Die Inszenierung von Das Rheingold an der Oper Leipzig von 2013 ist in zwei Dingen einzigartig. Erstens, die gesamte Oper hat das gleiche Bühnenbild, eine riesige Eingangshalle eines wohlhabenden gutbürgerlichen Hauses mit einer Wendeltreppe in der Mitte, flankiert von zwei enormen Wänden. Der Vorhang bleibt durchgängig gehoben, wodurch die flink gehandhabten Szenenwechsel während der Orchesterzwischenspiele für alle sichtbar waren. Der einzige Hinweis auf den Rhein war eine kleine Wasserlacke im Foyer, die nach der ersten Szene aufgewischt wurde. Alberich stahl das Gold aus einer Vitrine. Die zweite Szene wandelte die Eingangshalle in Wotans Wohnzimmer mit Sofas und einem Tisch. Die Götter trugen Kleider des gehobenen Mittelstandes zur Jahrhundertwende, die Riesen in Anzüge und riesige Zylinder.

Karin Lovelius (Fricka) und Tuomas Pursio (Wotan) © Tom Schulze
Karin Lovelius (Fricka) und Tuomas Pursio (Wotan)
© Tom Schulze

Wotan und Loge stiegen durch ein enges Fenster, das sich unterhalb des Foyers öffnete, hinab nach Nibelheim. Mime erschien von links mit seinen Hammerwerkzeugen. Am Ende der Oper, nachdem die Götter über die Treppe in ihre Schlafzimmer hinaufgestiegen waren, gingen die Rheintöchter mit geneigten Köpfen über die Bühne. Die finale glorreiche Musik wurde vor einer leeren Bühne gespielt. Die Glasdecke des Raumes als wichtigste Lichtquelle zu verwendet war schlau und effektvoll; blaues Licht für die erste Szene, strahlend weißes für die zweite, rotes für die dritte Szene und Regenbogenfarben am Ende.

Die zweite herausstechende Eigenschaft dieser Produktion ist die allgegenwärtige Präsenz von zwölf Tänzern als mythische Elemente. Sie waren Requisiten, halfen bei Szenenwechsel, Zuschauer, Kommentatoren, begleiteten Erda sogar als Nornen. Manche spielten Wotans Raben, andere Tiere. Alberich verwandelte sich in einen gigantischen Wurm, umgeben von Tänzern. Anders als bei anderen Opern, die Tänzer einsetzen, funktionierten diese zusätzlichen “Körper” in dieser Inszenierung gut. Die Choreographie der Regisseurin Rosamund Gilmore, selbst eine ehemalige Tänzerin, war präzise und respektierte die Musik. Alle Bewegungen und Emotionen der Sänger wurden akribisch herausgearbeitet. Wotan war ein arroganter, dennoch verwirrter, Frauenheld, der versuchte seine Würde angesichts eines aussichtslosen Dilemmas zu bewahren. Fricka wusste bereits über Wotans Marotten und Selbstsüchtigkeit Bescheid. Alberich war nicht so sehr ein Ausgeburt des Bösen, sondern wurde durch die Gedankenlosigkeit anderer böse gemacht. Loge war ein Clown, ein Manipulateur, ein flatterer, der seine Verachtung für die Familie nur schwer verstecken konnte. Das Schauspielern war an manchen Stellen lustig, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Wotans Familie schien hier eine Parodie auf das Bürgertum zu sein, das sich nur allzu oft zu wichtig nimmt. Die Regisseurin meinte vielleicht, dass Humor ein gutes Mittel wäre, um das Publikum miteinzubeziehen. Und es funktionierte. Die Oper entwickelte sich zu einem sarkastischen Familiendrama, voller Ironie und Pathos.

Stephan Klemm (Fasolt), James Moelenhoff (Fafner), Sandra Trattnigg (Freia), Karin Lovelius (Fricka) © Tom Schulze
Stephan Klemm (Fasolt), James Moelenhoff (Fafner), Sandra Trattnigg (Freia), Karin Lovelius (Fricka)
© Tom Schulze

Es war ein Vergnügen das legendäre Gewandhaus Orchester unter Ulf Schirmer Wagners Musik spielen zu hören. Die Tempi waren flott, ohne gedrängt zu wirken. Der Dirigent entschied sich, Phrasen nicht mehr als nötig auszudehnen, und war mehr daran interessiert, die Handlung voranzutreiben und die Sänger mit einer gedämpften Dynamik zu unterstützen. Und trotzdem schimmernden die Streicher in entscheidenden Momenten und ließen uns den nicht vorhandenen Fluss erahnen; die Freude der Rheintöchter beim Anblick des Goldes war greifbar in den Holzbläsern; das Blech zauberte das Bild einer Festung auf die leere Bühne; Kontrabässe und Pauken warnten uns vor einem unheilvollen Ende. Ich hörte vielleicht ein oder zwei falsche Töne, aber im Allgemeinen war es eine makellose und brillante Orchesterleistung. Von den Sängern stach vor allem Thomas Mohr heraus, sein Tenor war voller Farbe und Beweglichkeit, offenbarte den komplexen Charakter eines Gauners, der ebenso ein mitfühlender Halbgott ist. Er hauchte jedem Wort Bedeutung ein, flüsterte Intrigen und Komplotte. Seine klaren und klingenden hohen Töne schnitten durch das Orchester; sein Legato ließ mich erkennen, dass man Wagner als Mozart singen kann. Dan Karlström als Mime holte das meiste aus seiner kurzen Szene mit gutem stimmlichen Schauspiel heraus. Bernhard Berchtold war ein eleganter Froh, sowohl in der Stimme als auch im Aussehen.

Jürgen Linn (Alberich) und Dan Karlström (Mime) © Tom Schulze
Jürgen Linn (Alberich) und Dan Karlström (Mime)
© Tom Schulze

Es wurde angekündigt, dass Tuomas Pursio (Wotan) etwas angeschlagen sei. Sein klarer und leichter Bariton war eine gute Wahl für den jugendlichen und ehrgeizigen Gott. Er konnte seine Stimme nicht sehr abschattierten, sodass es an Feinsinn und Abstufungen mangelte, aber möglicherweise lag es an seinem Unwohlsein. Er machte eine gute Figur auf der Bühne und war ein großartiger Schauspieler. Jürgen Linn war ein erfahrener Alberich, aber seine Stimme war teilweise rau und abgenutzt. Jürgen Kurths Donner und Henriette Göddes Erda, ersterer wurde für seine letzte Vorstellung als Ensemblemitglied geehrt, letztere ist noch am Beginn ihrer Karriere, hinterließen einen starken Eindruck.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz