Wenn Anne-Sophie Mutter einen Geiger nicht nur fördert, sondern auch höchstpersönlich zu seinem Konzert erscheint, dann darf man sich auf ein besonderes Musikerlebnis freuen. Timothy Chooi interpretierte in der Isarphilharmonie gemeinsam mit dem Prague Radio Symphony Orchestra und im Beisein der Grande Dame der Violinkunst das Konzert von Tschaikowsky in D-Dur Op.35.

Timothy Chooi © Den Sweeney
Timothy Chooi
© Den Sweeney

Chooi ist nicht nur ein äußerst spannender junger Virtuose, sondern er steht auch fortwährend unter Hochspannung. Er spielt unter anderem die berühmte Dolphin-Stradivari von 1714, die ehemals Jascha Heifetz gehörte. Dieser Fixstern am Geigenhimmel feiert dieser Tage ein Jubiläum, wurde er doch vor 125 Jahren am 2. Februar 1901 im litauischen Vilnius geboren. Heifetz war ähnlich wie Timothy Chooi nicht nur ein fabelhafter Techniker, sondern auch ein Showman, der das Publikum mit seiner magischen Aura in den Bann riss.

Chooi treibt es beizeiten zu weit, so dass ihm die Wirkung seines Spiels manchmal wichtiger ist als der musikalische Gehalt, jedoch kann man nur staunen und bewundern, mit welch unbändiger Virtuosität, Leidenschaft und elektrisierender Bühnenpräsenz der kanadische Geiger mit chinesisch-indonesischen Wurzeln eines der wirkmächtigsten Husarenstücke der Violinliteratur meistert. Besonders bei der Bogenhand gibt es für Chooi keine Grenzen. Spiccato und Sautillé hat man selten knackiger und spritziger gehört, was freilich gerade beim Tschaikowsky-Konzert und hier besonders im dritten Satz faszinierende Funken schlug.

Das Prague Radio Symphony Orchestra unter der Leitung der russischstämmigen Dirigentin Alevtina Ioffe hatte das Konzert mit der Ouvertüre zu Die Mainacht von Nikolai Rimsky-Korsakow eröffnet. Obschon ein Frühwerk Rimsky-Korsakows, zeigt sich hier bereits die große Begabung des russischen Komponisten für Orchestrierung und dramaturgisch wirkungsvolle Instrumentation. Das Prager Orchester war anfangs noch fahrig und unkonzentriert, die Einsätze waren nicht präzise genug und der Gesamtklang nicht auskalibriert. Einzelne Instrumentengruppen stachen zu sehr hervor und erst allmählich gewöhnten sich die Musiker aus Tschechien an die gnadenlos transparente Akustik der gut besuchten Isarphilharmonie.

Man merkte auch Ioffe an, dass sie um jeden Preis die Kontrolle erlangen wollte. Ihre Körpersprache war unrund, und mit harten Schlägen gab sie den Orchestermusikern Orientierung. Als dann die ersten wohlintonierten Bläsersoli den Raum erfüllten und vor allem die Klarinette außergewöhnlich klangschön ihren sanften Ton verströmte, beruhigte sich die Anspannung. Der Soloklarinettist bewies auch im weiteren Verlauf vor allem beim langsamen Satz des Tschaikowsky-Konzerts im Dialog mit Timothy Chooi hohe Sensibilität im Austarieren lyrisch verträumter und geschmackvoll phrasierter Passagen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte auch Alevtina Ioffe ihre Souveränität vollends gefunden und man merkte ihr die Erfahrung als Operndirigentin an, da sie Chooi genügend Raum und Flexibilität gewährte und doch die thematisch entscheidenden Orchesterstellen gekonnt in Szene setzte. Der großgewachsenen eleganten Dirigentin gelang es immer besser, das Prager Orchester zu einem harmonischen Gesamtklang zu formen. Vor der Pause spielte Chooi dann noch die Romanze für Violine und Orchester f-moll, Op.11 von Antonin Dvořák poetisch kantabel und sehnsuchtsvoll. Die böhmische Seele erfüllte den schwarzen Saal der Isarphilharmonie und hauchte auch im zweiten Teil des Konzerts der Symphonie Nr. 8 G-Dur, Op.88 von Dvořák wohlige Wärme und ansteckende Lebendigkeit ein.

Johannes Brahms hatte einst geschrieben: „Ich möchte vor Neid aus der Haut fahren für das, was dem Menschen so ganz nebenbei einfällt. Er hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben.“ Dieser Melodienreichtum beflügelte die Musiker aus Tschechien und ließ sie vor allem im Dritten Satz brillieren. Besser kann man diesen Klassik-Ohrwurm nicht spielen. Wunderbar beschwingt und elegant, zart und sanglich zelebrierte das Orchester dieses seelenstreichelnde Allegretto grazioso unter Leitung der mittlerweile vollends gelösten Alevtina Ioffe. Das Finale gelang ebenfalls packend und kompakt in Klang, Phrasierung und Artikulation. Ein fröhliches Publikum wurde beschwingt und glückselig in den winterlichen Sonntagabend entlassen.


Das Konzert wurde von MünchenMusik veranstaltet.

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