertoires und engagiere für die Hauptrollen internationale Stars, mit denen man den Anlass bewerben kann.

Gegeben wird also La bohème von Giacomo Puccini. In den Hauptrollen singen Benjamin Bernheim als Rodolfo und Carolina López Moreno als Mimì. Als Orchester wirkt, auch dies eine Tradition, das Gstaad Festival Orchestra mit, und der opernerfahrene Marco Armiliato zeichnet für die musikalische Leitung verantwortlich. Etwas verschämt wird im Programmbuch der Name Fabio Rickenmann genannt, der für die szenische Einrichtung zuständig ist. Rickenmann wird ab der Saison 2026/27 Dramaturg bei Konzert und Theater St. Gallen. Die zweieinhaltstündige Bohème-Aufführung in Gstaad zeigt schnell, dass es sich hier nicht um eine rein konzertante, sondern eine halbszenische Aufführung handelt.

Damit wären wir bei der Problematik dieser Produktion gelandet. Halbszenisch – das hat auch die Così fan tutte-Produktion dieses Sommers am Verbier-Festival gezeigt – bewegt sich stets, bildlich gesprochen, zwischen Fisch und Vogel. In Gstaad sind die szenischen Elemente noch mehr reduziert als in Verbier: Es gibt kein Bühnenbild, die Protagonisten tragen stets dieselben weißen oder schwarzen Kostüme, die Verortung der Szenen geschieht nur andeutungsweise durch einige Requisiten. Andererseits herrscht eine einleuchtende Personenregie (wenn man das so nennen darf), eine ansatzweise ausgeführte Lichtregie und eine räumliche Ausnützung des Proszeniums und des Zuschauerraumes, für die insbesondere der Chor der Bühnen Bern im zweiten und im dritten Akt zuständig ist.
Die tragische Liebesgeschichte zwischen dem mittellosen Dichter Rodolfo und der armen Näherin Mimì geht denn vor allem auf der musikalischen Ebene unter die Haut. Die 35 Jahre junge Carolina López Moreno verkörpert mit ihrer bolivianisch-albanischen Abstammung eine Mimì, die tatsächlich südamerikanisches und mediterranes Temperament miteinander verbindet. Das Verlieben im ersten Akt gelingt ihr deutlich besser als das Sterben an der Tuberkulose im letzten. Ihr Sopran strahlt Kraft, Sinnlichkeit und Modulationsfähigkeit aus.

Diese Eigenschaften treffen auch auf ihren Verführer Rodolfo zu. Der französisch-schweizerische Tenor, der seine Karriere als Ensemble-Mitglied am Opernhaus Zürich begann, spielt die unterschiedlichen Möglichkeiten seiner nie hart wirkenden Stimme mit Bravour aus. Den brotlosen Dichter gibt er als unverbesserlichen Optimisten und ansteckenden Strahlemann. Kein Wunder, dass dann bereits das Duett des Paares „O soave fanciulla“ am Schluss des ersten Aktes zu einem ersten Höhepunkt dieses Opernabends wird.
Gegensätzlichen Charakter weist das zweite Liebespaar mit dem Dichter Marcello und der Grisette Musetta auf, die sich abwechselnd entzweien und wieder frisch verlieben. Sandra Hamaoui gibt Musetta mit einer leichten, kecken Sopranstimme und einem dazu passenden flatterhaften Charakter. Der Marcello von Lodovico Filippo Ravizza hebt sich mit seinem sonoren Bariton wohltuend von Rodolfo ab und spielt den missmutigen und verlassenen Liebhaber überzeugend. Die beiden bilden zusammen mit dem Philosophen Colline (Gianluca Buratto) und dem Musiker Schaunard (Biagio Pizzuti) ein bisweilen erfrischend komödiantisch aufdrehendes Künstlerquartett.

Das Gstaad Festival Orchestra, das aus Mitgliedern bedeutender schweizerischer Orchester und zudem aus qualifizierten Studierenden an internationalen Musikhochschulen besteht, erfüllt seine Begleitaufgaben ausgezeichnet. Vor aller Augen sichtbar auf der Bühne des Festzeltes, kommt die Spielfreude und das Engagement des Klangkörpers auch rein optisch zum Zug. Marco Armiliato, der auswendig dirigiert, ist nicht nur ein ausgezeichneter Koordinator (die Sänger hat er stets im Rücken), sondern ein exzellenter Puccini-Kenner. Die ganze Palette vom leidenschaftlichen Gefühls-Überschwang des ersten Akts über die inszenierte Fröhlichkeit des zweiten und die frostige Winterstimmung des dritten bis zur Abschiedsmusik des vierten Akts bringt er meisterhaft zum Klingen.
So geht denn gerade Mimìs Sterben in der Mansarde, die nur durch ein Bett angedeutet wird, weniger optisch als vielmehr akustisch unter die Haut. Wenn in den Stimmen und im Orchester Fragmente aus Rodolfos „Che gelida manina“ oder Mimìs „Sì, mi chiamano Mimì“ anklingen, werden Abschied und Verlöschen in erster Linie musikalisch vergegenwärtigt.
Die Pressereise (zwei Hotelnächte) von Thomas Schacher wurde vom Menuhin Festival Gstaad bezahlt.





















