Manchmal, wenn eine selten gespielte Oper gegeben wird, weiß man, warum das Stück für lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Das Gegenteil war der Fall bei George Enescus Oper Oedipe, die gestern Abend zum ersten Mal an der Royal Opera aufgeführt wurde. Enescus Musik ist das Werk eines Genies, das es verdient, zentraler Teil des Standardrepertoires zu sein.

Obwohl ihre jeweiligen Klangwelten sehr unterschiedlich sind, erinnert mich Enescu an Britten: Es gibt in seiner Musik an orchestralen Stimmungen und Timbres im Überfluss, die sich in den Händen eines Geringeren ins Verworrene wenden würden. Hier jedoch gibt einem jede Note das profunde Gefühl, richtig zu sein. Enescu kann keinen hässlichen Ton schreiben, selbst in der erschreckenden Härte großer Steigerungen. Ob er sich der elegischen, von Folklore inspirierten Linie einer einzelnen Flöte oder Oboe zuwendet, eine große, romantische Rhapsodie anlegt oder einen beeindruckenden Kirchenchoral, das Ergebnis ist überragend. Wenn Enescu Spannung aufbaut, könnte man die Musik direkt nach Hollywood schicken.

Die Fans von Actionfilmen jedoch wird Oedipe eindeutig nicht zufriedenstellen. Das Werk ist griechische Tragödie durch und durch: Wir wissen, was passieren wird; interessant ist das philosophische Argument und die Art und Weise, wie Musik und Inszenierung die Emotionen in jedem Moment einfangen. Besonders in der ersten Hälfte besteht die Oper eher aus einer Serie von Bildern als aus Handlungen.

Doch was für Bilder. Für die Inszenierung zeichnen Àlex Ollé und Valentina Carrasco mit Mitarbeitern aus ihrer bahnbrechenden, katalanischen Kompanie La Fura dels Baus verantwortlich. Ihre Fähigkeit zu überraschen zeigt sich vom ersten Augenblick der Oper an, ein theatralischer Effekt so atemberaubend, dass ich ihn nicht zu verraten wage. Seien Sie bereit.

Photographen sprechen von „Negativraum“- dem Gebrauch von leeren Flächen, um ein kleines Objekt im Kontext zu zeigen. Ollé und Carrasco müssen diese Vorlesung verpasst haben, denn in jedem Tableau ist unser Blickfeld von oben bis unten, links nach rechts mit visuellen Details von außergewöhnlicher Kunstfertigkeit gefüllt. Am kunstvollsten ist das Nachahmen der Erdfarben und flachen Bilder der klassischen griechischen Töpferei, doch die Inszenierung bewegt sich durch die Zeit. Das eindrücklichste Bild der Oper ist ein Sturzkampfflugzeug aus dem Spanischen Bürgerkrieg, ein Bild, das sich jedem katalanischen Kind als Inbegriff des Terrors eingeprägt haben muss, und das perfekte Bild, um die Sphinx zu repräsentieren, die Theben terrorisiert.

In dieser Szene erlebt die Oper auch zwei der besten gesanglichen Leistungen, von Štefan Kocán, schwer und dringlich als Wächter, der versucht, Ödipus von seinem Vorhaben abzubringen, und von Marie-Nicole Lemieux, die die extrem schwierigen Zeilen der Sphinx souverän meistert, über den gesamten Ambitus in Höhe wie Tiefe rauscht und aus dem Schicksalsakteur eine Figur aus Fleisch und Blut macht.

Die Titelrolle stellt außerordentliche Anforderungen an den Bariton, der in den gesamten zweieinhalb Stunden Spielzeit fast konstant im Zentrum der Aufmerksam steht. Johan Reuters Interpretation war packend, mit reichlich Stahl in der Stimme. Am besten lagen ihm die großen, emotionalen Höhepunkte, doch er konnte diesen höchsten Standard nicht durchweg aufrecht erhalten – mir fällt kein Sänger ein, der dazu fähig wäre, was erklären könnte, warum Oedipe nicht öfter gegeben wird – und in den leiseren Momenten gingen einige Details verloren. Doch es war eine Leistung, die tief ins Herz des Dramas traf und enorme Charakterdarstellungen ausgrub.

Weitere Protagonisten gibt es nicht. Ich könnte ein halbes Dutzend andere überragend starke Nebenrollen nennen, doch ich beschränke mich auf eine, den blinden Propheten Tiresias. Er bekommt zwei Szenen, in denen seine Verkündigungen den Kurs des gesamten Stückes ändern. Sir John Tomlinson erwies sich eines dramatischen Auftrittes fähig und ließ uns in vor Angst in unseren Sitzen zittern.

Mein einziger Kritikpunkt ist, das Peter van Praets Beleuchtung für Zuschauer oben im Amphitheater zu dunkel gewesen sein wird, während sie in der Szene, in der Ödipus seinen Vater tötet, präsentiert als Akt von Gewalt im Straßenverkehr, jeden im Parkett geblendet hat. Letzte Worte gelten dem Dirigenten Leo Hussain, der seine Royal Opera-Karriere auf die harte Weise mit einer Partitur von außergewöhnlicher Komplexität begann, die er Ersthörern unmittelbar zugänglich machte und in seiner Interpretation durchweg Farbe und Kraft vermittelte.

Oedipe ist höchst potente Oper – visuell, musikalisch, stimmlich, dramatisch. Schauen Sie es sich selbst an!

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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