Auf’s richtige Pferd wurde bei den Berliner Philharmonikern schon früh gesetzt: Bereits unter Karajan begann der Prozess der Digitalisierung; die hauseigene Streaming-Plattform, die 2008 (zu einer Zeit, in der Netflix übrigens noch DVDs per Post verschickte!) unter dem Namen Digital Concert Hall gegründet wurde, war ein echtes Pionierprojekt. Im Corona-Jahr erweist sich der Online-Konzertsaal nun als besonders praktisch. Ein Teil des Spielbetriebs kann dadurch aufrecht erhalten werden und durch die langjährige Erfahrung wird hier nicht einfach nur die Kamera auf ein Konzert gehalten, sondern ein hochwertiges Gesamtpaket geboten. Als Einführung gibt es ein Interview mit Dirigent Alain Altinoglu, Audio- und Videoqualität sind ebenso exzellent wie die Kameraführung; lediglich ein digital angebotenes Programmheft ging mir persönlich ab. Vielleicht wäre dann nämlich auch der dramaturgische Bogen der gebotenen Werke deutlicher geworden, denn Igor Strawinskys Pulcinella-Suite und Georges Bizets Symphonie Nr. 1 C-Dur verbindet auf dem Papier nicht viel. Das verbindende Element zwischen den Werken war in Alain Altinoglus Dirigat schließlich trotzdem unüberhörbar, denn sowohl Strawinsky als auch Bizet versprühten hinreißenden Charme und sonnige Lebensfreude.

Alain Altinoglu © Stephan Rabold
Alain Altinoglu
© Stephan Rabold

In der Suite zu Strawinskys Ballett trippelten die Philharmoniker elegant durch die vom Barock geprägte Komposition und ließen die Commedia dell’arte vor den Augen der Zuhörer entstehen. Die Sommerhitze im Süden Italiens, das hektische Treiben in den Straßen und eine turbulente (aber schlussendlich glückliche) Liebesgeschichte wurden in der Interpretation greifbar. Ein großer Genuss war dabei vor allem die spielerische Keckheit in der Interaktion der Instrumenetengruppen: In der Serenata betteten die Streicher die elegische Linie der Oboe auf satten Klang und in der feurigen Toccata wirkte das Zwiegespräch zwischen Streichern und Bläsern wie eine feurige Diskussion in engen neapolitanischen Gässchen. Altinoglu achtete stets darauf, die Synthese zwischen barockem italienischem Stil und Strawinskys avantgardistischer Musiksprache bruchlos zu gestalten; er animierte die Musiker nicht nur in feurigen Passagen zu viel Verve, sondern hielt den Klang auch konstant kompakt, sodass sich auch bei getrageneren Tempi nie die Gefahr einstellte, ins Schleppen zu geraten.

Auch bei Bizets Symphonie achtete der Dirigent auf feine Differenzierung, zu Beginn des ersten Satzes wurde die kontinuierliche Steigerung von Tempo und Dynamik fein herausgearbeitet. Die opulenten Bögen des Werks, das immer ein bisschen wie eine überdimensionierte Opernouvertüre wirkt, erklangen bei den Streichern in warmen Farben mit lyrischer Eleganz, während die Bläser delikate Akzente setzten. Im zweiten Satz gestalteten die Berliner Philharmoniker eine sanft-träumerische Klangwelt, in die sich die arienhaften Soloparts der Oboe wunderschön phrasiert und entrückt klingend einfügten. Im Allegro vivace changierte das Orchester zwischen aufbrausender Energie und milder Zurücknahme; dieser dritte Satz wirkte wie ein musikalisches Zelebrieren der entspannten Leichtigkeit des Seins. Mit transparentem Klang und strahlenden Farben fetzte der vierte Satz schließlich rasant dahin, ohne gehetzt zu wirken, bevor er sich zu einem feierlichen Finale steigerte, in dem die Musiker noch einmal unter Beweis stellten, wie individuell charakterreich und doch homogen dieser Klangkörper klingt.

Ein fragendes „Und jetzt?” aus dem Orchester bildete danach den unspektakulären Abschluss des Abends; eine Frage, die die Klassikwelt wohl trotz aller Online-Angebote auch in den nächsten Monaten noch beschäftigen wird. Alain Altinoglu hat vielleicht schon die passende Zen-Philosophie dafür gefunden, denn er lächelte während des nicht stattfindenden Applauses einfach zufrieden vor sich hin.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Digital Concert Hall rezensiert.

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