Der Zufall wollte es, dass ich vor zehn Tagen in Nürnberg weilte und dort vor der Meistersingerhalle ein Plakat entdeckte. Angekündigt wurde ein Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Simon Rattle mit Schumanns Zweiter Symphonie und Strawinskys Feuervogel. Dieselben Interpreten mit dem identischen Programm sind nun am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt im Musikverein in Wien aufgetreten. Wenn man etwas recherchiert, findet man heraus, dass dieses Programm bereits im November 2025 anlässlich einer Europa-Tournee in sechs Städten gegeben wurde. Die reinste Routine also?

Simon Rattle dirigiert das BRSO im Wiener Musikverein © Severin Vogl
Simon Rattle dirigiert das BRSO im Wiener Musikverein
© Severin Vogl

Das Konzert im Goldenen Saal des Musikvereins bewies indes geradezu das Gegenteil: Rattle und sein Rundfunkorchester zeigten, dass innige Vertrautheit mit den Kompositionen eben auch zu einer Qualitätssteigerung beitragen kann. Dazu kommt, dass Rattle, seit der Saison 2023/24 Chefdirigent des BRSO, ein Künstlertyp ist, der sich durch ein begeistertes Publikum ganz aus dem Moment heraus beflügeln lässt. Fazit: Die Darbietung geriet zu einer musikalischen Sternstunde, wie man sie nur selten erlebt.

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Robert Schumanns Symphonie Nr. 2 in C-Dur ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass der Komponist ein satzübergreifendes Motto verwendet, das für den Zusammenhalt sorgt. Wie Rattle interpretatorisch damit umgeht, sagt viel über seine prozessorientierte Deutung aus. Wenn das Motto mit der charakteristischen aufsteigenden Quinte gleich zu Beginn der langsamen Einleitung in der Trompete zum ersten Mal erscheint, ist es erst eine Verheißung. Wenn es dann nach den verschlungenen Wegstrecken von Exposition, Durchführung und Reprise in der Coda strahlend wieder auftaucht, verleiht ihm der Dirigent den Charakter der Erfüllung.

Von der Verheißung zur Erfüllung – diesem Ansatz folgt Rattle auch im zweiten und im vierten Satz. Im Adagio espressivo dagegen ist Verweilen und Genießen angesagt. In allen Sätzen zeigt sich ein großes Einverständnis zwischen Rattle und dem Orchester. In den bald drei Jahren der Zusammenarbeit hat man sich bestens aneinander gewöhnt. Der Brite erscheint dabei als der Good Guy, der freundliche Animator – alles Imperatorische liegt ihm fremd. Und das kommt, so hat man den Eindruck, bei den Musikern – die Männer bilden eine erdrückende Überzahl – bestens an.

Strawinskys Ballett L’oiseau de feu bildet zur Schumann-Symphonie einen wirkungsvollen Gegensatz. Statt vier nach symphonischen Regeln gebaute Sätze weist es eine Vielzahl kleingliedriger und formal locker aneinandergefügter Szenen auf. Als Begleitung zu einem Ballett ist die Musik des Feuervogels zudem sehr illustrierend und handlungsbezogen. In einem Konzert, wo die optische Dimension fehlt, stellen sich für einen Dirigenten folglich zwei Probleme: Wie schaffe ich einen formalen Zusammenhang, und wie mache ich die Handlung, die man nicht sieht, erlebbar?

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Rattle löst das Problem, indem er, wiederum ganz prozessorientiert, die Szenen zu einer Dreierabfolge von Zauberstimmung, Konflikt und Triumph bündelt. Im ersten Bild malt er die betörende Stimmung in Kaschtscheis Zaubergarten, die Begegnung des Märchenprinzen Iwan mit dem wundersamen Feuervogel und der Prinzessin Tausendschön. Drei Trompeten, auf der Galerie des Saales aufgestellt, leiten dann zum kämpferischen Teil, der tödlichen Auseinandersetzung zwischen Iwan und dem bösen Zauberer, über. Und am Schluss führt eine aus dem Nichts erstehende Melodie des ersten Horns durch allmähliches Übergreifen auf das ganze Orchester den Sieg des Prinzen und (so dürfen wir uns vorstellen) seine Vereinigung mit der Prinzessin vor.

Eine der betörendsten Qualitäten des BRSO, das zu den europäischen Spitzenorchestern zählt, ist sein Potenzial an Klangdifferenzierung. Dazu tragen hier etwa die drei Harfen, die Celesta, die erste Oboe oder das schon erwähnte erste Horn bei. Wenn dann ein Klangregisseur wie Rattle diese Register in das richtige Verhältnis zueinander bringt, dann entsteht Faszinierendes. Hat da jemand etwas von Routine gesagt?

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