Otello als Opfer der Gesellschaft, eine Peter Grimes-Figur, bis zum Ende verfolgt vom Volk und seinem Strohmann Iago. Das ist nur eine Facette von Michael Thalheimers faszinierender Auslegung von Verdis Oper, die von der Flämischen Oper, wo sie im Frühjahr Premiere feierte, nach Düsseldorf kam, wo sie jetzt die neue Spielzeit der Deutschen Oper am Rhein eröffnete. Es ist der schon berühmte „schwarze“ Otello, eine Inszenierung, die sich fast ausschließlich in einer monochromen Welt abspielt – ein schwarzer Kasten als Bühnenbild und schwarze Kostüme für alle Sänger. Das weiße Taschentuch und das weiße Hochzeitskleid, mit dem Otello Desdemona erwürgt, sind die einzigen Ausnahmen.

Jacquelyn Wagner (Desdemona), Boris Statsenko (Iago) und Zoran Todorovich (Otello) © Hans Jörg Michel
Jacquelyn Wagner (Desdemona), Boris Statsenko (Iago) und Zoran Todorovich (Otello)
© Hans Jörg Michel

Das Konzept ist, dass wir uns in Otellos Gedanken befinden, wo Iago effektiv seine eigene dunkle Seite darstellt, den Teil von ihm, der eine Eifersucht schürt, die bereits in ihm glimmt – Otello ist allem Anschein nach praktisch selbst sein ärgster Feind. Seine Selbstzerstörung resultiert aus der Tatsache, dass er ein Außenseiter der Gesellschaft ist, abgewiesen, weil er anders ist – sein Anderssein wird symbolisiert durch eine schwarze Maske, die die heutige Blackface-Debatte umschifft und doch mit dem Anderssein resoniert, die im Herzen von Shakespeares Drama liegt.

Boris Statsenko (Iago) und Zoran Todorovich (Otello) © Hans Jörg Michel
Boris Statsenko (Iago) und Zoran Todorovich (Otello)
© Hans Jörg Michel

Der schwarze Kasten ist zudem wie eine Gefängniszelle, in der Otello in seinem Schicksal gefangen ist. In dieser Schale ist die Regie oft stilisiert; Figuren verschwinden auf Hebebühnen oder singen die großen Ensembles in einer Reihe. Iago singt sein Credo erleuchtet von einem großen, weißen Kreuz, während Otello hinter ihm verschiedene Kreuzigungsposen einnimmt. Am wirkungsvollsten ist es in der ersten Szene, in der sich der Chor mit ominöser Absicht wieder in einem anonymen Block Menschlichkeit nach vorne stiehlt, als um die Sänger herum der Sturm tobt. Naturalismus tritt notwendigerweise in den Hintergrund; die Beleuchtung ist bemerkenswert wirkungsvoll, doch oft am absoluten Minimum und man kann sich voll auf die Charaktere und ihre Interaktion konzentrieren. Der dramatische Sog ist deshalb unerbittlich und führt unvermeidlich zu einem tragischen Ausgang, der vom ersten Takt an unausweichlich scheint.

Viel dieser Intensität ist auch Axel Kobers Dirigat zu verdanken, der im Graben eine prägnante Interpretation vorantreibt, die doch voller subtiler Färbung und Zärtlichkeit ist. Das überragende Düsseldorfer Symphonieorchester spielte sich die Seele aus dem Leib, mit vielen vielsagenden individuellen Details: verdientes Lob an die fünf Kontrabässe, die in der Pause ihr Gruppensolo perfektionierten, das der verhängnisvollen Steigerung hin zu Desdemonas Strangulierung unterliegt – und es machte sich bezahlt.

Jacquelyn Wagner (Desdemona) und Zoran Todorovich (Otello) © Hans Jörg Michel
Jacquelyn Wagner (Desdemona) und Zoran Todorovich (Otello)
© Hans Jörg Michel

Der serbische Tenor Zoran Todorovich, Kalaf in der Turandot der Oper am Rhein in der vergangenen Spielzeit, erwies sich als noch passenderer Interpret des Mohren von Venedig: seine kraftvolle, prägnante Stimme ermüdete nicht und er verlieh seinem Gesang in der zärtlichen Szene mit seiner Frau im ersten Akt viel Subtilität. Boris Statsenko, der ansässige Bass-Schuft der Oper am Rhein (man kann sich ihn gut als Scarpia vorstellen), gab einen herrlichen Iago. Unter dem Druck des schallenden Credo zeigte sich nur einen Moment lang stimmliche Anstrengung, sonst aber präsentierte er sich eindrucksvoll in Stimme wie Bühnenpräsenz, selbst wenn er sich der Schurkengrimassen nicht gänzlich erwehren konnte – das Weiße seiner Augen kann ordentlich leuchten. Die Desdemona der amerikanischen Sopranistin Jacquelyn Wagner war eine wahre Freude: sie besitzt ein wunderbares, offenes Timbre bei jedem Ton in allen Lagen und zeigte eine Bühnenfigur, die Selbstsicherheit ausstrahlte und Mitgefühl für ihre Rolle erweckte.

Auch die Nebenrollen - Ovidiu Purcels glaubhafter Cassio und Sarah Feredes wohltönende Emilia – wurden meisterhaft gesungen und die Stärke und Strahlkraft des Chores ließ einen wünschen, dass Verdi den Chor öfter eingesetzt hätte, obwohl es gerade genug Chorstellen gibt, um Thalheimers glühendes Bild dessen zu rechtfertigen, was man nur als pures Theater beschreiben kann.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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