Die Opernwelt war in heller Aufregung, als Anna Netrebko ihre Rolle in Manon Lescaut zwei Wochen vor der Premiere aufgrund künstlerischer Differenzen mit Intendant Hans Neuenfels niederlegte. Was könnte einen so kurzfristigen Ausstieg veranlasst haben? Würde es wohl eine besonders kontroverse Inszenierung werden? Die Antwort darauf ist ein klares „nein“. Sie ist sicherlich modern und etwas bizarr, doch sie ist so kohärent wie musikalisch feinfühlig. Gibt man nun noch eine Star-Besetzung aus talentierten Schauspieler-Sängern hinzu, so hat die Bayerische Staatsoper definitiv einen Hit gelandet.

Neuenfels stellt das Schauspielen und die Charaktere an erste Stelle, sogar seine etwas merkwürdigeren Ideen lenken nicht davon ab, dass er eine fesselnde Geschichte von Treulosigkeit und dem Untergang geweihter Liebe erzählt. Ebenfalls herausragend ist seine Personenregie, in der sich die Sänger mit der Musik oder in Reaktion auf die Musik bewegen – eine gute Möglichkeit, eine Inszenierung besser mit der Partitur zusammenzuführen, ganz gleich, welchen visuellen Stil man wählt. Einer seiner geglücktesten Einfälle ist der Gebrauch von Textprojektionen zwischen den Akten, die uns einen Einblick in Manons und Des Grieuxs Gedanken gibt. Diese Zusammenfassungen von Geschehnissen und Gefühlen in der ersten Person helfen, eines der größten dramatischen Probleme der Oper zu lösen: zwischen jedem Akt vergehen mehrere Monate, und diese Monate sind voller Ereignisse, die für die Beziehung der Liebenden wichtig sind, doch die wir nicht sehen.

Die Kostüme und das Gebaren des Chores zeigen am deutlichsten, dass dies keine typische modern-kostümierte Opernproduktion ist. Die Protagonisten tragen durchweg schwarz, und als rothaarige Oompa-Loompas in silbernen Raumanzügen scheinen die Chormitglieder wie außerirdische Touristen (geleitet von Edmondo in Zirkusdirektorentracht). Sie sind begeistert von der Interaktion der Protagonisten, doch zunächst verblüfft von deren Emotionen. Für den zweiten Akt legen sie purpurne Priesterroben und Kreuze an; sie scheinen das, was sie sehen (Manon, die Gerontes Juwelen und Zärtlichkeiten annimmt) als fast religiöses Ritual zu betrachten. Vielleicht sind sie verwirrt von den irdischen Bräuchen? Sie bejubeln De Grieux, als er einen Platz auf Manons Schiff nach Amerika ergattert; für diese touristischen Betrachter ist dies das Happy End der Geschichte. Den letzten Akt sehen sie nicht. In Amerika sind Manon und Des Grieux allein auf einer blanken Bühne, hart von oben im Büro-Stil mit Neonröhren beleuchtet.

Kristīne Opolais und Jonas Kaufmann haben diese Rollen bereits zusammen gespielt, und das merkt man auch: Sie können kaum die Finger von einander lassen, wenn sie zusammen auf der Bühne stehen, was Des Grieuxs besessene Liebe glaubhafter macht. Auch stimmlich passen sie gut zusammen, mit individuell unverwechselbaren Stimmen, die sich in ihren Duetten dennoch schön mischen, und selbstverständlich glänzen die beiden auch solistisch. In Opolais' „Sola, perduta, abandonata“ zeigt sie vielfältige stimmliche Texturen, von rein und luftig zu hart und kantig. Registerwechsel gelingen nicht immer weich, doch sowohl ihre tiefen als auch hohen Töne sind stark in dieser breitgefächerten Rolle. Für Kaufmann ist dies die erste Vorstellung nach einer Reihe krankheitsbedingter Absagen, doch er scheint wieder gut bei Stimme zu sein. Selbst wenn er auf die Knie fällt, am Boden liegt oder umher rollt, bringt er noch seinen charakteristischen dunklen, volltönenden Klang hervor. Gerade im letzten Akt ist seine Stimme besonders herrlich, als er die sterbende Manon verzweifelt um eine Antwort anfleht.

Als Manons Bruder beeindruckt Markus Eiche mit seinem warmen Bariton und seiner lässigen Darstellung unverfrorener Gier. Roland Brachts Geronte ist ein gruseliger, rachsüchtiger Lustmolch mit Fußfetisch, doch wenigstens einer, der gut singt. Okka von der Damerau verblüfft mit ihrer stimmlichen Kraft und Klarheit als Musikant im zweiten Akt.

Unter der Leitung von Maestro Alain Altinoglu kreiert das Bayerische Staatsorchester einen knackigen, energiegeladenen Klang. Das Koordinierung ist präzise, die dynamische Auswahl klar. Die Streicher verharren in einigen besonders lyrischen Momenten, doch das ist bei Puccini zu erwarten. Alles in allem ist der Klang ausgezeichnet, sein einziges Manko ist, dass er die Sänger gelegentlich übertönt. Gleiches Lob und gleiche Kritik gelten dem Chor: wundervoll gesungen (und gespielt), doch es ist frustrierend, wenn die Solisten untergehen.

Am Ende der Oper wurde das Produktionsteam mit den üblichen vereinzelten Buh-Rufen begrüßt, aber die Nörgler wurden schnell von den Zuhörern übertönt, die ihre Leistung schätzten. Das Talent und die harte Arbeit der Sänger, die kompetente und präzise Leitung Altinoglus und Neuenfels' runde und ungewöhnliche Inszenierung – all das verdient enthusiastischen Applaus.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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