Unterbrechungen in Opern und Konzerten sind zu dieser Jahreszeit nur zu erwarten, und in den letzten drei Veranstaltungen, die ich besucht habe, gab es krankheitsbedingte Besetzungsänderungen. Im diesem Falle bedeutete der kurzfristige Ausfall von Stella Doufexis eine große Änderung für das Konzert der Berliner Philharmoniker, denn Ravels Shéhérazade wurde durch Sibelius' Der Schwan von Tuonela ersetzt, und wenngleich das dem heterogenen Programm ein wenig mehr Zusammenhang gab, so war es doch sehr schade, auf die hinreißende Farbenpracht von Ravels Liedern verzichten zu müssen.

Das Tristan-Vorspiel, das den Abend eröffnete, wurde leidenschaftlich gespielt, mit luxuriösem, kräftigem Streicherklang, als die Musik sich ihrem Höhepunkt näherte. Das vorangegangene An- und Abschwellen war im Tempo für meinen Geschmack übertrieben – ich bevorzuge eine Interpretation, in der diese Momente in einem einzigen, unaufhaltsamen Crescendo geformt werden. Bedenkt man, wie oft dieses Vorspiel mit dem sogenannten „Liebestod“ kombiniert wird, so war es interessant, den anderen Schluss zu hören, den Wagner für alleinige Aufführungen des Vorspiels geschrieben hat. Er beinhaltet etwas Material aus dem zweiten Akt und schließt mit einer transponierten Fassung des Opernendes, jedoch mit anderer Instrumentierung; der letzte Akkord beispielsweise gehörte allein den hohen Holzbläsern.

Für Jörg Widmanns Trauermarsch wurde die Streicherbesetzung leicht ausgedünnt, doch das machte die größere Zahl an Perkussionisten wieder wett. Yefim Bronfman war Solist in dieser Welturaufführung des einsätzigen Klavierkonzertes. Es beginnt mit einem einzelnen, absteigenden Halbton (Ges zu F) auf dem Klavier, der sich allmählich zu einer absteigenden Skala ausweitet, eher im Stile von Debussys filigranem Des pas sur la neige als Brahms' Klavierkonzert Nr. 2, das das Werk vorgeblich beeinflusst hat. Der Dialog von Horn und Klavier zu Beginn des letztgenannten Werkes wurde hier in eine Antwort auf das Klavier durch Trompete solo verwandelt.

Das zentrale Material aber war tatsächlich der im Titel versprochene Trauermarsch, mit lauten Mahler-Bläsern und schreienden Höhepunkten. Bronfmans Ton ist golden und edel, nie klang er gewaltsam selbst in den lautesten Passagen. Dies war kein Schaustück, denn obgleich es den Solisten zweifelsohne technisch herausfordert, wurden die aktiveren Passagen oft als Teil der aufwühlenden Klangwelt des Orchesters gefasst. Mit dem Titel im Sinn klang ein Abschnitt für mich, als verließe die Seele den Körper, und die folgende, ruhige Oase mit Klavier und Farbtupfern von Celesta (glaube ich) und Solo-Violine gehörte zu den eindrucksvollsten Teilen des ganzen Werkes. Vorhersehbarerweise folgte dem ein erneuter Ausbruch, der sich vor einem leisen Ende zu einer regelrechten Orgie von Lärm steigerte. Beim ersten Hören war es eher ein interessantes als unmittelbar ergreifendes Werk, und nicht das dankbarste für den Solisten, was die Vorzeigemöglichkeiten angeht. Anstelle der im Programmheft geschätzten 25 hatte es eine Spieldauer von 19 Minuten.

Durch die Programmänderung gehörte die zweite Hälfte allein Kompositionen von Sibelius. Eine weitere Verbindung zwischen den Werken zeigte sich dem Leser des Kommentares zur Fünften Symphonie: Sibelius erdachte das edle Hornthema des dritten Satzes, nachdem er eine Gruppe von Schwänen im Flug gesehen hatte (etwas, das er als „eine der besten Erfahrungen [s]eines Lebens“ beschrieb). Nach der orchestralen Opulenz der ersten Hälfte hatte die kleinere Besetzung, die für Sibelius gebraucht wurde, etwas nahezu Keusches. Der Schwan von Tuonela, der auf der finnischen Kalevala-Legende fußt, bietet ausgedehnte Passagen für Englischhorn, hier gespielt von Dominik Wollenweber, der inmitten des Orchesters stand. Seine Darbietung war beeindruckend, doch der absolute Publikumshit waren sowohl in diesem Werk als auch in der Symphonie die Streicher. In den ersten Takten hebt sich der Klang von den Bässen und Celli hin zu vielfach geteilten Violinen, und die Umsetzung war völlig nahtlos. Später kreierten sie einen mystischen, fast Parzival-ähnlichen Tonhof, und der Klang verhauchte zum Ende hin auf sehr überzeugende Art und Weise.

Mit seiner Fünften Symphonie gelang Sibelius Ungewöhnliches, denn er zieht sich aus der experimentellen Tonsprache seiner Vierten Symphonie in eine zugänglichere, melodischere Klangwelt zurück, ohne jedoch die kritische Zustimmung einzubüßen. Die Holzbläser kamen nicht ganz an das heran, was ich von ihnen in anderen Konzerten gehört hatte, was sich womöglich durch das Fehlen einiger bekannter Gesichter unter den Registerführern erklärte. Nichtsdestoweniger waren die Blechbläser beeindruckend, besonders in den kraftvollen Abschnitten des dritten Satzes, und trotz einiger Ungleichheiten in den anfänglichen Tremolo-Passagen des ersten Satzes waren die Streicher recht gut in Form, die dynamische Vielfalt der Pizzicati im zweiten Satz verblüffend. In den misterioso-Abschnitten des Finalsatzes erzeugten sie Töne viel leiser als man für menschenmöglich gehalten hätte: es war atemberaubend. Im Ganzen mag diese Vorstellung an Konzerte mit Brahms' Erster und Mahlers Sechster in dieser Spielzeit nicht ganz herankommen, doch man kam trotz allem in den Genuss vieler ausgezeichneter musikalischer Momente.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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