Klassische Musik hat ihre eigenen Bad Boys, vom rebellischen, aufständischen Nigel Kennedy zu den Rockstar-Stilisierungen des Organisten Cameron Carpenter. Viele unserer liebsten Komponisten waren promiske Aufrührer mit einer Schwäche für Alkohol. Jean Sibelius wurde oft von seiner leidgeprüften Ehefrau aus den heimischen Kneipen gezogen, damit er Dirigatsengagements einhalten konnte, und die Lungenentzündung, die das Ende für Henry Purcell bedeutete, fing er sich ein, als er nach einer durchzechten Nacht aus seinem Haus ausgesperrt war.

Die alte Musik, bei Weitem nicht Heimat für das musikalische Pendent von historischen Kampf-Reenactern, hat ihre eigenen musikalischen Radikale. Dirigenten wie Christopher Hogwood und Trevor Pinnock verjüngten die Aufführungspraxis in den 1970ern mit Darmseiten, Blech ohne Ventil und einem knackigen, agilen Klang. Der ansteckende Enthusiasmus des kürzlich verstorbenen David Munrow für seltsame und wundervolle Krummhorn-Consorts und mittelalterliche Schalmeien zeigte, dass historische Instrumente aufregend sein können.

Teodor Currentzis ist nun der jüngste Künstler, der das Regelbuch zerreißt und klassische Musik revolutioniert. Der Dirigent hat mit MusicAeterna, dem russischen historischen Ensemble, das er 2004 gegründet hat, und seinen revisionistischen Aufnahmen von Mozarts da Ponte-Opern für Furore gesorgt. Mit kompromisslosem Image und wildem Dirigat ist der das Bildnis des klassisch Coolen. Doch hinter der Marketingmaschine steckt ein diszipliniertes Ensemble, getrieben von Currentzis’ einmaliger Vision und feingestimmt in harten Aufnahmesessions, die oft Wochen dauern. Zusammen mit ihrer regelmäßigen Partnerin Patricia Kopatchinskaja, die selbst eine herausfordernde und einfallsreiche Künstlerin ist, haben Currentzis und MusicAeterna nun auf ihrer Europatournee Halt am Berliner Konzerthau eingelegt für eine explosive Vorstellung mit Musik von Beethoven und Mozart.

Wenngleich er nicht das aufgewühlte Genie war, als das Peter Shaffers Amadeus ihn zeigte, war Mozart sicherlich ein Querulant und eine beständige Nervensäge für Familie, Freunde und Kollegen. Die Symphonie Nr. 25 in g-Moll entstand, als er noch ein frühreifer 17-Jähriger war, und ihre von Haydn inspirierten Sturm und Drang-Elemente waren wahrscheinlich eher patzige Tobsuchtsanfälle eines Teenagers als lebensmüde Angst. Für Currentzis und MusicAeterna war das Stück wie Feuer und Schwefel. Vom eröffnenden Thema, das geradezu in Rage ausgespien wurde, war diese Interpretation von Anspannung geprägt und barst vor Energie.

Patricia Kopatchinskaja ging mit ruhelosem Ton und wildem Geist weit über den Witz und die Eleganz von Mozarts Viertem Violinkonzert hinaus; ihr Solopart tanzte über dem straffen Ensemble – weniger wie eine Ballerina, sondern vielmehr wie ein wirbelnder Derwisch. Sowohl Violinistin als auch Ensemble testeten die Elastizität von Mozarts Werk aufs Äußerste mit kühnen, modernistischen Kadenzen, Kopatchinskajas Einsatz von folkloristischen Bordunklängen und östlichen Skalen; das Orchester entgegnete, indem es seine Instrumente als Perkussionsinstrumente einsetzte.

Beethoven war in vielerlei Hinsicht der ultimative musikalische Bad Boy. Der selbsterklärte musikalische Revoluzzer hatte seine Dritte Symphonie ursprünglich seinem Idol Napoleon, Radaubruder Nummer eins des 18. und 19. Jahrhunderts, gewidmet. Er änderte den Titel erst zu „Eroica“, nachdem Napoleon sich selbst zum Kaiser krönte – ein egoistischer Akt und für Beethoven völlig inakzeptabel. Currentzis’ und MusicAeternas unbändige Energie schuf Momente äußerster Klarheit und ihr instrumentales Können war allzeit erstklassig.

Und doch wurde die heroische Narrative der Symphonie zur schlichten Schwarz-Weiß-Geschichte; triumphierendes Fortissimo oder geschwächtes Pianissimo, lärmendes Presto oder begräbnisgleiches Largo. Der Beginn war explosiv und belebend, doch wenn man schon auf Stufe 10 beginnt, ist die einzige Steigerungsmöglichkeit die, im Stile von Spinal Tap auf 11 aufzudrehen. Die Zugabe, die Ouvertüre zur Hochzeit des Figaro, spielten die Musiker in Wettlauf-Tempo und machten die Tücken eines revisionistischen Ansatzes unmissverständlich klar.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

***11