Stellen Sie sich vor, man kombinierte Scifi-Konzepte aus A Brave New WorldThe Revenge of the Body Snatchers2001 A Space Odyssey und Star Wars. Jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Geschichte mit Musik von Strauss' symphonischen Dichtungen über Jazz und Filmmusik bis hin zu Musical und moderner Oper unterlegt wird. Fügen Sie dann dem Ganzen ein riesiges Ensemble hinzu: das ganze Paket von Solisten, Tänzern, einem ansehnlichen Kinderchor, volle Orchesterbesetzung mit den ganzen modernen Perkussions- und Blechbeilagen und sogar ein Knabensopran, gekleidet wie Der Kleine Prinz. Statten Sie alle mit LED-Lichtern aus, bauen Sie ein Bühnenbild, das von enormen Papierbäumen bis zu futuristischen Strukturen von Stahl und Stoff reicht, und stellen Sie sicher, dass durchweg teure Videoprojektionen eingewirkt werden. Stellen Sie alles auf die größte Drehbühne Europas und Dennis Russell Davies ans Pult und vergessen Sie nicht, als Ende des ersten Aktes – visuell und akustisch – einen Raketenstart live zu simulieren. Herzlichen Glückwunsch; Sie haben soeben etwas Vergleichbares wie Moritz Eggerts Opernschöpfung Terra Nova oder Das Weiße Leben geschaffen.

Michael Wagner (Titov) © Ursula Kaufmann
Michael Wagner (Titov)
© Ursula Kaufmann

Diese Produktion ambitioniert zu nennen wäre eine eklatante Untertreibung, so als beschriebe man Bill Gates als „finanziell stabil“, oder als behaupte man, Jeffrey Dahmer „hatte eine leichte Essstörung, die sich auf seine Beziehungen auswirkte“. Gegen Ende der zweiten Hälfte, als Paparazzi Videos von fahnenwinkenden, in Orange, Blau und Weiß gekleideten Kindern schossen, während die Bevölkerung eines kleinen Dorfes sang und tanzte, war ich völlig überwältigt. Durch den Dunst von weißem Konfetti, das tatsächlich aus der Decke des Saals fiel, stand ich schwankend auf und hatte das Gefühl, gerade ein sehr teures virtuelles Reality-Scifi/Musik-Mashup erlebt zu haben.

Das ist genau, was Eggert und sein Librettistenteam Fronzabel und Rainer Mennicken im Sinn hatten. Ihr Ziel war so ambitioniert wie die gesamte Produktion: ein jüngeres Publikum ins Theater zu bekommen. Es war eine absolut noble Leistung, die man nur loben kann, und ich kann sicherlich bestätigen, es war, als sähe man einen Thriller in 3-D mit Dolby Surround - im Opernhaus. Es war atemberaubend.

Die Handlung ist auf der Erde angesiedelt, zu einer Zeit, in der alle Ressourcen erschöpft sind und ein totalitärer Machthaber (gut besetzt: Tenor Jacques le Roux) mit eiserner Hand regiert. Proteste werden angeführt von dessen vertriebener Exfrau (herausragend: Koloratursopran Mari Moriya), die die Identität von Chang’e, der chinesischen Mondgöttin angenommen hat. Die aktuelle Geliebte des Herrschers, Marilyn (bombig: Chanteuse Anaїs Lueken) ist das genaue Ebenbild von Marilyn Monroe

Anaïs Lueken (Marilyn), Jacques le Roux (Ruler) und Katerina Hebelkova (Pandura) © Ursula Kaufmann
Anaïs Lueken (Marilyn), Jacques le Roux (Ruler) und Katerina Hebelkova (Pandura)
© Ursula Kaufmann

Eines Tages entdeckt Astronautin Pandura (Katerina Hebelkova) in Nowosibirsk einen Meteoriten gefüllt mit weißer Masse, der der Menschheit bislang unbekannte Energie, ewiges Leben und ein neues Paradies auf einem fernen Planeten, genannt Eden, verspricht. Sie überzeugt den Herrscher davon, ihr Projekt zu unterstützen, und bildet drei Astronauten – Armstrong (Sven Hjörleifsson), Titov (Michael Wagner) und Dreier (Matthäus Schmidlechner) – für die lange Weltraumreise aus, trotz zunehmender Proteste, dass die ausgetretene Masse ungewollte Nebenwirkungen hat. Spoiler Alert: es sind Aliens. Sie übernehmen die Kontrolle über ihre Wirte auf mikrobiologischer Basis von innen nach außen und ersetzen sie völlig. Pandura kommt damit in Kontakt, als ihr Geliebter Kolker (stark: Martin Achrainer), Leiter der Geheimpolizei und Chang’es Bruder, verwandelt wird und auch sie zu infizieren versucht. Sie fragen sich, was in der Zeit mit den Astronauten passiert? Sie nehmen eine Überdosis Halluzinogene auf ihrer langen Reise und verlieren jeden Bezug zur Realität. Wie man das eben so macht.

Tanzensemble © Ursula Kaufmann
Tanzensemble
© Ursula Kaufmann

Trotz der irren Handlung und kleinerer Irritationen (ich empfand die Mischung aus verstärkten und nicht verstärkten Stimmen als Ablenkung) ist die Ausführung der Produktion wahrlich allererste Klasse und höchst innovativ. Carlos Padrissas Regieführung ist brillant, besonders in Anbetracht der Vielzahl an Elementen. Der Gesang ist zumeist fabelhaft, von den Solisten bis zur Leistung der Erwachsenen- (Leitung: Georg Leopold) sowie der Kinder- und Jugendchöre (Leitung: Ursula Wincor), und das Bruckner Orchester Linz klang unter der Leitung von Dennis Russell Davies beeindruckend. Die Choreographie (Mei Hong Lin) war ebenfalls superb; tänzerische Elemente waren ansprechend und die technische Kunstfertigkeit grenzte generell an Genialität, einschließlich Bühnenbild (Roland Olbeter und Esterina Zarrillo), Kostüme (Chu Uroz) und Video (Valentin Huber).

Auch, wenn dieses Spektakel vermutlich etwas abspecken könnte – bei fast drei Stunden von gewaltigem Alles gibt es einiges aufzunehmen – so applaudiere ich Linz und dieser Inszenierung dafür, in großen Dimensionen zu denken, neue Kunstformen und Produktionen zu schaffen, und dafür, das alles mit so viel Energie und Ehrgeiz umzusetzen. Wiener Operngänger, die sich fragen, ob sie eine klassische Produktion am Haus am Ring wirklich zum fünften Mal sehen müssen, oder die eine Pause von symbolistischen Regietheater-Schockern brauchen, sollten die kurze Reise nach Linz antreten und sich Terra Nova ansehen. Es ist eine wahrlich innovative Produktion und man muss sie sehen, um zu glauben.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

****1