Ouvertüre, Konzert, [Pause] Symphonie. Altbewährt oder alt und staubig? Ganz gleich, welche Position man in zum traditionellen Konzertformat bezieht, über die Qualität des Konzertes am Freitag Abend in Philharmonie ließ sich nicht streiten. Einiges an Aufregung war der Solistin geschuldet, doch auch das Orchester war allen Ansprüchen mehr als gewachsen. Einer Konzerthälfte mit der Musik von Mendelssohn und Schumann würde voraussichtlich eine zweite, Brahms gewidmete folgen, doch stattdessen bildete Rachmaninows Dritte Symphonie einen schönen Abschluss dieses Abends.

Mit dem Klavier von Anfang an auf der Bühne konnte man nicht leugnen, dass Mendelssohns kurze Ouvertüre Ruy Blas ein bloßer Auftakt war: In Anbetracht der Abneigung des Komponisten gegenüber Victor Hugos Schauspiel, auf dem die Komposition gründet, ist es nicht verwunderlich, dass man sie heutzutage seltener hört als die anderen einsätzigen Stücke wie die Hebriden. Lässt man seine programmatischen Aspekte beiseite (wie Mendelssohn es versuchte, indem er es für eine spätere Aufführung in Ouvertüre zum Theater-Pensionsfonds umbenannte), so ist es effektvoll konstruiert, mit gelegentlichen Echos von Beethovens Leonore-Ouvertüre Nr. 3 und Mendelssohns eigener Sommernachtstraum-Ouvertüre. Das Eröffnungsthema präsentierte die klangvollen Blech- und Holzbläser der Philharmoniker, beantwortet von einer klaren Streicherfigur. Später hätten die Violinen in mittlerer Lage etwas frischer sein können, doch der Gesamteindruck war der einer auf Hochglanz polierten musikalischen Leistung.

Die Bezeichnung „legendär“ wird in Künstlerbeschreibungen viel zu oft verwendet, doch wenn es einen lebenden Pianisten gibt, der sich dieses Beiwort verdient hat, dann ist es Martha Argerich. Die Argentinierin ist jetzt über 70, doch ihre Interpretation des Schumann'schen Klavierkonzertes in a-Moll beweist, dass sie viel des Ungestüms und Feuers behalten hat, das ihre frühen Aufnahmen so spannend machen. Dieses Konzert war ihr erster Auftritt mit den Berliner Philharmonikern seit 2007, und, wenig überraschend, spielte sie vor randvollem Saal. Es führte sie auch wieder mit Riccardo Chailly zusammen, mit dem sie 1982 ihre viel gefeierte Aufnahme von Rachmaninows Drittem Klavierkonzert machte.

Martha Argerich hat eine berüchtigte Abneigung gegen Solo-Auftritte und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten meist für Kammermusik und Konzerte entschieden. Der Charakter des Schumann-Konzertes ist von sich aus eher kollegial als solozentriert, und das zeigte sich zum Großteil in dieser Aufführung. In den Rahmensätzen trieb Argerich gelegentlich ein wenig, sodass sich beispielsweise ihr erster Einsatz mit dem Hauptthema in a-Moll das abschließende Gis der Oboenmelodie überschnitt. Ihre Oktavpassagen (aufregend und ins Gedächtnis eines jeden eingebrannt, der jemals ihre Aufnahmen von Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 6 gehört hat) waren donnernd und drängend. Aufregend war auch die Coda des ersten Satzes mit zurückhaltender Dynamik, und das Thema des Finales war herrlich frisch, obwohl sie den Orchestermusikern gegenüber in diesem letzten Satz ein wenig dominant war.

Die ruhigeren Passagen waren jedoch noch denkwürdiger. Die zentrale Episode des ersten Satzes (mit einer wundervoll gespielten Klarinetten-Kantilene) war reizend, wie der gesamte zweite Satz, in dem Solistin und Orchester in Perfektion miteinander verbunden waren. Das zweite Thema wird hier von den Celli gespielt, das Klavier ist bloßer Begleiter, doch Argerich verwandelte die Überleitungen am Ende jeder Phrase zu magischen Träumereien. Besonders erwähnenswert waren auch die Soli von Oboe und Klarinette. Nach zahlreichen Verbeugungen spielte Argerich schließlich Schumanns „Traumes Wirren“ als Zugabe. Sie hielt sich nicht nur an die Tempo-Vorgabe Äußerst lebhaft, sondern fing auch die neckische Art dieses Stückes ein.

Wie bei vielen Werken des emigrierten Komponisten heißt es gemeinhin auch von Rachmaninows Symphonie Nr. 3 in a-Moll, dass sie das Heimweh nach seinem Geburtsland ausdrücke, und einige Melodien haben in der Tat einen ausgewiesen russischen Charakter. Die jazzigen Nonakkorde zu Beginn des zweiten Satzes aber deuten an, dass er gegen den Einfluss seiner zweiten Heimat Amerika nicht immun war. Unter Chaillys Leitung spielte das Orchester mit bemerkenswert vielfältigen Klangfarben und großem Einfallsreichtum. Der eröffnende Gedanke von Cello solo mit Dämpfer, Klarinette, und Horn mit Dämpfer mischte sich zu einem überirdischen Klang. Wann immer Rachmaninow in ein großes Tutti öffnete, beantworteten die Musiker das mit viel Enthusiasmus, wenngleich (wie so oft in Rachmaninows Spätwerken) die stolzierenden Melodien gern eine unerwartete Wendung nehmen oder vorzeitig enden. Der zweite Satz begann mit einem hinreißenden Hornsolo, und die eingeschobene Scherzo-Passage hatte an den richtigen Stellen eine graziöse Feinheit. Das Finale besaß die geschäftige Energie eines Volkstanzes und guten Kontrasten von schwärmerischen Abschnitten und ruhigeren Oasen. Diese Interpretation überzeugte vielleicht in Details mehr als im großen Ganzen, doch wenn diese einzelnen Freudenmomente so groß sind, ist das wohl kaum Grund zu klagen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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