In diesem Jahr feiern Raphaël Pichons Pygmalion-Ensembles ihren 20. Geburtstag. Natürlich zusammen mit der Bach-Familie und ihrem Umfeld, wurden die Klangkörper seinerzeit anlässlich eines europäischen Bachfestivals gegründet. So unter anderem mit dem Programm „Welt, gute Nacht“, für übergeordnete, vor Ort realisierte „Die Wege Bachs“ der Thüringer Bachwochen 2024 konzipiert, die für arte festgehalten wurden und bis zu zukünftigen Abschnitten mit Lüneburg und Lübeck im Zuge der Jubiläumsfestlichkeiten werden. Leiter sowie Chor und Orchester erinnerten dabei durch eine Auswahl der phänomenalsten Ars moriendi-Kompositionen zur mächtigen Betankung des Glaubens an Auferstehung und Erlösung zugleich an ihre beständige Visitenkarte. Eine, die sie seither auch in der Philharmonie Essen hinterlegten.

Raphaël Pichon © Camera Lucida Productions
Raphaël Pichon
© Camera Lucida Productions

Auf deren Parkettstufen versammelte sich zu Jolie Rosets himmlisch weichem, leuchtkräftigem und sensitivem Vortrag Adam Dreses Aria Nun ist alles überwunden mit Finalvers „Welt, ade zur guten Nacht“ der aus den anderen neun Solisten gebildete Pygmalion-Chor, um nach dem affektsatten, raumfüllenden Vorbringen Daniel Speers Kanon Ach, wie elend ist unser Zeit unter den heimeligen, stilistisch exquisit phrasierten Klängen Dietrich Buxtehudes Sinfonia zur Kantate Jesu, meines Lebens Leben auf die mit Kerzenschein atmosphärisierte Bühne zu prozessieren. Es waren erwartungsgemäß die ersten perfekt getimten und effektreichen, neuerlichen Belege Pygmalions Genialität an diesem von Ergriffenheit geballten Abend.

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Erreichten in Buxtehudes Kantate neben den deklamations- und dynamikstarken Soloformationen sowie dem herzeinnehmenden Tutti auch Perrine Devillers‘ einfühlsame und Zachary Wilders farbdramatische Arie ihre Wirkung, transzendierte der Tenor in Philipp Erlebachs Himmel, du weißt meine Plagen mit seinem intensiven Timbre regelrecht aus erdgepeinigtem Empfinden mit grenzgängerischer Forteartikulation zu übersinnlichem, in mildem Kontrast dargebrachtem Vertrauen in Gottes Wohnstätte. Symbiotisch massierte das Pygmalion-Orchester die Musik ein, zuvor nochmals durch Konzertmeisterin Sophie Gents Solo in Johann Michael Bachs Sinfonia zur Kantate Auf, lasst uns den Herren loben innigst, klar und anmutig unterstrichen.

Nach Melchior Francks dynamisch bestechend gestaltetem „Ich bin so müd vom Seuffzen“ aus Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn wurde Pichons gewünschte Theatralik ähnlich einem Kammerspiel verlässlich auf besonders packende, deklamatorisch überragende Weise durch Lucile Richardots durchflutenden Ausdruck Johann Christoph Bachs Lamentos Ach, dass ich Wassers gnug hätte offenbar. Ihm folgte in dramaturgisch rettender Antwort dessen Motette Fürchte dich nicht, in der William Shelton, Antonin Rondepierre, Wilder und Tomáš Král als puttige Abordnung samt zartem Sopran-Cantus firmus aus dem Saalrücken wahrlich die Verlockung des hellen Paradieses ausbreiteten.

Pygmalion-Orchester und Bassbariton Christian Immler taten sich in Würde und charaktervoller, affektgelenkter Betonungsenergie für Nicolaus Bruhns‘ De profundis clamavi zusammen, woraufhin Geigen, Altblockflöte, Gamben, Cello und Truhenorgel Heinrich Schütz‘ sanft geborgene Sinfonia zum Geistlichen Konzert Erbarm dich mein, o Herre Gott anstimmten. Gefolgt von Hans Leo Haßlers Lied Ach weh des Leiden, platzierte Pichon danach einen der zauberhaftesten Ohrwürmer, Erlebachs Aria Wer sich dem Himmel übergeben, der durch Sheltons stilistisch exzellenten, textexpressiven und überirdischen Altus zu flott bewegtem Tempo noch viel länger in einem resoniert. Einen weiteren Hit landete J. C. Bach mit seiner Ciaccona seines Dialogus‘ Herr, wende dich und sei mir gnädig, der abseits minimaler intonatorischer Unebenheiten bei Instrumenten und Králs leichter wie nahbarer Stimme vom oberen Seitenbalkon durch die umwerfend wortdramatische und harmonische Lebendigkeit der reuigen Sünder (Shelton, Rondepierre, Wilder) ein berührendes Abbild der Erlösung schuf.

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Setzte nach J. M. Bachs Sinfonia zu Ach wie sehnlich wart ich der Zeit J. C. Bachs zum Schluchzen verführende Motette Es ist nun aus mit meinem Leben mit wiederkehrendem „Welt, gute Nacht“ die eigentliche Programmklammer, vollzog selbstverständlich abschließend Johann Sebastian Bachs Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich in Pygmalions überwältigender, sprühender Kraft die Wandlung von defätistischer Ergebung zu glaubensgenährter Freude. Erhob sich darauf sofort ein beseeltes Publikum zum Applaus, heißt es Pygmalion nicht nur die nächsten 20 Jahre begierig willkommen, sondern nimmt es dessen hinreißende Disziplin und Übermittlungsfähigkeit mit in die verkündete Ewigkeit.

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