Nachdem das Osmanische Reich ab dem 14. Jahrhundert sukzessive zur Großmacht aufgestiegen und bis ins Abendland vorgerückt war, dauerte es noch eine Weile, bis die exotischen Einflüsse in die Musik des Barock, der Klassik und beginnenden Romantik Einzug fanden. Vornehmlich handelt es sich dabei um türkische Militärmusik, die an Höfen praktiziert wurde, da die Janitscharen so etwas wie musizierende Ritter der Sultanate darstellten. Das bekannteste Beispiel verwendete Mozart in seiner Oper Die Entführung aus dem Serail, das zwischen Lully, Rameau und von Weber heute eigentlich alle anderen Vertonungen vergessen machte, wie es schon Goethe feststellen musste. In der Reihe der Singspiel-Entdeckungen beim Festival der Brühler Schlosskonzerte war es an Andreas Spering und seiner Capella Augustina, nun kurz nach den Kollegen um Michi Gaigg und ihrem L'Orfeo Barockorchester Haydns Variante L'Incontro improvviso in historischer Spielpraxis aus der Truhe zu holen.

Andreas Spering © Christian Palm
Andreas Spering
© Christian Palm

In der Libretto-Fassung von Glucks Stoffverwertung – teilaufklärerisch ohne westlichen Helden! – gibt es natürlich ein adliges Liebespaar, das schon einige Schicksale durchlebt hat, indem es sich nach gemeinsamer Flucht aus Persien und ihrer Trennung durch Piraten in Kairo wiederfindet. Rezia, die Prinzessin, ist dabei mit gewissen „Freiheiten“ im Harem des Sultans gelandet, Ali immer noch auf der Suche nach ihr, ohne zu wissen, dass seine Geliebte in der Stadt ihr Dasein damit fristet, dem Werben des Herrschers irgendwie zu entgehen. Beide haben Vertraute an ihrer Seite, wobei die Damen Rezias Ali auf die Treueprobe stellen, während dessen einfältiger Diener Osmin Essen, Trank und dem listigen Calandro dergestalt verfällt, von der Befreiung und abermaligen Absetzung zu erzählen. Letzterer interessiert sich für das Kopfgeld, sodass die Flüchtenden zum Tode verurteilt werden, nachdem eine typsiche Verkleidungsaktion zur letzten Rettung scheitern muss. Aber es kommt, wie es doch 1775 kommt: der Sultan entpuppt sich als Gütling, der die richterliche Strenge wiederum inszeniert hatte, um sich als großzügigen Mildewalter abfeiern zu können, ehe er sich sich neuer „Unterhaltung“ zuwendet.

Selbst wenn eben Mozart der Schatz der Schätze in diesem Metier ist, wer könnte darüber hinaus besser für ein Dramma giocoso geeignet sein als Haydn!? Seinen Einfallsreichtum, Witz und technisch-musikalischen Anspruch nahmen die Experten und Festival-Gastgeber der Capella Augustina jedenfalls ausgiebig zum Anlass, die sich durchziehende Figuren- und Verzierungssause so rasant durchwuseln zu lassen, als befände man sich tatsächlich in den belebten Straßen der ägyptischen Hauptstadt. Und dort just in den meistens besungenen Kammern voller Speis und alkoholischem Getränk, wenn es in den Streichern aufjaulte oder das neckische Trällern von Osmin und Calandro ebenso unterhaltend mit Trillern oder ironischem Hämmern accompagnierte. Oder im Kopf des bis zum Finale imaginär bleibenden Sultans, als das Ensemble vor wütender Raserei ob Rezias Fluchtplan um sich schlug. Nicht nur besonders hörbar im theatralischen Stellen der Flüchtenden mit Säbeln und Kanonenschüssen, auch in den Final-Presti und -Prestissimi akzentuierte sich die Capella lautmalerisch mit Sforzati-Gemenge durch gerade dieses nicht ernst zu nehmende Palawer, wobei die geübte Balance in der Treppenhaus-Akustik nicht zum Verdecken der Solisten führte.

Capella Augustina © Christian Palm
Capella Augustina
© Christian Palm

Viel zu viel redet der gierige Osmin daher, was David Fischer in seiner schwierig gesetzten, karikierenden Rolle von hohem, tiefem, schnellem Parlando-Gesangsmix amüsiert, spiel-, verstell- und ausdrucksfreudig mit prägnantem und dabei weichem Tenor tat. Dem Wein war der trügerische Calandro sogar in lästernder Weise über Mohammeds Verbot zugetan, obwohl er selbst als Aufseher seine Derwische – Dirigent Spering mit Gesangseinlage einer von ihnen – stimmgewaltig und mit der nötigen Autorität zur Ordnung rief. Vermochte er in großspuriger, genüsslicher Geste im arabisch-fantasiesprachlichen Tralala Osmin zu gewinnen, überzeugte Rafael Fingerlos mit gleichsam deftigem wie geschmeidigem Bariton, dem im Auftreten außerdem das Auswendigsingen zupasskam, konnte er als einziger Solist die Partie bereits mit besagtem L'Orfeo auf der Bühne erproben.

In ihren wärmeren, sowohl von gezogener Phrasierung als auch geschicklicher Klasse gezeichneten Weisen, standen die Dienerinnen ihrer Herrin in nichts nach, obwohl sich Mezzo Sophie Harmsen erst in die erste Höhe und Erleichterung im zweiten Akt etwas hineinfuchsen musste, während Berit Solset Rezia in Treue und wacher Zuversichtsbeseeltheit gedankenvoll und befreit stimmlich verlässlich folgte. Die Prinzessin selbst ist nämlich nahezu ein Wunder, steckt sie doch das Schicksal so gut weg, dass in jeder Lage eine unbrüchliche Hoffnung aus ihr strömt. Prädestiniert für solch lachende Sternenschauer ist Robin Johannsen, die sich mit ihrem beweglich-betonten, höheschmeichelnden Sopran durch noch so schwierige Figuren und Tessiture kniffeln kann, wie in der Wirbelwind-Arie „Or vicina a te, mio cuore“. Fast pfeifend nahm sie schließlich im belohnenden Happy End den Hörer besinnlich mit in Rezias Gedanken und Herz.

Strahlte sie bereits und stets offen in die suchenden Augen Alis, sprang die Leidenschaft (trotz Timbres), die von Juan Sanchos eher nuscheligem, bedeutungsschwangerem Tenor ausging, nicht über. Sei es in der Treueprüfung, dem Suchen und Wiederfinden seiner Geliebten, gar in der angestachelten Kampf-Arie kam er nicht aus seinem Gemüt. Erst dessen Schlussnummer samt nachgemachten Kugeleinschlägen ließ ihn daraus herausfallen, passend zu den überleitenden Böllern des traditionellen Feuerwerks im Schlossgarten nach letzten orientalischen Janitscharenklängen.

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