Eine Brahms-Symphonie kann man nicht als zu selten gespielt bezeichnen, aber die Dritte ist wohl die, die am seltensten der vier gegeben wird. Ihr explosiver erster Satz und das tiefgehende, lyrische Intermezzo des dritten sind wunderbare Beispiele von Brahms‘ unnachahmlichem Orchesterstil, doch in vielerlei Hinsicht zeigen die Symphonien auch Brahms‘ konservativste Seite. Mit de sehr gewichtigen ersten Satz und den vergleichsweise leichten, kurzen restlichen Sätzen besitzt diese Symphonie mehr als alle anderen eine klassische Struktur und beginnt mit dem wichtigesten musikalischen Material, ganz nach Haydns Modell.

Die Kombination einer Brahmsschen und einer Schumannschen Symphonie scheint zunächst völlig einfallslos, denn die beiden Komponisten waren miteinander bekannt und erscheinen regelmäßig zusammen auf CD-Aufnahmen und in Konzerten. Zwei Symphonien in einem Programm folgt nicht unbedingt dem Standard-Modell „Ouvertüre – Konzert – Symphonie“, und doch gibt es viele aufschlussreiche Aspekte in dieser Kombination. In Schumanns Rheinischer Symphonie hört man die Leichtigkeit und den Intermezzo-Charakter, die bei Brahms in den Mittelsätzen präsent sind, gleichwohl spiegelt sich Brahms‘ musikalische Kraft bisweilen in Schumann. Aber nicht nur die Ähnlichkeiten, auch die Unterschiede werden deutlich hervorgehoben. Nur zu schnell vergisst man, wie spät im 19. Jahrhundert Brahms eigentlich gelebt hat, und dass seine dritte Symphonie 1883 geschrieben wurde, ganze 30 Jahre nach Schumanns Dritter, und obwohl Brahms‘ Glaube an traditionelle Formen immer offensichtlich ist, so war er doch ein durch und durch moderner Komponist.

Die Berliner Philharmoniker haben einst, noch unter ihrem legendären, ehemaligen Chef-Dirigenten Herbert von Karajan, den Standard für dieses Repertoire festgelegt. Das romantische Repertoire machte das Hauptgeschäft von Konzerthäusern in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus, und die Philharmoniker setzen die Maßstäbe, an denen alle anderen gemessen wurden. Seit Simon Rattle vor über zehn Jahren seinen Posten angetreten hat, hat sich der Schwerpunkt des Orchesters deutlich verlagert, weg von den Klassikern des 19. Jahrhunderts und hin zu Werken des 20. und 21. Jahrhunderts. Dieses Orchester fühlt sich bei Schumann und Brahms nun nicht mehr recht wie zu Hause, und Rattle selbst kam, wie er selbst zugab, erst spät zu diesem Repertoire.

Rattle ist ein Meister des Klangs, und er entlockte diesem virtuosen Orchester, mit dem sich nur wenige messen können, ein breites Spektrum an Farben. Vom scharfen Anfang der Rheinischen Symphonie zum stoischen Choral im zweiten Satz bei Brahms sah man eine Liebe zum Details im Klang, die umittelbar beeindruckt. Die pianissimo-Passagen sind besonders bemerkenswert und bieten wahrlich transformative Momente im Schumann; in Rattles Händen ist Schumann eindeutig ein romantischer Komponist, nicht eine klassisch-gesinnte Erweiterung von Beethoven, als die ihn viele sehen.

Der klangliche Fokus dieses Konzertes aber ging auf Kosten von rhythmischem Detail, Leichtigkeit, und manchmal sogar dem Zusammenspiel. Dem Anfang der Schumann-Symphonie mangelte es an rhythmischer Vitalität in den Hemiolen, und es gab Augenblicke, in denen Streicher und Bläser schlicht nicht zusammen waren. Im zweiten Satz hörte man schön geschmiedete Phrasen, er floss geradezu, doch auch hier fehlte es an Vitalität im Übergang vom lyrischen Anfang zum rhythmischen zwiten Teil, zu wenig Profil in den weichen Achteln. Der vierte Satz war da schon besser mit lebhaften Pizzicati, das Finale jedoch war abermals von Problemen im Zusammenspiel gezeichnet, vor allem in den abschließenden più mosso-Passagen.

Brahms‘ ausgedehntere Komposition funktionierte besser mit diesem Ansatz, und es gab eine wirklich transformative Momente. Das Duett von Horn und Oboe im ersten Satz und der Bläserchoral im zweiten waren atemberaubend, und die Reprise des wunderschönen Themas des dritten Satzes bot ganz neue Einsichten mit jeder Wiederholung, immer wieder ergreifend. Das Finale war wirklich eine Reise in Rattles Händen, von der gespenstischen Unsicherheit zu Beginn bis zu den himmlichen Schlussakkorden.

Es gab viel Lobenswertes in diesen beiden Interpretationen, und Rattle gab neue Einsichten in beide Werke, doch ob es nun in der Mammut-Aufgabe lag, beide Symphonien gleichzeitig vorzubereiten, oder an der Unvertrautheit des Orchesters mit dem Repertoire, es gab grundlegende Mängel in dieser Aufführung; Probleme, die man von einem Ensemble, das weithin als das beste Orchester der Welt betrachtet wird, nicht erwartet.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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