Traditionell muss nicht bedeuten: langweilig. Diese Produktion von Puccinis Turandot findet einen glücklichen Mittelweg zwischen drastischen Neudeutungen und buchstäblichen Inszenierungen, die jedem Komma im Libretto folgen. Obwohl keine der individuellen Leistungen wahre Größe erreichte, knetete Dirigent János Kovács sie alle zusammen in tempogeladenes Theater mit großem Ausdruck. Das Orchester folgte wach und knackig und genoss sein Innehalten auf wohlgewählten Phrasen. Ein zweiter Dirigent in einer Seitenloge mit den Trompeten und Posaunen half, rhythmische Straffheit zu halten. Bei den Fanfaren, die aus dieser Loge schallten, wagte man es nicht, über die paar unsauberen Töne zu meckern.

Balázs Kovaliks kaiserliches China ist bildlich üppig, ohne protzig zu wirken. Prinzessin Turandots Hof glänzt dunkel in Rot, Violett und Gold, während sich die Menge in schattigem Grau versammelt. Der Chor ist wahrhaftig der Motor hinter dem visuellen Fluss dieser Produktion. Inspiriert von japanischem Kabuki-Theater lässt Kovalik die Choristen sich beständig in einer raffinierten Choreographie bewegen und dabei obendrein superb singen. Denkwürdige Bilder gibt es im Überfluss, beispielsweise die schwebende Monddame während des Mondaufgangs oder Turandots goldverkrusteter Auftritt in Akt I dank Márta Jánoskutis atemberaubender Kostüme. Noch wirkungsvoller jedoch sind die einfachen Dinge und visuellen Symbole, die die Handlung verdeutlichen. So stehen an der Seite von Kaiser Altoum, in älterer Tenorkonvention von István Róka gekonnt gesungen, zwei Figuren, die ihre Augen von den Schrecken abwenden, die sich unter dem Thron abspielen. Die drei kaiserlichen Funktionäre Ping, Pang und Pong versuchen nicht nur Kalaf davon abzuhalten, im Werben um Turandot seinen Kopf zu riskieren. In ihrem bukolischen Trio entfernen sie ihre Theaterschminke, schlüpfen aus ihren offiziellen Charakteren und zeigen Kalaf die Antworten zu den drei Rätseln. Stimmlich waren die Minister eine perfekte Triade der Timbres, in denen der äußerst fähige Bariton Lajos Geiger (Ping) mit den beiden Tenören von László Beöthy-Kiss (Pang) und Tivadar Kiss (Pong) kontrastierte, einer flötend, der andere gewichtiger. Diese Inszenierung nimmt Gewicht von der komischen Natur der Minister und spielt auch Liùs Selbstauslöschung und Timurs Gebrechlichkeit herunter.

István Ráczs solider Tartarenkönig war alt, aber stolz, seine Stimme gravitätisch dunkel. Nachdem Liù sich selbst tötet, wird ihr Leichnam nicht davongetragen, sondern bleibt auf der Bühne als Mahnmal an Turandots blutdurchsetzter Reise zu ihrer emotionalen Blüte. Als Timur bewusst wird, dass Liù tot ist, wirft er seinem Sohn einen langen, vorwurfsvollen und angewiderten Blick zu und wir sehen, wie Turandots kalte Hülle zu bröckeln beginnt. Zita Váradi gab eine heroische Liù, die sich ihrer moralischen Überlegenheit über ihre königliche Rivalin sicher war. Mit mehr Stahl als Silber in ihrer Stimme sang Váradi ihre beiden Arien mit schönem Legato und viel Gefühl. Würde er ihr Beachtung schenken, wäre Liù in jeder Produktion zu gut für Kalaf. Das traf auf diese Liù und diesen Kalaf besonders zu.

Da er die Antworten bereit kannte, machte der Unbekannte Prinz eine große Show daraus, in der Rätselszene die Zahnräder seines Gehirns bis ins Karikaturistische rattern zu lassen. Drehte der Regisseur Kalaf eine Nase oder war es die Entscheidung des Tenors? Egal aus welchem Grunde, dies war ein besonders plumpes Portrait eines inhärent plumpen Charakters. Elf Uhr morgens ist sehr früh, um mit tenoral gezogener Waffe aufzutreten, doch das ist, was Atilla Kiss B. tat. Er schleuderte Kalafs Spitzentöne heraus, einschließlich dem gehaltenen hohen H in „Nessun dorma“, und sie waren groß, kräftig und meistens genau. Die übrige Zeit saß er stimmlich unglücklicherweise ziemlich in der Patsche, trotz Unterstützung aus dem Graben. Er kämpfte mit der Stütze in tiefer und mittlerer Lage und konnte keinen melodischen Fluss aufrechterhalten. Er schlängelte sich so gefährlich zu den Spitzentönen hinauf, dass ein jeder davon überraschte, wenn er kam. Dem zum Trotz war Kiss B. unter allen Solisten der mit der italienischsten Phrasierung. Er wusste genau, wo er Puccinis Linien nehmen musste, doch seine Stimme wollte ihm nicht so recht folgen.

Seine idiomatische Gewandtheit würde Jee Hye Hans Turandot sehr gut tun, deren stimmliche Vorzüge zahlreich sind. Hans Stimme ist keine große, doch sie besitzt genügend Volumen und wurde nur in den großen Ensembles zugedeckt. Wichtig: ihr jugendlicher Sopran bringt sichere hohe Hs und Cs, doch ihre Eisprinzessin ist noch kein fertiges Produkt. Die italienischen Doppelkonsonanten, die als einzelne ausgesprochen werden, und anders herum, sind ein Problem. Doch Aussprache kann gelernt werden, aber eine solche Stimme zu haben, die eine Turandot meistert, ist eine seltene Gabe. Diese Stimme gewann im Laufe des Nachmittags eine attraktive Farbe an. „In questa reggia“ war einfarbig, doch bei „Del primo pianto“ hatte sie einen rosigen Glanz angenommen, der auch mit mehr expressiver Freiheit und Verbindung zum Text einherging. Im Ganzen war Hans Leistung in dieser vertrackten Rolle beeindruckend und es war erfreulich, sie deren Hindernisse so souverän nehmen zu sehen.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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