Schon das biblische Buch der Weisheit kommt um den physikalischen Lauf der Dinge nicht umhin, wenn es nüchtern feststellt: „Denn auf den Tag folgt die Nacht[…].“ Die Dunkelheit ist Raum für allerhand Assoziationen wie Traum, Gefahr, Vergänglichkeit, (Aber-)Glauben, Vergnügen, Himmelsromantik und Geisterstund‘. Der Topos taucht in jedem Genre auf, so auch in der Musik des Früh-, Hoch- und Spätbarock, aus der Blockflötist und Cembalist Max Volbers und Sopranistin Marie-Sophie Pollak berüchtigte Beispiele auswählten, um ihn mit dem Schweizer Ensemble Il Pomo d’Oro beim RheinVokal-Festival zu Gast im mittelrheinischen Kulturerbe der Sayner Hütte in klanglich mondhelle Bahnen zu führen.

Marie-Sophie Pollak © Shirley Suarez
Marie-Sophie Pollak
© Shirley Suarez

Das aus symbolisch Mitternacht schlagenden zwölf strukturierten Komponenten bestehende Programm begann dabei auch dramaturgisch eingängig mit Alessandro Scarlattis Imperativ-Arie „Vieni, o sonno“ aus Pirro e Demetrio, die – trotz anfänglicher Probleme bei Pollaks Höhenansätzen – im lieblich-sanften, behüteten und reizenden Herbeisehnen des Schlafs dem beruhigenden, entspannt plätschernden Lauf des angrenzenden Saynbachs ähnelte. In allegorischer wie eben auch naturalistisch-lautmalerischer Ausprägung erschien die Nacht darauf in Henry Purcells „Masque of the Night“ aus The Fairy Queen sowie in Form von vier Nachtigallenstücken Jacob van Eycks, Antonio Caldaras, Jean-Baptiste de Boussets und Georg Philipp Telemanns.

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Setzten Purcells „Prelude“ und „Dance for the Followers of the Night“ spritzig-flirrende Nachtschwärmer-Vibes als kontrastvoller Weckruf für den Genuss des bunten Treibens, hielt die Zeit mit ehrfürchtigem, flüsternd-schlummerndem, sinnlichem Ausdruck des Streichertrios und Pollaks zu „See, even Night herself is here“ sowie im tenoralen Blockflötenduo Volbers' nebst Gattin samt Basso Continuo und Pollaks leuchtenderem Klanggemüt bei „One charming night“ angemessen Einzug.

Mit der Soprano konnte Volbers die Rufe van Eycks „Engels Nachtegaeltje“ aus Der Fluyten Lust-Hof sodann genauso künstlerisch kehlenfreudig wie plastisch lebensnah nachahmen wie die agogisch launigen Gesänge Telemanns „Rossignol“ aus dessen Ouverturensuite La Bizarre. Gemeinsam mit Pollak und dem Continuo übertrug er zwischendurch diese Gestaltung balanciert und mit zunehmend geschmeidigerer wie dynamischerer Präsenz des Vokalen in Caldaras Arie „Quell'usignolo“ (Santa Ferma), nach der Pollak und Lautenist Miguel Rincón ein intim-gefühlvolles „Pourquoy, doux Rossignol“ aus de Boussets Airs sérieux et à boire anstimmten.

Erwies sich Il Pomo d'Oro mit Konzertmeister Stefano Rossis Solo auch in John Eccles „Aire“ aus The Mad Lover als inniger, dynamisch-expressiver, dennoch zärtlich-besonnener, sensitiver Einflüsterer, zeigte es sich mit Pollak zur Programmmitte von theatralischster, doch nicht plötzlich ausreißend allzu überladend exzentrischer Seite. So fanden – gleichsam als Auftakt einer weiter zunehmenden Steigerung des Affekts – Acto III-Sinfonia und Rezitativ-Arie „Ah! Ruggiero, crudel – Ombre pallide“ aus Georg Friedrich Händels Alcina in kultivierter Manier zu gleißend-schneidenderem, registerstimmigem Charakter, während in Tarquinio Merulas Canzonetta „Hor ch'è tempo di dormire“ aus Curtio Precipitato die hypnotische Energie sowohl rhetorisch als auch mittels dynamischer Vorgänge intensiver und plausibel zum Vorschein kam.

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Diese expressivere Spur leitete zu Johann Sebastian Bachs mit Cembalointerpolationen versehenem Choral Die Nacht ist kommen, dessen meditativer, wohlig-bestimmter Pianissimo-Hauch in dritter Strophe ebenso einnehmend gestaltet wurde wie Vivaldis polares, selbstverständlich nicht fehlen dürftendes Concerto La notte. In ihm warf Volbers mit der Alto virtuose, beschwörende, aufgedreht-tänzerische Schlaglichter und geheimnisvolle, spirituelle, melancholisch effektreiche Gedanken des Traums an die Wand. Ein Traum von einer Nacht, den das Ensemble in besagter Spiritualität durch Marc-Antoine Charpentiers „La nuit“ aus In nativitatem Domini in würdiger, beschaulicher Seligkeit des Weihnachtswunders auflöste.

Beide Volbers, Pollak und Il Pomo d'Oro entließen die Gäste mit erneutem Telemann, van Eyck und Purcell beschwingt in die bald anbrechende Tageszeit. Bei Telemanns figürlich-stimmungsvollem „Die schlafende und erwachende Thetis“ aus Hamburger Ebb' und Fluth und „Mischt, ihr muntern Nachtigallen“ aus Flavius Bertaridus (dort mit Sopranino), van Eycks bravurös verschmitztem Volkslied „Wat zalmen op den Avond doen“ und Purcells ausgelassener Chaconne „Now the night is chased away“ waren sie ganz in ihrem florierenden Element. Jenem musikalischen der Facetten der Nacht.

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