Wie lebende amerikanische Komponisten ist William Bolcom kein kleiner Fisch. Drei Opern, neun Symphonien, Kollaborationen mit einer langen Liste des Who is Who der Klassikwelt, und eine beeindruckende Liste von Instrumental- und Kammermusik sowie Liedern haben ihm nicht nur einen Pulitzer-Preis eingebracht, sondern auch einen unangefochtenen Platz im Kanon amerikanischer Komponisten. Welch Freude dann, dass Bolcoms McTeague, eine zweiaktige Oper basierend auf Frank Norris' Roman McTeague: A Story of San Francisco (1899) beinahe ein Vierteljahrhundert nach ihrer Uraufführung der Chicago Lyric Opera (1992) auch bei ihrer europäischen Erstaufführung am Landestheater Linz sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Trotz einiger inhärenter Mängel schufen die Qualität der Komposition, die musikalische Umsetzung und visuelle Stärke einen denkwürdigen Abend voller munterer und schräger Melodien.

Corby Welch (McTeague) und Çiğdem Soyarslan (Trina) © Patrick Pfeiffer
Corby Welch (McTeague) und Çiğdem Soyarslan (Trina)
© Patrick Pfeiffer
Bolcom ist bekannt für seine Kombination von moderner klassischer Technik und Anklänge von Stilen der Popularmusik. Ob man seinen Stil nun Pasticcio oder Paraphrase nennen will, er war jedenfalls sehr wirkungsvoll. Anstatt Motive oder Material zu entwickeln, um vorauszuahnen oder die Protagonisten und Handlung das Werk hindurch zu charakterisieren, besitzt jeder musikalische Abschnitt in McTeague seinen eigenen, einzigartigen Charakter. Gesegnet sangliche Gesangslinien hängen über verzögerten Streicherklängen oder bewegen sich über einen wiederholten, rhythmischen Orchestergedanken. Die Orchestrierung ist ideenreich, und Blues, Ragtime und Jazz leben Seite an Seite mit glühenden opernhaften Linien und Dissonanz, oft nur getrennt vom Auftritt einer neuen Figur oder einem Szenenwechsel. Obwohl eine solche Fülle an musikalischen Welten manches Mal mit einem Mangel an Einheit droht, ist das Libretto so geradlinig, dass die musikalische Vielfalt ganz willkommen ist.

Der Untertitel der europäischen Fassung lautet „Gier nach Gold“ und war ein weitgehend unnötiger Zusatz, denn es kommen zu keiner Zeit Zweifel über die Morallektion des Stückes. Die eröffnende Wüstenszene, eine Vorausblenden, zeigt einen blendenden goldenen Himmelskörper, unter dem ein ruinierter McTeague (Corby Welch) vor sich hin stolpert und sein trauriges Schicksal besingt. In der zweiten Szene treffen wir seinen besten Freund, Marcus Schouler (Michael Wagner), Schoulers Cousin und Verlobte in spe, Trina Sieppe (Çiğdem Soyarslan), und Magd Maria Miranda Macapa (Karen Robertson). Die vier teilen ihre Erfahrungen mit Gold miteinander und bemerken, dass es alles verändert, was es berührt. Dass Dinge ein böses Ende nehmen und das Gold daran Schuld ist, könnte nicht klarer sein – in die Dinge gehen sicherlich böse aus. McTeague verliebt sich in Trina und heiratet sie, was für Schouler beinahe in Ordnung ist, bis Trina mit einem Lotterie-Ticket 5000 Dollar in Gold gewinnt. Der Abstieg in Betrug, Wahn und gegenseitige Verachtung ist unvermeidlich und endet (Vorsicht, Spoiler!) damit, dass Trina erwürgt wird, die verrückte Marie sich in der Wüste verirrt und die beiden Männer mit Handschellen aneinander gefesselt sind – in Death Valley – tot bzw. durch Austrocknung und Strangulation dem Tode nahe.

<i>McTeague</i> am Landestheater Linz © Patrick Pfeiffer
McTeague am Landestheater Linz
© Patrick Pfeiffer

Aus musikalischer Sicht gab es zahllose denkwürdige Momente; und die einzigen Male, an denen es mir etwas fahl schien, waren Schoulers Rachearie im zweiten Akt, der es an dramatischer Überzeugung fehlte, und die schrille musikalische Behandlung des Todesduetts von Schouler und McTeague, die die darunterliegende Gravitas der Dramaturgie untergrub. Die generelle Stärke der Musik und der Dramatik wurde durch eine überzeugende Besetzung unterstützt. Çiğdem Soyarslan besitzt die Stimme eines sinnlichen Engels, mit Kontrolle und Höhe in einem Sopran, der keine Grenzen kennt, und in ihrer Liebesszene mit McTeague schien die Zeit stillzustehen. Ihr Portrait der schönen, aber neurotischen Trina war rund und packend, mit sehr guter Textverständlichkeit in jeder Lage. Genauso ließ auch Corby Welch McTeagues rohe Gewalt sowohl körperlich als auch stimmlich einfließen und bot dem Hörer einen komplexen Protagonisten, den man ebenso bemitleidete wie fürchtete.

Michael Wagner präsentierte den verbitterten, selbsternannten Dandy Marcus Schouler voller Energie und stimmlich überzeugend. Karen Robertson in der Rolle der nicht ganz dichten spanischen Magd hatte einen besonders wirkungsvollen Auftritt im zweiten Akt und gab der dunklen Erzählung von Tragödie und Ruin die dringend benötigte komische Auflockerung.

<i>McTeague</i> am Landestheater Linz © Patrick Pfeiffer
McTeague am Landestheater Linz
© Patrick Pfeiffer

Das Bühnenbild (Mathias Fischer-Dieskau) und die Regie (Matthias Davids) waren einfallsreich und untertrieben, abgesehen von der erwähnten riesigen Kugel des Sonnenlichts. Die Drehbühne zeigte abwechselnd San Francisco, Straßen der Goldrauschzeit, die für die fünf Wüstenszenen, die die Oper durchziehen, regelmäßigen Abständen zu Treibholz und Trümmern zerfallen. Die Massenszenen waren schlüssig konstruiert und nutzen den Chor des Landestheaters gut; das Bruckner-Orchester war bei Dennis Russell Davies auf dem Podium in besten Händen.

Ein Lob an die Musiker und das Team des Landestheaters für eine kraftvolle Produktion, die selbst den goldhungrigsten Kapitalisten den Kauf des nächsten Lotto-Tickets noch einmal überdenken lassen.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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