Dass Wotan, der dank seines weitschweifigen Lebenswandels nicht nur mit den Göttern verbunden ist, sondern auch neben Erda und den Walküren insbesondere das Geschlecht der Wälsungen schuf, zeigen seine verworrenen und ausweglosen Verstrickungen. Doch Tobias Kratzer beleuchtet an der Bayerischen Staatsoper vor allem auch die Dualität Wotans als einerseits mächtigen, unsterblichen Göttervater, aber auch seine zutiefst menschliche Seite – eine Art Achillessehne – als Vater des Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde, die ihn emotional verwundbar macht und seine Entscheidungen essenziell beeinflusst.

Ain Anger (Hunding), Irene Roberts (Sieglinde) und Joachim Bäckström (Siegmund) © Monika Rittershaus
Ain Anger (Hunding), Irene Roberts (Sieglinde) und Joachim Bäckström (Siegmund)
© Monika Rittershaus

Kratzer, der nach einem überaus erfolgreichen Rheingold das Münchner Publikum allzu lang auf die Folter spannte, setzt in der Walküre mit einer ruhigeren, wenn auch detailreichen Lesart fort. Hundings Hütte, ein kleines Jägerhäuschen in der bayerischen Provinz, wird zum Diorama seines tiefreligiösen Spießertums. Die neue Religion der Götter aus dem Vorabend des Rings scheint sich etabliert zu haben und einen Frommen in Hunding gefunden zu haben. Als er erscheint, legt er Fricka einen Widder als Opfergabe an ihrem Straßenaltar vorm Haus nieder. Und der übergroße Kirchenaltar, den die Götter zum Ende des Rheingolds betreten, ziert nun en miniature die Anrichte in seinem bescheidenen Heim.

Oben: Videostill mit Wotan und Siegmund; Unten: Ain Anger, Irene Roberts und Joachim Bäckström © Monika Rittershaus
Oben: Videostill mit Wotan und Siegmund; Unten: Ain Anger, Irene Roberts und Joachim Bäckström
© Monika Rittershaus
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Bis auf diese kleinen feinen Details und Querverweise inszeniert Kratzer recht nah am Libretto. Besonders sind jedoch die Rückblenden, die das Aufwachsen der Wälsungen bebildern und so Wotan als hingebungsvollen, liebenden Familienvater zeigen. Nostalgisch wirken diese Bilder einer vergangenen und nicht wiederbringbaren Welt. Wer in der Walküre ein ähnlich überbordendes Spektakel wie im Rheingold erwartet, wird enttäuscht; wer sich aber auf die Vielschichtigkeit der Verluste und Tragödien Wotans einlassen will, bekommt ein eindringliches Psychogramm seiner Zerrissenheit geboten.

Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde), Joachim Bäckström (Siegmund) und Irene Roberts (Sieglinde)
Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde), Joachim Bäckström (Siegmund) und Irene Roberts (Sieglinde)

Umso wirkungsvoller gerät der Bruch zu Beginn des dritten Aufzugs. Ganz Kratzer wäre diese Inszenierung nicht, würde sie nicht plötzlich wieder in großes filmisches Erzählen umschlagen. Die Videos von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi machen den berühmten Walkürenritt zum spektakulären Höhepunkt des Abends. München verwandelt sich in ein apokalyptisches Kriegsgebiet: Der Max-Joseph-Platz vor der Oper wird zum Schützengraben, abgesichert mit Stacheldraht und Sandsäcken, während sich im Opernhaus selbst die Walküren versammeln und die gefallenen Helden versorgen. Waltraute (Claudia Mahnke) landet sogar mit dem Helikopter zur Rettungsmission – eine unübersehbare Anspielung auf Apocalypse Now. Das Publikum reagiert mit spontanem Gelächter und Szenenapplaus. Trotz aller Überzeichnung bleibt die Szene mehr als bloße Parodie: Sie verdeutlicht eindrucksvoll, dass Wagners Götterwelt längst im Hier und Jetzt, in der heutigen Menschheit, angekommen ist.

Videostill © Bayerische Staatsoper
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© Bayerische Staatsoper

Dass dieser szenische Funke im Graben zündet, ließ sich an diesem Abend lediglich bedingt behaupten. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Vladimir Jurowski kämpfte über weite Strecken mit einer spürbaren mangelnden Präsenz. Die orchestrale Pracht, die Wagners Partitur eigentlich innewohnt, verkam stattdessen immer wieder zu einer bloßen Hintergrundmusik, der die dramatische Schlagkraft fehlte. Es mangelte dem Dirigat an einem runden, organischen Mischklang, wodurch die Partitur seltsam fragmentiert wirkt.e Jurowski generierte in seiner Ausdeutung wenig Kontraste und ließ die für das Werk so essenzielle, lodernde Spannung vermissen. Hinzu kommt, dass das Zusammenspiel nicht immer exakt war.

Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan) © Monika Rittershaus
Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan)
© Monika Rittershaus

Auch das Sänger*innen-Ensemble vermag nicht ganz an das gewohnt anspruchsvolle Münchner Festspielniveau heranzureichen. Zwar verfügen alle Beteiligten zweifellos über gute Stimmen, dennoch fehlt in den entscheidenden Momenten das gewisse Etwas, um den Abend gesanglich zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen.

Nicholas Brownlee, dessen Aufstieg als Wagner-Sänger derzeit steil vorangeht, singt den Göttervater mit einer gewohnt herben, charakterstarken wie kraftvollen Stimme. Gelegentlich zeigte er sich an diesem Abend jedoch etwas textunsicher, wenngleich seine rein phonetische Aussprache im Vergleich zu vorangegangen Auftritten verbessert hat. Auch ließen die psychologisch herausfordernden, langen Monologe noch Raum für eine facettenreichere, die Tiefe der Figur ergründenden Phrasierung. Es bleibt weiterhin spannend zu beobachten, wie sich sein Gesang in Zukunft formen wird.

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Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan) © Monika Rittershaus
Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan)
© Monika Rittershaus

Hingegen trat Miina-Liisa Värelä als Brünnhilde mit geringerer darstellerischer als auch stimmlicher Präsenz auf. Ihr Vortrag geriet in vielen Passagen etwas kontrastarm, und auch das Timbre nahm eine unvorteilhafte, dumpf-metallische Härte an, der es mitunter an Wärme und jugendlicher Frische fehlte. Sie bewies eine mühelose Höhe und zeigte eine stattliche Tiefe, aber der Komplexität ihrer Partie ist sie nicht gerecht geworden.

Einen Lichtblick des Abends bildete hingegen Irene Roberts als Sieglinde. Sie begeisterte mit einer strahlenden, zutiefst gefühlvollen, klangfarbenreichen Stimme, die selbst in den exponiertesten Höhen absolut sauber und unangestrengt ansprach. Auch schauspielerisch lieferte sie ein rundum überzeugendes Rollenporträt einer traumatisierten, aber dennoch liebensdurstigen Frau.

Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan) © Monika Rittershaus
Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicholas Brownlee (Wotan)
© Monika Rittershaus

Ihr sängerischer Partner Joachim Bäckström verfügte als Siegmund über ein schlagkräftiges, gut geführtes Tenormaterial, blieb jedoch insgesamt etwas verhalten. Es mangelt eihm mitunter an der nötigen Bühnenpräsenz und einem heldentenoralen Glanz, welcher das Wälsungenblut heißblütig blühend brodeln ließ.

Die erfahrene Mezzosopranistin Ekaterina Gubanva punktete in der Rolle der Fricka hingegen vor allem durch ihre gewohnt starke darstellerische Präsenz und knackiger Stimmpracht, welche der ungeliebten Hüterin der Ehe die nötige Autorität verlieh. Ain Anger gab als Hunding einen stimmlich prachtvollen, zugleich darstellerisch furchteinflößenden Hunding.

Ekaterina Gubanova (Fricka) und Nicholas Brownlee (Wotan) © Monika Rittershaus
Ekaterina Gubanova (Fricka) und Nicholas Brownlee (Wotan)
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Mit seiner Walküre gönnt Tobias Kratzer seinem Ring bewusst eine Atempause. Nach dem bilderreichen, nahezu überbordenden Rheingold richtet er den Blick auf die leiseren Zwischentöne und zeichnet vor allem ein berührendes Psychogramm Wotans. Nicht jede Szene besitzt dabei dieselbe erzählerische Dichte, gelegentlich entsteht Leerlauf. Dennoch gelingt Kratzer eine kluge Fortführung seines Konzepts, die den Figuren mehr Raum gibt als dem Spektakel. Umso gespannter darf man sein, ob er im Siegfried wieder die Balance zwischen psychologischer Feinzeichnung und jener überwältigenden Bilderflut findet, die bereits den Auftakt seines Münchner Rings so außergewöhnlich machte. Lange wird das Publikum diesmal nicht warten müssen: Bereits im Herbst 2026 feiert Siegfried Premiere.

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