Sir Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker setzten an diesem Abend ihre musikalische Ring-Reise fort, mit einer herausragenden Lesart der Musik die mitreißend, organisch und doch bisweilen fein detailliert war. Zusammen mit denkwürdigen Gesangsleistungen der internationalen Besetzung ging der Abend wie im Flug vorüber und man entließ das Publikum erschöpft, aber freudestrahlend.

Es gab keine unbehaglichen Momente von unklarem Tempo wie im Rheingold am Abend zuvor. Wenn die Musik langsamer wurde, beispielsweise im Duett von Siegmund und Sieglinde im ersten, der Todesankündigung im zweiten und in Brünnhildes Bitte an Wotan im dritten Aufzug, so war diese ruhige, bedachte Entschleunigung überaus angemessen, um die intime Verbindung von Musik und Text hervorzuheben. Wotans Lebwohl nahm Rattle ebenfalls in genüsslichem Tempo, in dem Tomasz Koniecznys großartige Darstellung dieser Herausforderung vollkommen gewachsen war und er den letzten Ton lange aushielt, seine Arme zur Seite voll ausgestreckt, ganz so, als wolle er den Moment selbst genießen.

Trotz dieser isolierten ruhigen Momente war die Vorstellung im Allgemeinen energetisch und zügig, besonders die Ouvertüre zum zweiten und dritten Aufzug. Abermals konzentrierte sich Rattle auf die Streicher, vor allem die Celli, deren Klang prominenter war denn je. Während Holz- und Blechbläser sowie Schlagwerker alle Bestleistung zum Gesamteindruck beitrugen, so arbeiteten die Streicher doch am härtesten; einige von ihnen lehnten sich beinahe aus ihren Stühlen in ihren Vorwärtsbewegungen. Gleichzeitig hatten Sie ihre wahre Freude daran und reagierten enthusiastisch auf die Herausforderung, die ihr anspruchsvoller Dirigent stellte. Dieser nahm den dritten Aufzug in halsbrecherischer Geschwindigkeit und Lautstärke, doch er trug auch immer Sorge dafür, den individuellen Bedürfnissen der Sänger nachzukommen, und auch die Sänger wurden seinen Anforderungen mehr als gerecht.

Martina Serafin brachte mit ihrem warmen, vollen Sopran viele Facetten von Sieglindes emotionalem Chaos zum Ausdruck. Ihre hohen Töne waren eine natürliche Erweiterung ihrer mittleren Lage, ganz ohne Schleifen oder Bruch zwischen den Lagen, und blühte einfach mühelos. Christopher Ventris mag vielleicht kein strammer, junger Siegmund sein, doch stattdessen besitzt er Reife, Weisheit und solide Technik, um einen sympathischen Charakter darzustellen. Seine fein-körnige Stimme war in der tiefen Lage am schönsten, doch er war auch der Herausforderung von „Winterstürme“ am Ende des ersten Aufzuges gewachsen. Serafin und Ventris sind sehr gute Schauspieler, und man merkte, dass die Chemie zwischen ihnen Stimmte, als ihre Charaktere ihre gegenseitige Anziehung entdeckten. Mikhail Petrenkos etwas leichtem Bassbariton fehlte leider die Dunkelheit, sowohl in der Stimme als auch in der Darstellung, um Hunding gebührend in all seiner Wildheit zu porträtieren.

Tomasz Koniecznys Wotan hingegen wuchs beständig in Stimme und Statur. Er ist ein sehr guter Schauspieler und variierte jeden Ton und jede Phrase, um die Gefühlsfacetten des Textes zu transportieren. Seine Interaktion mit Fricka, der Ehefrau, die er nicht länger liebte, entwickelte sich zum häuslichen Machtkampf, doch seine Szene mit seiner Seelenverwandten Brünnhilde war herzzerreißend, und die vielen Schattierungen und Farben, mit denen er Wotans Lebwohl gestaltete, werde ich so schnell nicht vergessen. Michaela Schuster spielte Fricka nicht (mehr) als nörgelnde Ehefrau, sondern als Verteidiger der Prinzipien des Gesetzes. Ihre solide und durchdringende Stimme passte überaus gut zu dieser Figur, und ihr untertriebenes Spiel war wirkungsvoll. Sowohl einzeln als auch zusammen sangen die acht Walküren gut.

Die Rolle der Brünnhilde ist Kern des Rings; manche sind der Meinung, sie ist die wahre Heldin, die zu Ende bringt, was ihr Vater Wotan, eine weitere zentrale Figur, begonnen hat. Evelyn Herlitzius ist eine zierliche Frau, doch sie besitzt trotz allem eine unermüdliche Ausdauer und eine ebensolche Stimme. Sie ist außerdem eine sehr gute Schauspielerin und bewegt sich gut. Ihre Töne waren akkurat und stabil intoniert, zum Ende hin schien sie jedoch etwas beansprucht, und ihr einfarbiger Klang könnte im Laufe der Entwicklung von Brünnhildes Figur in den nächsten beiden Opern zum Problem werden.

Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung war in der Walküre erfolgreicher als im überwiegend minimalistischen Rheingold. Hundings Hütte hatte eine lange Stange oder einen Baum in der Mitte eines langen Tisches. Ein Wolf wurde projiziert, der die Anwesenheit des Vaters der Zwillinge verdeutlichte. Im zweiten Aufzug hielt das Bühnenvordere Reihen von lehnenlosen Bänken bereit, die ein Labyrinth für die Figuren schuf, während sich am hinteren Bühnenrand Bäume befanden, hinter denen sie sich wenn nötig verstecken konnten. Die Bühne war meist dunkel, Licht wurde selektiv und wirkungsvoll eingesetzt, um die Darsteller zu beleuchten.

Der dritte Aufzug wurde in einem leeren Saal gespielt, mit Türen an der Seite und neun großen Pferdestatuen im Zentrum. Die Walküren traten ein, grob im Ungang mit den Helden. Ihre Kostüm eines weißen Kleides mit schwarzen Markierungen schien ungelenk, denn die weiten Röcke widersprachen dem Bild von Kriegerinnen. Brünnhilde trug ein stilvolleres, langes, blaues Gewand. Die letzten Szenen der Oper, in denen Wotan und Brünnhilde Hand in Hand zum hinteren Bühnenrand gehen, war besonders denkwürdig, als Brünnhilde im Schlaf einfach zu Boden fiel. Wotan deckte sie mit einem großen, weißen Tuch zu; das projizierte Feuer beleuchtete zuerst die Pferde und breitete sich dann nach und nach auf die gesamten drei Bühnenwände und die Decke aus. Inmitten der roten Flammen und der schattenhaften Figuren von Wotan und Pferden verklang allmählich die Musik.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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