Ein Besuch einer Oper oder eines Konzertes mit der slowakischen Sopranistin Edita Gruberová ist immer ein Erlebnis. Sie ist einzigartig, nicht nur durch die Länge ihrer Karriere, sondern auch in ihrer andauernden Spezialisierung im bel canto-Repertoire, die sowohl Wendigkeit als auch Schönheit in der Ausführung der Koloraturen verlangt, ganz zu schweigen von der technischen Sicherheit, um Legatobögen zu halten und auch hohe Töne ohne Anstrengung zu erreichen. Das Publikum erwartet nur das Beste von ihr, und der Druck, dieser Erwartung gerecht zu werden, muss enorm sein.

Die minimalistische Inszenierung wurde 2009 zum ersten Mal für die Gruberová aufgenommen. Direktor Christof Loy nutzt, für ihn typisch, eine hohe, hellgraue Wand als Hintergrund, mit dunkelgrauen Böden. Kurz bevor die Musik anhebt, sehen wir junge Männer in schwarzem Anzug, Krawatte und weißem Hemd auf die Bühne schlendern. Riesige Lettern in weiß, LUCREZIA BORGIA, sind an der Hinterwand befestigt, und als die Oper beginnt, besingen die Männer diese gefährliche Adlige. An Don Alfonsos Hof im ersten Akt sind die Buchstaben hell erleuchtet, und schließlich wird das „B“ von Gennaro herab gerissen – ein metaphorisches Entstellen von Lucrezias Wappen.

Die einzigen verwendeten Requisiten sind Stühle und ein Tisch im ersten Akt und dienen der Darstellung des Hofes von Lucrezias Ehemann Don Alfonso. Die Stühle werden zahlreicher zu Beginn des zweiten Aktes, in dem viele Männer in traditionellem Kostüm als Spione und Diebe auf der Bühne umhergehen, manche von ihnen tragen Waffen. Die dicht bevölkerte Bühne fängt die düstere Atmosphäre des Aktes ein, und die Musik verheißt Gewalt und Tod. Als die Freunde von Lucrezias (unwissentlichem) Sohn Gennaro am Ende der Oper vergiftet werden, setzen diese sich schlicht am hinteren Ende der Bühne mit dem Rücken zum Publikum, um ihren Tod darzustellen. Gennaro folgt ihnen in den Tod, doch sie alle verbleiben auf der Bühne und werden Zeugen von Lucrezias Schmerz, als sie ihren Sohn sterben sieht, getötet von ihrer eigenen Hand.

Die graue Wand, die zu Anfang als Rückwand der Bühne diente, verschiebt sich in Akt I leicht nach rechts, und schon in Akt II schließt sie nicht einmal mehr die Hälfte der Bühne nach hinten ab; die Buchstaben sind fast nicht mehr zu sehen. Das Verschieben der Wand und das damit einhergehende Verschwinden der Buchstaben scheinen auf den Zerfall von Lucrezias sorgfältig konstruierter Welt von Macht und Treue zu deuten. Der Auftritt ihres verlorenen, unehelichen Sohnes weckt eine warme, mütterliche Liebe in ihr, doch selbst sie führt schließlich zu seiner und auch ihrer Zerstörung.

Verdi soll stark von Donizetti beeinflusst worden sein, und die aktuelle Verbindung von Lucrezia Borgia und Rigoletto beim Caramoor Festival in New York konzentriert sich auf die Ähnlichkeit der beiden Werke. In Loys Konzept ist die Anziehung zwischen Lucrezia und Gennaro eindeutig eine Mutter-Sohn-Beziehung ohne jegliche sexuelle Konnotation. Rigoletto ist eine Vater-Tochter-Liebesgeschichte, und die Parallelen zwischen den beiden Opern wird in dieser Produktion deutlich. Im Komponieren beruft sich Verdi stark auf Donizetti, und es ist auffällig, wie Elemente des Trinklieds von Gennaros bestem Freund Orsini im zweiten Akt, gesungen von einem Mezzosopran, sich in Prinzessin Ebolis Schleierlied in Don Carlos wiederfinden. Der musikalischen Parallelen zwischen Donizetti und Verdi gibt es viele, aber Donizetti bewegt sich stets im Reich des bel canto, mit Arien, Duetten, Trios und Chören die alle lyrischen Gesang, unterstützt von solider Technik, erfordern.

Die musikalische Darbietung dieses Abends war durchweg stark. Der Dirigent begann das Präludium in wohl überlegtem Tempo, doch mit Einsatz des Gesanges trieb er das Orchester und damit die musikalische Handlung ohne bemerkenswerte Unterbrechungen an. Bis auf kleinere Patzer in den Trompeten spielte das Orchester äußerst gut und meisterten die rasend schnellen Passagen, ohne jemals größere Strukturbögen aus den Augen zu verlieren. Unglücklicherweise übertönte das Orchester die Sänger im dramatischen Trio am Ende des ersten Aktes, bot sonst aber große Unterstützung für die Sänger.

Der Männerchor war außergewöhnlich und seine körperliche Aktion geschickt gehandhabt. Pavol Bresliks wundervoller und jugendlicher Tenor setzte sich über das Orchester, und obwohl sein stimmliches und körperliches Schauspiel bisweilen etwas monoton war (die meiste Zeit sang er im forte), so versöhnten seine klare Phrasierung und seine Fähigkeit, auf einem Bein zu stehen und herumzuhüpfen, während er schwierige Passagen sang. John Relyeas voller Bassbariton ist der dramatischen Betonung fähig, und er war ein solider Partner für Gruberová. Silvia Tro Santafe zeigte exzellent hohe Töne für einen Mezzo, und ihr Duett mit Breslik im zweiten Akt war besonders bemerkenswert. Auch die Nebenrollen waren gut gesungen, wobei besonders Dean Powers strahlender Rustighello Eindruck machte.

Edita Gruberová mag wohl an diesem Punkt in ihrer Karriere nicht mehr in der Lage sein, alle Töne akkurat zu singen, und besonders die tiefen sind sichtlich angestrengt. Sie besitzt jedoch die einzigartige Fähigkeit, verschiedene Emotionen einer Figur durch Färbung ihrer Stimme und wechselnder Lautstärke auszudrücken, und ihr Gesang ist mit jedem Wort des Textes direkt verbunden. Ihre mittleren bis hohen Töne sind noch immer durchdringend aber elegant und die großen Passagen laut und deutlich. Ihre Auftrittsarie ist herzergreifend in ihrer Zärtlichkeit und ihrem Verlangen, und von diesem Punkt an ist man von dieser wunderschönen und eloquenten Stimme so begeistert, dass ihr kleinere Ausfälle und gelegentliche unhörbare Töne gerne verzeiht. Man begleitet sie auf einer emotionalen Reise, die mit einem herzzerreißenden, rührenden letzten Duett mit ihrem Sohn endet. Sie ist wahrlich eine Meisterin ihrer Kunst..

Nach langen Ovationen am Ende der Vorstellung betraten der Direktor des Opernhauses und ein Minister die Bühne, um Edita Gruberová zu ihrem 40. Jubiläum an der Staatsoper zu gratulieren. Zwischen Blumen und guten Wünschen dankte die Diva allen und versprach, dass das noch nicht das Ende sei. So Gott will, wird sie wieder nach München zurückkehren, um zu singen. Applaus brandete erneut auf – es war ein wahrlich denkwürdiger Abend.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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