Die glanzvollsten Opernkarrieren enden auf unmöglichste Weise. Verdi beendet Falstaff – seine letzte Oper – mit einer ausgewachsenen klassischen Fuge, in der die Linien der Protagonisten sich überschneiden und sich ihre Stimmen im „Tutto nel mondo è burla“ zu einem freudigen Strom verschmelzen. In der heutigen Sonntagsmatinee im Budapester Erkel Theater schien Ambrogio Maestri den Rest des Ensembles mit dem Geist des Werkes anzustecken. Der große Mann im Fettanzug hat die Rolle in den letzten Jahren zu seinem persönlichen Besitz gemacht, und obwohl er sie nun schon hunderte Male gesungen haben muss, verströmt er dabei noch immer ihr Frische und Elan. Es ist nicht nur Maestris Charakterisierung, die den Hörer für ihn gewinnen, es ist auch die Reinheit seiner Stimme. Er nutzt verschiedene Stimmen für komischen Effekt, doch eine Bank für ihn ist ein üppiger, weicher Bariton, ein großer, kuscheliger Bär von einer Stimme; eine Stimme, von der man weiß, dass sie zum Knurren werden kann, aber trotzdem eine Stimme, der man seine kleinen Kinder anvertrauen würde.

Ambrogio Maestri (Falstaff) © Péter Rákossy
Ambrogio Maestri (Falstaff)
© Péter Rákossy

Die übrigen Sänger reichten nicht ganz an Maestris Starqualitäten heran; sie boten dennoch reichlich Stimmgenuss, vor allem in den männlichen Rollen. Gunyong Nas Bariton ist ähnlich weich wie der Maestris, wenngleich weniger umfangreich und mit etwas mehr Härte – sehr passend für die Rolle des Ford. Péter Balczó sang seinen Fenton ansprechend; seine Stimme ist klar und seine Arie „Dal labbro il canto“ im zweiten Akt intonierte er mit schönem, gefühlvollem Ton. Gábor Géza gab einen unterhaltsam trinkfreudigen Pistola.

Die Leistungen der Frauenstimmen waren gemischt. Bori Keszei sang Nanetta akkurat mit leichtem Sopran, der schön gewichtet und hübsch war, der jedoch eine zusätzliche Prise Lieblichkeit hätte vertragen können. Bernadett Wiedemann in der Rolle der Quickly besitzt eine schöne hohe Lage, hatte in tieferer Lage jedoch nicht die nötige Kraft. Das galt auch für Beatrix Fodor als Alice, die allein gegen leichte Orchestrierung gut klang, doch wenn die Musik dichter wurde, entlarvte das den Mangel an schierer Kraft. Besonders im ersten Akt zerfaserten auch einige der Ensemblepassagen – die Frauen- und Herrenquartette und ein Punkt, an dem sie sich verbinden.

Ambrogio Maestri (Falstaff) © Péter Rákossy
Ambrogio Maestri (Falstaff)
© Péter Rákossy

Abgesehen von den Makeln im stimmlichen Zusammenspiel allerdings kann man Dirigent Balázs Kocsár keinen Vorwurf machen: diese Vorstellung demonstrierte, wie man bei zügigem Tempo klug und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit dirigiert, ohne je die Sänger zu übertönen oder in manischen Exzess zu verfallen. An den wenigen Stellen, an denen Verdi die Geschwindigkeit für eine lyrische Passage drosselt – entweder eine romantische für Fenton und Nanetta oder eine reflektierende für Falstaff – gab Kocsár den Sängern viel Zeit zu atmen und dem Orchester Raum, um Phrasen zu formen.

Ambrogio Maestri (Falstaff) und Gunyong Na (Ford) © Péter Rákossy
Ambrogio Maestri (Falstaff) und Gunyong Na (Ford)
© Péter Rákossy

Arnaud Bernards Bühnenbild ist dem der Robert Carsen-Produktion sehr ähnlich, die gerade in Covent Garden und an der Met gegeben wird, mit einem englischen Herrenklub im ersten Akt, einer 1050er-Sitcom im zweiten und Geweihen auf vielen Köpfen im dritten. Es gibt jedoch einige wesentliche Unterschiede. Wo Carsens Bühnenbildner Paul Steinberg die tiefe Bühne voll nutzt, verflacht Bernard den Raum und füllt unsere Sichtlinien im ersten Akt mit Jagdtrophäen oder mit einer riesigen 2D-Version von Hernes Eiche in Akt III. Das Gefühl einer TV-Sitcom ist dominant, denn die Oper beginnt mit einem Standbild des Ensembles; unterschiedliches Studioequipment liegt in den äußeren Bereichen der Bühne verstreut. Das jedoch führt zu darstellerischer Fehlzündung: In Akt II macht Bernard Alices Heim innerhalb des Bühnenaufbaus zu einer Tonbühne, doch die Sänger halten sich nicht an die imaginären Wände und so geht dem Publikum das Gefühl dafür ab, wann sich die Figuren vor der Kamera bewegen oder nicht – das Konzept wird nicht wirklich konsequent durchgehalten.

Slapstick ist in einer Oper schwer zu transportieren und das Timing war, besonders aus der Nähe betrachtet, nicht perfekt. Doch alle Sänger spielten mit viel Verve und man muss Maestri bewundern, nicht nur dafür, dass er sich in einen Wäscheschrank sperren ließ, sondern auch dafür, dass er im dritten Akt kurzerhand über die Bühne gerollt wird. Wenn das Ensemble ausgelassen Spaß hat und es offensichtlich ist, dass sich die Energie der Sänger direkt ins Publikum überträgt, dann weiß man, dass es ein erfolgreicher Falstaff war.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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