Es waren große Themen, die Thomas Hampson ins Zentrum seines Liederabends stellte: Freiheit und Menschenrechte. Die ungebrochen aktuelle Hymne für die Meinungsfreiheit Die Gedanken sind frei, Dvořáks freiheitsliebende Zigeunermelodien oder Gedichte zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – Hampson setzte gemeinsam mit Pianist Wolfram Rieger im Prinzregententheater in München ein Zeichen für den Humanismus und regte mit seinem Programm zum Nachdenken an.

Thomas Hampson © Dario Acosta
Thomas Hampson
© Dario Acosta

Hampson ist nicht nur als führender Bariton im Opernfach bekannt, sondern auch als engagierter Liedsänger. Und Hampson besitzt die seltene Gabe, die Lieder vollkommen zu durchdringen, dramatisch auszudeuten und packend zu inszenieren. Der Schlüssel dafür liegt darin, dass Hampson die Musik lebt und zum Ausdruck bringen will. Tiefes Summen, geräuschvoll eingezogene Luft, eine energische Bewegung zu Rieger – Hampson ging im Prinzregententheater aufs Ganze. Der Amerikaner klang im spätromantischen Beginn mit Werken von Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky in den Höhen noch nicht ganz so geschmeidig und Rieger griff ein wenig zu energisch in die Klaviatur, doch die Ausdruckskraft entfaltete sich bereits in den kraftvollen Marschliedern Mit Trommeln und Pfeifen (Zemlinsky) und „Revelge" aus dem Liederzyklus Des Knaben Wunderhorn von Gustav Mahler.

Die beiden Herzstücke des Programms bildeten die Liederzyklen Zigeunermelodien von Antonin Dvořák und das Auftragswerk Civil Words, das die amerikanische Komponistin Jennifer Hidgon 2015 für Thomas Hampson komponiert hatte und mit dem sie das Ende des Bürgerkriegs in Amerika vor 150 Jahren feiert. Mit zeitgenössischen Gedichten und Reden spürt Hidgon den Gefühlen und Eindrücken der Zeit nach. Abraham Lincolns Antrittsrede zur zweiten Präsidentschaft, eine besorgte Mutter aus den Südstaaten, die um ihren Sohn im Feld fürchtet oder das Gedicht The Death of Lincoln von William Cullen Bryant, der ein Unterstützer Lincolns und entschiedener Gegner der Sklaverei war, verbinden sich in einem Zyklus aus vier Liedern, die Hampson effektvoll und mit samtigem Timbre präsentierte.

Ein Wagnis nannte Hampson das amerikanische Programm, das er nach München mitgebracht hatte und das weitestgehend in der alten Welt unbekannt ist. Ein Wagnis war das Programm mit Werken von Hidgon, Hindemith, Ives, Bernstein und unbekannteren Komponisten wie Henry Burleigh, Margret Bonds oder Jean Berger vielleicht, allerdings mit positivem Ausgang. Hampson interpretierte die Lieder mit solcher energetischen Kraft und überzeugenden Dramatik, dass die Lieder sofort vertraut schienen.

Doch das Programm, das Hampson zusammengestellt hatte, offenbarte noch etwas anderes. Musik wirkt am stärksten in den stillen Momenten. In Hindemiths O, nun heb du an, dort in deinem Moor – eine Vertonung eines Walt Whitman Gedichts – entfaltete Rieger die reduzierte, nachdenkliche Begleitung des Klaviers so ausdrucksvoll, dass die Spannung nach den letzten Akkorden förmlich greifbar wurde.

Überhaupt war Rieger ein grandioser Begleiter, der auch eigene Akzente setzte. Die Zigeunermelodien tanzten erdig und locker dahin, die Spätromantik wirkte klangkräftig und ausdrucksstark. Wenngleich Hampsons Timbre etwas an Samtigkeit und Brillanz verloren hat und Rieger an der ein oder anderen Stelle ein wenig zu großzügig mit dem Pedal umging, war dieses Programm dennoch eines, das in Erinnerung bleiben wird. Kunst ist nicht nur zur Unterhaltung dar, sondern kann auf Probleme und Missstände aufmerksam machen und Hampson ist dies gerade heute ein wichtiges Anliegen. Die Freiheit der Kunst ist immer auch ein Wagnis. Das sollte man aber immer wieder eingehen.

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