Die letzte Oper in Wagners Ring-Zyklus, die Götterdämmerung, ist ein monumentales Werk mit komplexen musikalischen Motiven, das die vorangegangenen drei Opern zusammenfasst und weiterentwickelt. Allein der erste Aufzug ist zwei Stunden lang, und an diesem Abend gab es einige Wechsel in den Streichern nach diesem Akt. Trotz der Größe und Länge dieser Oper entschied sich Sir Simon Rattle sich dafür, sie wie eine Reihe Kammerkompositionen zu behandeln, eine Entscheidung, die so aufschlussreich wie interessant war. Die Serie intimer und detaillierter Gesangsszenen wechselte mit geschwinden Orchesterpassagen, und die Stunden vergingen ohne einen einzigen drögen Moment. Mit einer hervorragenden Besetzung der Gesangsrollen war es ein denkwürdiger Abend mit dem Wiener Staatsopernorchester in Bestform.

Das Bühnenbild war schlicht und überwiegend kahl. Eine große, verglaste Wand am hinteren Bühnenrand im ersten und dritten Aufzug wurde gelegentlich herunter gelassen, um einen intimeren Raum zu schaffen und Handlung im Hintergrund zu zeigen, beispielsweise, wenn Alberich während Hagens Monolog im ersten Aufzug dahinter herumschleicht. Beleuchtung in grün und rot unterstrich die Handlung. Der zweite Aufzug besaß eine geschlossenere Atmosphäre, mit zwei geneigten Wänden als Halle der Gibichungen. Die wenigen Requisiten, die verwendet wurden, schlossen kleine Bäume hinter Brünnhildes Felsen, Bänke auf der Bühne und eine Statue eines weißen Pferdes (Grane) ein. Während Siegfrieds Rheinfahrt und dem Trauermarsch wurde eine dunkle Blende herabgelassen, damit das Publikum sich ganz auf die Musik konzentrieren konnte.

Simon Rattle begann die Nornenszene und Siegfrieds und Brünnhildes Duett in gemäßigtem Tempo, doch die Orchesterpassage nach dem Abschied der beiden nahm schnell Fahrt auf. Mit superber dynamischer Kontrolle war jede noch so kleine Nuance der Streicher scheinbar klar und wunderbar artikuliert; Blech-Passagen zeigten bisweilen feine Modulation. Die Sänger wurden von einem leisen Orchester in langsamem Tempo, das der Wortdeutlichkeit dienlich war, gut unterstützt. Wenn das Orchester in die Vollen ging, beispielsweise bei Hagens Hornruf im zweiten Aufzug und dem Fall Walhalls im dritten, waren das raschere Tempo und die größere Lautstärke trotz allem wohlkontrolliert, die Musik floss naht- und makellos. Ich bezweifle, dass ein anderes Orchester auf eine so anspruchsvolle Interpretation mit solcher Leichtigkeit eingehen könnte.

Männliche Protagonisten trugen sehr zum Erfolg der Vorstellung bei. Stephen Gould war nicht nur wie üblich ausdauernd, seine Stimme zeigte auch entwickelte Schönheit und Nuance. Wie auch andere Sänger schien Gould von der frischen, aufschlussreichen Regie zu profitieren, und er gab einen ungewöhnlich verständnisvollen, nachdenklichen Siegfried mit weichem Gesang, der genauso wirkungsvoll war wie sein Fanfarentenor. Falk Struckmann, ein vielgepriesener Wotan, nahm nun „tiefere“ Bassbariton-Rollen an. Sein Hagen mag kein konventioneller „dunkler“, „tiefer“ sein, doch es war eine faszinierende Leistung. Seine soliden hohen Töne, zusammen mit seinem recht jugendlichen baritonalen Timbre war in der Szene mit seinem Vater Alberich und Richard Paul Finks tieferem, feinkörnigerem Bassbariton sehr wirkungsvoll. Struckmanns Hagen war sowohl ein scheinbar fürsorglicher Halbbruder für Gunther und Gutrune als auch ein nach außen hin mitfühlender Verbündeter Brünnhildes. Struckmanns stimme war in allen Registern deutlich hörbar, und in der Hornruf-Szene war er stimmlich und körperlich dominant.

Evelyn Herlitzius hingegen nutzte ihre Körperlichkeit, um eine überspannte und bisweilen verrückte Brünnhilde zu porträtieren, zwar nicht mit besonders schöner oder warmer Stimme, doch ebenmäßig und bruchlos durch alle Register, mit sauberen Spitzentönen. Ihre Opferszene ersetze keine Erinnerung an viele der herausragenden Brünnhildes, doch war solide und bedacht gesungen. Boaz Daniel als herausragender Gunther war eine starke dritte Stimme im Rachetrio des zweiten Aufzugs; Caroline Wenbornes Gutrune war stimmlich zunächst etwas unruhig, doch sonst sang sie die Rolle des unwissentlichen und von Schuld geplagten Gegenstücks in Hagens Plan. Es war ein interessanter Kniff, dass Hagen und nicht Gutrune im ersten Aufzug Siegfrieds Trunk präparierte, der ihn Brünnhilde vergessen lassen würde. Gesang und Personenführung der Nornen und Rheintöchter war ebenfalls gut, wobei Ildiko Raimondi als dritte Norn und Ulrike Helzel als Wellgunde besonderen Eindruck machten. Anne Sofie von Otter, die spät in ihrer Karriere eine Wagner-Rolle spielte, war als Waltraute trotz ihres exzellenten stimmlichen Spiels leider nicht kräftig genug.

Das Ende des Rings, die Opferszene und der folgende Fall Walhallas ist eine der am schwierigsten zu inszenierenden Szenen, da die Musik die Handlung so ausdrücklich abbildet. Die Wiener Lösung der aktuellen Produktion löste dieses Problem nicht nur erfolgreich, sondern war auch recht bewegend. Die Leinwand vor der Bühne zeigte einen Ring aus Feuer, der Brünnhilde mit Siegfrieds Leiche und Grane (alle unter die Bühne abgesenkt) umgab, gefolgt von einer Projektion von Wellen, die den Rhein darstellten. Dabei hob sich mit einem weiteren Ausbruch von Feuermusik ein Podest, auf der Wotans Gestalt mit Helm und zerbrochenem Speer stand, zunächst mit dem Rücken zum Publikum. Doch als das Podest wieder abgesenkt wurde, mit dem Bild von Feuer auf der Leinwand, das diesmal Wotan umgab, drehte sich die Gestalt nun zum Publikum um, als wolle sie sagen „dies ist mein Ende, und Sie sind Zeuge davon!“ Damit verdunkelte sich die Bühne allmählich, und das Publikum verharrte still, viele lange Sekunden nachdem die letzten Töne verklungen waren.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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