Das Bartoli-Cenerentola-Spektakel ist in Dortmund angekommen, wo ein ausverkauftes Konzerthaus die Künstler mit aufgeregter Erwartung begrüßte. Die Tournee anlässlich des 200. Premierenjubiläums der Oper ist Ausdruck einer lebenslangen Liebesgeschichte zwischen Cecilia Bartoli und Rossinis Musik und eine, die – wie ihre Fans hoffen – so bald nicht enden wird. Die konzertante Aufführung des Abends basierte auf Cesare Lievis klassischer Inszenierung aus den frühen 90ern, die sehr nah am Libretto liegt, mit Kostümen, die eines Disney-Filmes würdig sind und keinen Elementen, die Traditionalisten herausfordern oder verstimmen könnten.

Cecilia Bartoli (Angelina) © Pascal Amos Rest
Cecilia Bartoli (Angelina)
© Pascal Amos Rest

Cecilia Bartoli ist eine Sängerin, die die Öffentlichkeit polarisiert, und zumindest einige der Gründe dafür sind nicht schwer nachzuvollziehen. Sie ist extrem in ihrem Ausdruck; ihr Gesang ist so intensiv kommunikativ, dass ihre Darstellung sehr intim wird, und mancher mag diese Forderung nach Intimität als unpassend empfinden. Ihre Hingabe an ihre eigene Sichtweise einer Partitur oder einer Figur ist absolut und allumfassend, was die Grenze zwischen gänzlich fesselnd zu irritierend überschreiten kann.

In Dortmund klang Bartolis Stimme fabelhaft. Sollte sich diese Konzertreise als ihr Abschied von der Cenerentola erweisen, kann der Grund dafür nicht in stimmlichen Herausforderungen der Rolle liegen, zumindest noch nicht. Bartolis Timbre war so verlockend wie eh und je, ihre Koloraturen perfekt; die Triller waren aufregend und die Agilität ihrer Stimme ist nach wie vor schwer zu glauben oder zu begreifen. Einer der zentralen Angriffspunkte ihrer Kritiker, die geringe Größe ihres Instrumentes, war an diesem Abend nicht auszumachen. Ihre Stimme, wenn auch nicht so groß, trug mit Leichtigkeit bis in die letzten Reihen des Konzerthauses, wo man selbst ihre wunderbaren Pianissimi entspannt genießen konnte. Ihre Interpretation war aus musikalischer Sicht immer wohlgerundet, jede Phrase das Ergebnis eines künstlerischen Gedankenprozesses. Sie versteht Rossini wirklich und bewies das mit ihrem makellosen Stil.

Begleitet wurde Bartoli von Les Musiciens du Prince, dem Barockorchester, das sie selbst 2016 mit der Opéra de Monte Carlo gründete. Das Orchester klang sehr gut, mit der unglücklichen Ausnahme des Bleches, das in fortissimo-Passagen zu sehr offenem, unkontrollierten Klang neigte, der bisweilen etwas harsch war – doch das war wirklich die Ausnahme. Im Großen und Ganzen erwies sich das Orchester als der Star des Abends. Dirigent Gianluca Capuano leitete die Musiker in einer wohlüberlegten und lebhaften Lesart der Musik. Das Orchester hob viele Details mit interessanter und aufregender Dynamik hervor und das Rossini’sche Crescendo war absolut perfekt. Einige der Tempi wahren wahrscheinlich ein Hauch zu schnell, beispielsweise im Finale des ersten Aktes und in einigen Passagen der Ouvertüre. Der Männerchor bot eine großartige Leistung, äußerst präzise und ansprechend.

<i>La cenerentola</i> in Dortmund © Pascal Amos Rest
La cenerentola in Dortmund
© Pascal Amos Rest

Die übrige Besetzung setzte sich aus Rossini-Spezialisten zusammen, die zu einer sehr erfolgreichen Vorstellung beitrugen. Tenor Edgardo Rocha zeigte als Prinz Ramiro brillante Koloraturen und mühelose Spitzentöne. Seine Stimme trug nicht so gut wie sie es hätte tun sollen und sei Timbre war vielleicht nicht das schönste, doch seine Beherrschung der Musik solide. Er besitzt zudem ein natürliches komisches Talent, das ihn auf der Bühne ansprechend spontan macht.

Don Magnifico erklang in Person von Carlos Chausson; seine Interpretation war eher die des edlen und stolzen Stiefvaters als eines bösen. Chausson besitzt eine üppige, flexible Stimme und seine Rolle ist mit drei langen Arien gesegnet, in denen er sich Momente des enthusiastischsten Jubels des Abends sicherte. Alessandro Corbelli lieh seine Stimme Dandini, dem Diener, der sich einen Großteil der Oper hinweg als Prinz verkleidet. Corbellis Stimme ist über ihre besten Jahre hinaus, doch eine robuste Technik, kombiniert mit seiner enormen Erfahrung, half dem Sänger in dieser schwierigen und fordernden Rolle. Er fühlte sich auf der Bühne sichtlich wohl und es gelang ihm, einen alternden Dandini zu einer glaubhaften Figur zu machen.

Ugo Guagliardo war glaubhaft als autoritärer, wenngleich junger Alidoro; sein Bass wurzelt in einer soliden Technik und seine Koloraturen sind strahlend und aufregend. Seine Stimmfarbe ist nicht immer gleichmäßig und verändert sich merklich in den verschiedenen Lagen, doch das steht seinem Legato nicht im Wege. Sen Guo und Irène Friedli rundeten die Besetzung als die beiden Stiefschwestern ab. Guos Sopran ist warm und weich, während Friedlis Mezzo in hoher Lage eine Tendenz zu harten Klängen zeigt. Sie unterstützten die teuflisch schweren Concertati mit großer Musikalität und gaben in ihren witzigen Kostümen urkomische Figuren ab.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

****1