Nach der Wiederbelebung und Neuorganisation des European Union Baroque Orchestra vor dreieinhalb Jahren dockt es neben der Erschließung neuer Aufführungspartner logischerweise auch immer weiter bei vertrauten, liebgewonnenen Veranstaltern an. So bei der Deutschen Philharmonie Merck in Darmstadt, die seit Jahrzehnten zusammen mit der Musikakademie Kloster Michaelstein im Harzer Blankenburg eine der verlässlichen Anlaufstellen des jährlich zusammengestellten Talentschmiede-Ensembles auf historischen Instrumenten ist. Vor seinem Einsatz bei den Schwetzinger SWR Festspielen konnte das Orchester dort Jean-Philippe Rameaus Balletteinakter Pygmalion mit vokalen und regietechnischen Begabungspendants sowie eine Suite aus Castor et Pollux unter Leitung des französischen Opernspezialisten Christophe Rousset präsentieren.

Christophe Rousset dirigiert das EUBO © Lilian Unger
Christophe Rousset dirigiert das EUBO
© Lilian Unger

Dabei machte gleich die Ouverture jenes Rameau-Instrumentalkompilats Roussets aus Marche, Airs, Menuet, Passepieds und Chaconne – hier freilich ganz ohne Schlagwerk besetzt – deutlich, wie stets aufs Neue verblüffend es den EUBO-Verantwortlichen samt eingeladenen Projektleitern gelang und gelingt, die jungen Musikerinnen und Musiker zu einer klangsatten Einheit werden zu lassen. Eine, die begierige Frische und professionelle Abgeklärtheit verbindet mit stilistischem Handwerkszeug. Dieser EUBO-Quell sprudelte in der Castor et Pollux-Suite sukzessive gesteigert beziehungsweise kontrastierend auf, um Rameaus intensive Farben, Rhythmen und Affekte kräftig wie grazil mit seinen Instrumenten zu pantomimisieren.

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Dafür wählte Rousset gemäß seinem höchst gelassenen, erfahrungsgesegneten Auftreten nicht zu exzentrische Tempi; in schnelleren Mouvements legte er vereinzelt gar solche an, die leicht ausbremsend bedächtiger wirkten. Er sprach vielmehr eine Sprache der phrasierungssezierenden Klarheit. Den dramatischen, erforderlichen, ja royalen Mentalitätsstempel drückte er durch starke Konturen, im Verlauf der Tanzsätze dann größere dynamische Akzentuierungen aus, die getragen waren von balancierten hohen und tiefen Streichern, speziell einem beherzten Bass, sowie – bei Rameau noch markanter und durch Rousset selbstverständlich vernünftig betont – einem exzellenten Fagott.

In Form der vokalen Begleitung wird besagte bewundernswerte Abgezocktheit des EUBO natürlich einer beträchtlicheren Prüfung unterzogen; solcher in halbszenisch aufgeführtem Pygmalion, dem Inbegriff des verzweifelt erschaffensliebenden Künstlermythos, die das Ensemble ebenfalls attributseinlösend, mit theatralischer Elastizität und faszinierender Aufmerksamkeit meisterte. Apropos meistern, versetzten auch die französischen Gesangstalente in Darmstadt sämtlich in Staunen. Abel Zamora als Pygmalion mit nahezu maßgeschneidertem Rameau-Haute-Contre voll dramatisch-passionierten, dabei stilwahrenden Timbres, der seine Idiomatik prächtig in finaler Szene entfalten konnte. Neima Fischer als L’Amour mit einer ausgesprochen angenehmen Soprantonalität, die durch vital-florierende Ausstrahlung und gewandte Stilwucht den Raum spielerisch wie zielsicher einzunehmen wusste. Michèle Bréant als La Statue mit wohlgebettetem, anmutigem Sopran reich an natürlichem Überzeugungscharme sowie Léontine Maridat-Zimmerlin als Céphise mit elegantem, warmem, engagiertem und prägnantem Mezzo.

Sowohl der Verbund zwischen Orchester und Gesangsriege als auch die Eindrücklichkeit der Aufführung insgesamt komplettierte Lena Sophie Meyers Regiearbeit. Mithilfe des Transfers der originären, aber pars pro toto für den Künstler stehenden Bildhauer- respektive Statueneigenschaft Pygmalions und dessen Ideal auf einen Komponisten, Rameau selbst, und eine Opernfigur in neuem Werk gelang es, zum einen die Episodenhaftigkeit der mitunter als abstrakt konnotierten Geschichte teils in Echtzeit, zum anderen zugleich die Projektion an sich in denkbar nahbarstem Sinne zu übersetzen. Die jeweiligen Zweifel Pygmalions und der verlorene Kampf Céphises, dessen unterstützende Frau, bei der die reale Liebe doch vor Augen liegt, erfuhren so eine beachtliche emotionale Direktheit.

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In der Person L’Amours wahlweise als zum Zwecke der Geschäftsbasis die Arbeitsmoral einfordernde Agentin des ringenden Künstlers oder als der technische Chief of Staff des auftraggebenden Hauses entwickelte Meyer geschickt Ballot de Sauvots Lösung, den damals modernen Geist des weltlichen Schöpfers mit dem übersinnlichen zu harmonisieren, fort auf die rein weltliche, praktische, zwischenmenschliche, heute nunmehr alltägliche wie verständliche Dimension. Dass Pygmalion schließlich mit schwarzem Hemd und EUBO-Krawatte den Dresscode der Musiker annahm, bevor er sich für seine Figur entschied, unterstrich symbolisch das stimmige Schicksal und Band dieses Künstlerbildes, das Grundlage bildet für Kreatives, Neues und beständig Berührendes.

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