Immer wieder wollen uns kalifornische Tech-Milliardäre weismachen, dass Generative AI (die KI, die angeblich neue und originelle Inhalte erstellen kann) die Zukunft ist. Wer hier nicht mitmacht, bleibt irgendwann auf der Strecke. KI-Unternehmen, Chip-Hersteller und Software-Konzerne schieben sich die Milliarden gegenseitig zu, die Blase wächst und wächst. Schon jetzt stoßen die Modelle und ihre Entwickler an die Grenzen des Internets und greifen auf analoge Medien zurück, um die KI zu füttern und weiter zu trainieren. Weltweit werden Bücher aufgekauft, gescannt und anschließend vernichtet. Wir sind schon längst in der Dystopie angekommen, die wir selbst heraufbeschworen haben.

Auch im Sigfried, dem dritten Teil der Tetralogie Wagners bei den Bayreuther Festspielen, spinnt die KI munter wirres Zeug zusammen. Wie bei einem Rorschachtest versucht man aus den abstrakten Bildern einen Sinn zu deuten. Die immer zunehmenden historischen Referenzen sind aber meist erkennbar: Hitler auf dem Trocadéro vorm Eiffelturm (nebst Speer & Breker) nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands durch Frankreich, das berühmte Bild der Großen Drei bei der Potsdamer Konferenz, das RAF-Logo, Willy Brandt, die Wagner-Brüder Wolfgang und Wieland, das Eingangstor zu Auschwitz-Birkenau, die Anklagebank der Nürnberger Prozesse und allerlei visuelle Referenzen zum Castorf-Ring, sodass es fast zum Plagiat wird. Selbstverständlich lässt sich so etwas zusammenassoziieren, doch eine Botschaft entsteht daraus noch lang nicht.

Die historischen Ring-Inszenierungen in Bayreuth haben immer große Probleme ihrer Zeit thematisiert. Sei es der Jahrhundertring von Chéreau, der die kapitalistischen Machtverhältnisse und die Industrialisierung thematisiert, oder der Ring von Harry Kupfer, der die atomare Bedrohung und die zunehmende Technisierung der Welt aufzeigt. Selbst der heute noch polarisierende Ring von Castorf, der eine Welt zwischen (Post-)Kommunismus und Kapitalismus reich illustriert, vermochte sich durch seine einzigartige Bebilderung einen Platz im Olymp der Bayreuther Produktionen zu sichern.
Doch was will uns nun der Ring von Kurator Marcus Lobbes sagen? Wir leben in einer Zeit, in der jeder denkt, er kann Künstler sein? Dass es keine wirklich originalen Ideen mehr geben kann? Dass die KI die Antwort und Lösung auf all unsere Probleme ist?
Was dieser Ring jedoch aufzeigt, ist die wachsende Wut und Sorge angesichts der KI. Der Wunsch nach echter Authentizität, nach Oper von Menschen für Menschen geschaffen – eben echter Kunst und keine Simulation – ist wohl die größte Erkenntnis dieses Jubiläumsrings.
Dagegen ganz analog, live und ohne KI-Firlefanz sind Christian Thielemann und das Festspielorchester wieder hervorragend aufgelegt. Mit feinsinniger Raffinesse werden kleinste Details aus der Partitur zutage gefördert, Leitmotive als tatsächliche erzählerische Mittel eingesetzt und so im Graben und nicht auf der Bühne eine spannende Oper erzählt.

Klaus Florian Vogt lässt es sich nicht nehmen und ist an allen vier Abenden mit den großen Tenorrollen vertreten. Nach Loge und Siegmund singt er nun Siegfried und untermauert damit seinen Status als einer der wichtigsten Wagner-Tenöre unserer Zeit – er scheint geradezu seine raison d’être gefunden zu haben. Stimmlich liegt ihm diese Rolle am besten. Mit gewohnt heller Klangfarbe, leicht abgedunkelt, und überaus agiler, beweglicher Stimme scheint alles mühelos aus ihm herauszufließen.
Camilla Nylund ist auch als Siegfried-Brünnhilde wunderbar lyrisch, warm und mit strahlendem Sopran. Sie singt kultiviert, kontrolliert, sicher in den Höhen und ihr „Ewig war ich, ewig bin ich“ evoziert pure Gänsehaut!
Der Waldvogel von Victoria Randem bietet zwar eine einnehmende Stimme, aber nur mit etwas unverständlicher Aussprache. Christa Mayer, mit breitem Register und kraftvoller, aber dennoch eleganter Stimme, ist eine überaus hörenswerte Erda.
Schweren Herzens müssen wir akzeptieren, dass Michael Volle nur noch im Siegfried singen wird, war er doch musikalisch einer der stärksten Interpreten dieses Rings gewesen. Als Wanderer tritt er mit philosophischer, fast schon abgeklärter Gelassenheit auf. Autoritär und markant gestaltet er den Austausch mit Mime im ersten Akt. Besonders bei den emotionalen Passagen besticht er durch seine gefühlvolle, einnehmende Interpretation.

Gerhard Siegel als Mime und Jochen Schmeckenbecher als Alberich treten beide als versierte Gestalter auf. Mit stimmlicher Präsenz und Intensität runden sie ein Ensemble ab, das schon als Idealbesetzung gelten kann. Auch wenn die Inszenierung schnell vergessen sein mag, nicht zuletzt weil dieser KI-Ring nur dieses Jahr, zum 150-jährigen Bestehen Bayreuths, gezeigt wird. Man wird dennoch lang warten und suchen müssen, um wieder so einen musikalisch exzeptionellen Siegfried hören zu können.



















