Als Strawinskys Le Sacre du printemps am 29. Mai 1913 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées unter der Leitung von Pierre Monteux uraufgeführt wurde, endete der Abend im Tumult: Johlende Zwischenrufe, Pfeifkonzerte und Gelächter. Über ein Jahrhundert später füllt dasselbe Werk, gepaart mit zwei der seltensten Chorstücke Strawinskys, fast restlos die Isarphilharmonie – und reißt das Münchner Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Sir Simon Rattle und das BRSO hatten früh angedeutet, was an diesem Abend noch folgen sollte: dass das vermeintlich Unerhörte, richtig musiziert, zum mitreißenden Groove werden kann.

Den Auftakt bildete der Chant funèbre, Strawinskys lange verschollene Trauermusik für seinen Lehrer Rimsky-Korsakow. In der monumentalen Besetzung mit acht Kontrabässen entfaltete sich ein getragener, meditativer Klangteppich, dessen repetitive Streicherflächen streckenweise an die spätere Minimal Music eines Philip Glass erinnern. Die Bläser, allen voran ein ausdrucksvolles Hornsolo und geschmackvoll gedämpfte Trompeten, gestalteten ihre Linien mit großer Klangschönheit. Nur die Streicher blieben in ihrer Kontrolliertheit bisweilen etwas akademisch – ein Hauch mehr Hingabe hätte dem elegischen Grundton mehr Tiefe verliehen.

Noch überzeugender geriet die Psalmensymphonie, in der Chor und Orchester zu einer höchstpräzisen Einheit verschmolzen. Die Holzbläserfuge zu Beginn des zweiten Satzes war makellos intoniert, die Klangfarben harmonisch austariert. Die schnellen Sechzehntel-Spiccati der Streicher im dritten Satz liefen mit den Männerstimmen des BR-Chores so exakt zusammen, dass man ein einziges Instrument anstelle zweier Klangkörper zu hören meinte. Besonders eindrucksvoll: Blech und Chor entfalteten einen stetigen musikalischen Sog, die Sänger blieben selbst nach heiklen A-cappella-Passagen noch lupenrein intoniert; es gibt auf der Welt allenfalls eine Handvoll Chöre, die dieses Werk so singen können. Auch die Streicher, vor allem die Bratschengruppe, überzeugten mit ihrem kompakten, warmen Klang.
Nach der Pause folgte mit Le roi des étoiles eines der seltensten Werke Strawinskys überhaupt – fünf Minuten für Männerchor und Orchester, harmonisch so gewagt, dass selbst Debussy, dem das Werk gewidmet ist, in einem Brief an den Komponisten schrieb, eine Aufführung sei wohl nur „auf Sirius oder Aldebaran” möglich. Der BR-Männerchor sang samtig und doch mit bemerkenswert klar herausgearbeiteten Motiven. Die komplexen Harmonien gerieten dank dieser kristallinen Genauigkeit nie anstrengend, sondern im besten Sinne unerhört.

Den Schlusspunkt setzte Sacre – jenes Werk, das Strawinsky zwischen 1910 und 1913 in seinem Haus im schweizerischen Clarens am Genfersee komponierte, fernab des Pariser Trubels und noch weit weg vom sich anbahnenden Skandal der Uraufführung. Was damals für Entsetzen sorgte, ist heute ein Fest der orchestralen Virtuosität: Rattle dirigierte das komplexe, polyrhythmische Stück auswendig mit Kontrolle und Leidenschaft. Die Kontrabässe sorgten für Gänsehaut: Statt die harten Schläge brachial zu stampfen, ließen sie sie elegant schwingen, sodass der repetitive Rhythmus jazzig groovte. Die sechs Hörner glänzten erneut.
Dass ein Komponist im Paris des frühen 20. Jahrhunderts auf die Idee kam, mit derart exotischer, überdimensionierter Besetzung – darunter gleich zwei Kontrafagotte und Bassklarinetten – ein solches Klanggemälde zu entwerfen, bleibt bis heute eine der kühn-genialsten Kreationen der abendländischen Kultur. Das BRSO in Höchstform machte an diesem Abend hörbar, warum sie bis heute trägt. Was 1913 einen der größten Theaterskandale der Musikgeschichte auslöste, war an diesem Abend in München schlicht unerhört gut.





















