In kleinen und großen Kreisen flossen die Arme von Santtu-Matias Rouvali durch die Philharmonie in München. Unruhig schritt er auch den letzten Winkel seines Podests ab, um auch den letzten Klang aus den Münchner Philharmonikern herauszukitzeln. Bei seinem Debüt mit dem Traditionsorchester standen drei Werke auf dem Programm, die nun wirklich nicht dazu geeignet sind, als Entspannung angehört zu werden. Auf dieses Programm mit Sibelius, Elgar und Prokofjew musste man sich einlassen, um die komplexen und dichten Ideen der Musik wertschätzen zu können. Gerade dann aber erwies sich das Programm als Schatzkiste musikalischer Vielfältigkeit, mit der Rouvali experimentierte, arbeitete und sie auf angenehm eigensinnige Art interpretierte.

Santtu-Matias Rouvali © Kaapo Kamu
Santtu-Matias Rouvali
© Kaapo Kamu

Den Auftakt markierte die klangmalerische Tondichtung En Saga von Jean Sibelius, die zwischen nordischer Sagenwelt und skandinavischer Natur changiert. Die reichhaltigen Klangbilder entfaltete Rouvali mit merklich langsamen Tempi, dennoch hielt Rouvali das Orchester schlank und entwickelte eine sehr transparente Interpretation, die auch von ihrer tänzerischen Leichtigkeit lebte.

Die tiefe, triste Resignation, die Edward Elgar in seinem Cellokonzert zum Ausdruck bringt, bildete einen starken Kontrast zum üppigen Klang, den die Philharmoniker bei Sibelius gestalteten. Harriet Krijgh – ebenfalls Debütantin bei den Münchner Philharmonikern – nahm den spröden, nachdenklichen Charakter dieses Werks, das Elgar kurz nach Ende des ersten Weltkriegs komponiert hatte, sehr sensibel auf. Ihr Ton konnte sowohl herb und trocken also auch ausschweifend luxuriös sein. Das ließ vor allem den dritten Satz mit seiner ganzen Innigkeit erstrahlen. Dennoch ließ einen der Gedanke nicht los, dass besonders der erste Satz durchaus facettenreicher und nachhaltiger interpretiert worden ist. Als Zugabe spielte Krijgh zweimal Barock: Sowohl Johann Sebastian Bach als auch das Adagio aus der zehnten Cellosuite von Jean Baptiste Barrières.

Viel extremer ging Rouvali Prokofjews Fünfte Symphonie an. Ebenso wie Elgars Cellokonzert entstand auch diese 1944 unter dem Eindruck des Krieges. Nach längerer Pause wendete sich Prokofjew wieder dem symphonischen Genre zu und komponierte mit der Fünften sein umfassendstes symphonisches Werk, das nach eigener Aussage die „Größe des menschlichen Geistes“ zum Ausdruck bringen sollte. Unter der Leitung von Rouvali bekam die Symphonie, die nur formal betrachtet einem recht konservativen Aufbau folgt, eine deutliche Struktur. Musikalisch jedoch fokussierte sich der Finne auf die grotesken, teils düsteren Untertöne, die sich bei allem musikalischen Kräftemessen nicht leugnen lassen. Dies war keine Interpretation vom Reißbrett, sondern eine, die ganz genau den Stimmungen der Musik nachspürte und diese auf intensive Weise auszudrücken wusste. So spritzig wie Rouvali das Allegro Marcato interpretierte, hört man es nicht oft. Fast schon unverschämt lässig seufzten die Streicher, während das Ganze von markantem Schlagwerk zusammengehalten wurde. Auch die Klangexzesse im Kopfsatz oder im Finale kontrollierte Rouvali, ohne dabei die Kraft der Musik einzuengen. Gleichsam gespenstisch fahl entwickelte Rouvali das Adagio, das wie ein Trauermarsch durch die Philharmonie geisterte.

Ein gewisses Risiko ging Rouvali mit dem Programm für sein Debüt bei den Münchner Philharmonikern ein und gleiches galt auch für seine Interpretationen. Umso schöner war der positive Eindruck, den das Programm hinterließ. Bereits nächsten Monat ist Rouvali wieder in der Philharmonie zu Gast. Diesmal mit seinem Stammorchester, den Göteborger Symphonikern, und natürlich mit Werken von Sibelius.

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