Während so mancher Wagnerianer in den Sommermonaten in Bayreuth nur auf den Grünen Hügel pilgert, darf man nicht vergessen, dass das Kulturprogramm der Stadt so viel mehr zu bieten hat, als nur die Richard Wagner Festspiele. Neben zahlreichen Kammerkonzerten und Ausstellungen locken Werkeinführungen mit kuriosen Titeln wie „Wagners Werke wirklich verstehen“ oder „Antworten auf Wagner“. Aber einen besonderen Platz nehmen die beliebten Wahnfried-Konzerte in der Villa des Meisters ein: Liederabende, bei denen man sowohl die namhaftesten Sänger*innen ihres Fachs, als auch aufstrebende Künstler*innen in der intimen Atmosphäre des großen Bibliothekssaals der Villa erleben kann.

Andreas Bauer Kanabas
© Kartal Karagedik

Zweifelsohne zu erster Kategorie zählt der international gefragte und im Opernrepertoire überaus erfahrene Bass Andreas Bauer Kanabas, der an den größten Häusern Europas Erfolge mit Rollen wie König Marke, Philipp II. oder Herzog Blaubart feierte. Er nutzte die spielfreie Zeit in der Pandemie für eine Selbstreflexion über die eigene Stimme, mit der Idee neue Wege einzuschlagen, und so kam die Zusammenarbeit mit dem Pianisten und früheren Studienkollegen Daniel Heide zustande. Ein Glücksfall, denn so kann man ihn als Liedersänger aus direkter Nähe, ganz ohne großes Orchester, hören.

Daniel Heide erläuterte souverän, wie die Zusammenstellung und Reihenfolge der einzelnen Lieder zustande kam. Schwanengesang, Franz Schuberts letzte Sammlung von Liedern mit vertonten Gedichten von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel Seidl wurde nicht nur für Bassstimme „tiefergelegt“, sondern auch durch zusätzliche Lieder ergänzt und zu einer überaus deutsch-romantischen und tragischen Liebesgeschichte um eine unerwiderte Liebe geformt. 

Heide begleitete auf Wagners Steinway-Flügel ganz im Dienste des Lieds, gefühlvoll zurückgenommen, ohne jedoch die interpretatorische Präsenz zu vernachlässigen. Expressiv, sensibel und mit dem passendem Momentum gestaltete er stets die angemessene Atmosphäre.

Andreas Bauer Kanabas vermochte deklamatorisch einwandfrei und mit intensiver kraftvoller Stimme alle Klangfarben der mal beschwingt optimistischen und dann wieder zutiefst wehmütigen bedrückenden Momente wiederzugeben. Es waren jedoch die traurigen Lieder, die einen besonderen bleibenden Eindruck hinterließen und bei denen er das breite Register seiner Bassstimme bis zu den tiefsten Tönen ausloten konnte. So war beispielsweise seine Interpretation des Totengräbers Heimweh, bei dem er durch die melancholische Grundstimmung immer wieder gesangliche Hoffnungsschimmer scheinen ließ und eine gefühlvolle Ausgestaltung erzielte, ergreifend und mit dem dramatischen Bogen im Blick.

Der große Saal im Richard Wagner Museum der Villa Wahnfried erlaubt normalerweise ein Publikum von 96 Personen, wurde jedoch pandemiebedingt auf schmerzliche 22 Plätze reduziert. Ein Schlag ins Gesicht für den Veranstalter, dem trotz Bereitschaft zu strikteren Hygieneregeln kein höheres Ticketkontingent gewährt wurde. So blieb es ein äußerst intimes wie exklusives Konzert.

Während der Begriff „Schwanengesang” oft das letzte Werk eines Dichters oder Musikers beschreibt, besteht nach diesem Abend kein Zweifel, dass dieses Programm erst der Beginn der Karriere von Andreas Bauer Kanabas als Liedersänger sein wird und ihm auch ein Engagement am Grünen Hügel nicht verwehrt bleiben sollte. Er bewies, dass er nicht nur auf der großen Opernbühne stimmliche Präsenz und ein versiertes Rollenverständnis zeigt, sondern auch im überaus feinsinnigen Liedgesang nachhaltig beeindruckt und mit seiner Schubert-Interpretation berührt.

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