Jauchzen und Frohlocken. Das war es, was das Publikum am vierten Advent in der Isarphilharmonie anlässlich der Aufführung des Weihnachtsoratoriums (Kantaten I-III & VI) mit dem Münchener Bach-Chor und dem Bach-Orchester machte, voll Inbrunst und aus ganzem Herzen. Denn mit Herzblut und Leidenschaft hatten der Chor, das Orchester, und die Solisten dieses vollendete Meisterwerk aus der Feder des großen Johann Sebastian Bach musiziert.

Bach hatte auf dem Höhepunkt seiner Könnerschaft als Thomaskantor in Leipzig in einem Zyklus aus sechs Kantaten die Weihnachtsgeschichte vertont und 1734/35 zwischen Weihnachten und Epiphanias, dem Dreikönigsfest, an den jeweiligen liturgischen Feiertagen uraufgeführt. Was muss das für ein Erlebnis gewesen sein, im kalten Winter in den Leipziger Kirchen St. Thomas und St. Nikolai dieses unendlich reiche musikalische Substrat eines von disziplinierter handwerklicher Arbeit und tiefer Religiosität erfüllten Musikerlebens zum ersten Mal hören zu dürfen?
Für seine eingänglichen, lyrisch-melodischen Arien, umfasst von aufregend neuartig gesetzten Chorälen mit unerhörten Klängen hatte Bach auf weltliche Liedmelodien zurückgegriffen und seine eigenen Werke kunstvoll umgearbeitet. Welch großes Glück für die Menschheit, dass diesem Genie ein langes Leben vergönnt war und günstige Umstände dazu führten, dass Bach trotz aller Unbill des Lebens in der damaligen Epoche Dank seiner Förderer die Mittel, die Instrumente und die musikalische Entourage zur Verfügung hatte, um sein Genie zur Blüte zu treiben und so die Musikgeschichte der Menschheit neu zu erfinden. Wir verneigen uns anlässlich des ausklingenden Jubiläumsjahres des 275. Todestages vor dieser Lichtgestalt.
Johanna Soller ist seit der Saison 2023/24 die künstlerische Leiterin des Bach-Chors und Bach-Orchesters und eine ausgewiesene Originalklang-Spezialistin. An der Münchener Musikhochschule hat sie Lehraufträge für Generalbass und Partiturspiel inne und leitet seit 2023 gar eine eigene Oratorien-Klasse. Dementsprechend souverän führte sie den großen Chor und das aus Alte-Musik Spezialist*innen bestehende Orchester. Ihre ausschweifende Gesten, ihr temperamentvolles und fast überzeichnetes Dirigat unterstreicht ihre sorgfältige Arbeit mit Chören und Solisten; denn deren Zusammenklang mit dem Orchester ist angesichts der gnadenlosen Durchsichtigkeit barocker Partituren in oftmals überakustischen Kirchenräumen höchst anspruchsvoll. Soller nahm die Herausforderung an und gewann das Vertrauen ihrer Mitmusiker und die Herzen des Publikums.
Der Münchener Bach-Chor überzeugte mit vollem und doch feingliedrigem Gesamtklang, perfekt einstudierten Läufen und sauber artikulierten und klug phrasierten Chorälen. So war der optimale Rahmen geschaffen, um sowohl Orchester als auch Solisten in Szene zu setzen. Die Streicher waren gut aufeinander abgestimmt und bis auf einige intonatorische Trübungen mit all ihrer Routine präzise bei der Sache. Man merkte ihnen an, dass sie das Weihnachtsoratorium schon dutzende Male gespielt hatten, und dennoch wieder aufs Neue ergriffen waren. Die Continuo-Gruppe wurde angeleitet von der in Alte-Musik-Kreisen vielgerühmten Kristin von der Goltz am Solo-Cello, die die hohe Qualität der Aufführung sichtlich genoss. Die Pauke war famos und ebenso die Blechbläser, trotz einiger kleinerer Unsicherheiten bei den Naturtrompeten im allerletzten Choral, der allerdings fast unspielbar ist, besonders nach den vorangegangen Strapazen.
Die Holzblasinstrumente waren selbstredend allesamt originalgetreu aus Holz, was in einem großen Konzertsaal wie der Isarphilharmonie dazu führt, dass man streckenweise nicht mehr alle Details hören kann. Am exzellenten Können der Musiker*innen lag es sicher nicht, aber man müsste vielleicht in einem solchen Kontext darüber nachdenken, hie und da moderne obertonreichere Instrumente wenigstens für die Soli einzusetzen. Orginalklang-Dogmatiker würden zwar heftig protestieren, aber selbst Peter Dijkstra, der Künstlerische Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks, gab neulich in einem Interview zu bedenken, dass man das Weihnachtsoratorium auch mit sächsischem Dialekt aufführen müsste, um eine wahrlich orginalgetreue Aufführung zu realisieren. Dies wiederum würde vermutlich zumindest beim Münchner Publikum nicht auf Wohlgefallen treffen.
Bei den Solisten überzeugten besonders Flore van Meerssche mit perfekter Stimmkontrolle, mal glasklar und gänzlich ohne Vibrato, dann wieder in ihren Arien glockenhaft und sanft und mit geschmackvoll austariertem Vibrato. Johannes Kammler ließ seinen warmen und vollen Bariton die Isarphilharmonie durchströmen und interpretierte sensibel und intelligent den Text von Christian Friedrich Picaneder. Die schottische Mezzosopranistin Catriona Morison sang klangschön, wenn auch in den für die etwa zu tiefen Registern ein wenig zu ausdruckslos.
Das jedoch, was Daniel Johannsen (Tenor) aus seinem Material machte, hat man so noch nicht gehört. Sängerisch vollendet und ausdrucksstark interpretierte er nicht nur seine Partitur. Er wurde Eins mit der Rolle des Evangelisten. Die technisch höchst anspruchsvollen Arien waren geschliffen und unterhaltsam, Johannsen war hellwach, gewandt und launig. Angelehnt an Beethovens berühmtes Zitat („Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen“) wollte das Publikum nach zwei Stunden dieser wunderbaren Musik vor allem Eines: Mehr!
Das Konzert wurde von der Konzertdirektion Hörtnagel, München veranstaltet.

