„Stell dir vor, du bist als Kurator und Konzepter bei den Bayreuther Festspielen engagiert. Für die 150. Festspielen soll ein neuer Ring inszeniert werden. Erstelle mir ein Konzept für alle vier Teile des Rings, bei dem die 150-jährige Geschichte der Festspiele erzählt wird.“ So oder so ähnlich hätte wohl der KI-Prompt lauten können, der für die Erstellung eines Konzepts für die diesjährige Neuinszenierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen als Vorlage diente.

Während die Hoffnungen vieler auf einen konzertanten Ring angesichts der Inszenierungen der letzten Jahre valide waren, verriet ein Blick auf die Besetzungsliste, dass dem nicht stattgegeben werden konnte. Bei dem Titel „Digital- und KI-Storytelling“ horchte man besonders auf. Nach dem von vielen als missglückt bezeichneten Parsifal mit AR-Brillen vor einigen Jahren (den es 2026 schon nicht mehr gibt), wagt sich Bayreuth ganz unter dem Motto „Kinder schafft Neues“ an eines der Themen, das gerade in aller Munde ist und so polarisiert, wie kaum ein zweites: Künstliche Intelligenz.

Das „künstlerische“ Team um Marcus Lobbe, bei dem man bewusst den Begriff Regie vermeidet, besteht aus Positionen, die in der Opernwelt noch Novum sind. Statt einer ausgereiften Inszenierung gibt es nur ein Konzept – die KI erzeugt fortlaufend neue Bildwelten, die aber weitestgehend nicht das Geschehen narrativ bebildern, sondern meist eher wahllos Assoziationen schaffen sollen. Man erkennt einen Abriss der Bayreuther Geschichte, vergangene Ring-Inszenierungen, historische Persönlichkeiten wie Ludwig II., aber auch viel verallgemeinernden Input, wie Lost Places, prägnante Landschaften und Industrieanlagen, der das Publikum zum Nachdenken animieren soll, aber wahrscheinlich nur Unverständnis und Ratlosigkeit auslöst. Zwischen verzerrten Gesichtern, Gestalten mit unnatürlicher Anzahl an Fingern und vagen Formen und assoziativen Puzzlestücken wird das Publikum allein gelassen.
Jede Vorstellung soll visuell einzigartig sein, aber KI bleibt letztlich immer KI und kann keine menschlich künstlerische Schaffenskraft und wahre Kreativität ersetzen – auch wenn dies von manchen so propagiert wird. Genau diese seelenlose „Kunst“ führt schnell zu Ernüchterung und Langeweile auf der Bühne.

Den Sänger*innen, zwischen zwei großen Gazevorhängen und in schwer zuzuordnenden Kostümen gefangen, merkt man ihre eigene Ratlosigkeit ebenso an. Ein wenig Personenregie hätte dem Abend durchaus nicht geschadet. Die Darsteller*innen stehen meist teilnahmslos herum, versuchen sich an ein paar Theatergesten, um das Geschehen zu bebildern, driften aber ins Lächerliche ab.
Die Einzigen, die Spannung zu generieren vermochten, waren Christian Thielemann und das Bayreuther Festspielorchester. Thielemann, dessen Status in Bayreuth zweifelsohne zementiert ist und dessen Vorführungen immer wieder Referenzstatus erreichen, begeisterte auch zum Auftakt des Rings mit einem packenden Rheingold-Dirigat. Zum Vorspiel fließen die Streicher nur so dahin, die Orchesterwogen schwellen und gleiten musikalisch dahin und bebildern so das Geschehen besser, als es diese KI je könnte.
Thielemann schafft ein unglaublich elegantes und dennoch authentisches Dirigat. Mit einem transparenten Orchesterklang wechselt es häufig die Tempi, jedoch nie wahllos. Es wirkt alles spontan und gleichzeitig komplett durchdacht. So entsteht eine erfrischende Interpretation, die diese Inszenierung zusammenhält und bereits Vorfreude auf die kommenden Abende schafft.

Ebenso vermochten auch die Sänger*innen zu beglücken. Allen voran Michael Volle – als Wotan ein Gott unter den Sänger-Göttern. Eine der prägnantesten, markantesten und distinguiertesten Stimmen seiner Zeit und ein gefestigter Wotan-Interpret, der seinesgleichen sucht. Er verbindet Textverständnis mit Autorität und schafft so eine differenzierte Charakterzeichnung. Solch eine Stimme und Bühnenpräsenz sind nahezu einmalig.
Anna Kissjudit als Fricka an seiner Seite betört mit ungewöhnlich voluminöser, feurig dramatischer Stimme, die in ihrer Durchschlagskraft einnehmend wie faszinierend ist. Alberich, gesungen von Jochen Schmeckenbecher, schöpfte als erfahrene Wagner-Interpret aus den düstersten tiefen seiner eigenen Stimme. Sein markantes Timbre und seine intensive Textgestaltung geben seiner Figur die nötige Tiefe.
Klaus Florian Vogt, Heldentenor und stets gern gesehener Bayreuth-Interpret, wird in diesem Ring zum wahren Allrounder. Er hat sich alle großen Tenorrollen des Rings gesichert und debütiert im Rheingold als Loge. Er „probiert” sich als Charaktertenor, muss man fairerweise sagen. Denn den Charakter vermisst man hier leider bitterlich. Keine feinsinnige Textgestaltung, kein sarkastischer Witz, eine Bissigkeit, die der Rolle innewohnt. Stattdessen fliegt er bei geringer Ausgestaltung und überraschend schlechter Aussprache geradezu über den Text hinweg. Das kritische, zynische des Charakters bleibt dabei gänzlich auf der Strecke.

Gerhard Siegel als charakterstarker Mime, Alexander Grassauer als eloquenter Donner und die exzellent besetzten Rheintöchter runden das Ensemble auf hohem Festspielniveau ab.
Theater, Opernhäuser und Konzertsäle haben im Zuge der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung öffentlicher Räume das Potenzial, wahre Authentizität, echte Verbindungen zum Publikum zu schaffen und zu einem Rückzugsort zu werden. Mit KI, deren Ausmaß und Konsequenzen auf unser Leben und unsere Welt noch gar nicht komplett erforscht sind, wird dieses zarte Band zerrissen. Zurück bleibt ein Publikum, das enttäuscht und zurecht erzürnt ist, weil es für dumm verkauft wird.
Wenn schon die Inszenierung ihre Zeit nicht überleben wird, so hat zumindest Thielemann mit diesem Rheingold den Grundstein für ein überaus denkwürdiges Ring-Dirigat zum 150. Jubiläum geschaffen.






















