Ganz der böhmischen Klangwelt gewidmet war dieses Konzert des London Philharmonic Orchestra, das bereits im März aufgezeichnet und nun online gestreamt wurde. Den Auftakt zu diesem Abend bildete Leoš Janáčeks Žárlivost (Eifersucht); das kurze Werk hatte der Komponist zunächst als Ouvertüre zu seiner Oper Jenůfa konzipiert, entschied sich dann aber doch gegen diese Verwendung, weswegen das Stück für sich alleine stehend seinen Weg auf die Konzertbühnen gefunden hat. In der futuristisch beleuchteten Royal Festival Hall – jedes Konzertdrittel bekam seine eigene Farbe und so wurde die Bühne zunächst in violettes, dann in dezent türkises und schließlich in dunkelrotes Licht getaucht – erklang Žárlivost unter der Leitung von Sir Mark Elder aufbrausend und theatralisch, mit reichem Streicherklang und viel Gefühl. Der einzige Wermutstropfen der blieb, war die Tatsache, dass das Werk so kurz ist und ich gerne noch länger in Janáčeks musikalischer Welt geblieben wäre.

Sir Mark Elder dirigiert das London Philharmonic Orchestra
© LPO

Mit Antonín Dvořáks sinfonischer Dichtung Die Waldtaube tauchte der Konzertabend tief in die tschechische Folklore ein, handelt es sich dabei doch um die Vertonung einer Ballade des Nationaldichters Karel Jaromír Erben. Darin vergiftet eine junge Frau ihren Ehemann, spielt zunächst allen die trauernde Witwe vor, bevor sie rasch eine neue Ehe eingeht. Das Gurren einer Taube rührt sie so sehr, dass sie sich schließlich in einem Anflug von schlechtem Gewissen selbst umbringt. Orchester und Dirigent erzählten diese Geschichte überaus plastisch, sie schufen gewissermaßen einen Soundtrack, der die Handlung des vor dem inneren Auge ablaufenden Films komplettierte. Gestalterisch wurde großes musikalisches Kino geboten: Die Streicher klagten in der getragenen Begräbnismusik herzergreifend, die karikaturhaften Schluchzer der Witwe gestalteten Flöten und Geigen wunderbar verzerrt und die Bläser kündigten die Ankunft des neuen Liebhabers selbstbewusst und in strahlenden Klangfarben an. Für Gänsehaut sorgte schließlich das düstere Schimmern in den Tremolos vor dem Ruf der Taube; hier nahm Elder das Orchester merklich zurück, hielt jedoch die innere Spannung hoch und schuf dadurch eine beklemmende Wirkung. Beinahe entrückt wirkte schließlich das Ende der sinfonischen Dichtung, in dem die Bedrohlichkeit und die Gewissensbisse verschwinden und die Musik stattdessen in reine Sphären entschwebt – Dvořák gesteht der Protagonistin hier zweifellos Erlösung zu.

Steven Isserlis
© LPO

Als Dvořák sein Cellokonzert schrieb, war es gänzlich unüblich, dieses Instrument in den solistischen Mittelpunkt zu rücken; glücklicherweise ließ er sich davon nicht abhalten und schuf wohl eines der schönsten Werke überhaupt. Mit sanfter Melancholie bestach das LPO in der Einleitung des ersten Satzes, wobei nicht nur die Streicher mit Eleganz und warmem Klang begeisterten, sondern das träumerisch gestaltete Hornsolo gleich ein Highlight bot. Vom ersten Ton an zog Solist Steven Isserlis schließlich mit seinem virtuosen Spiel vollständig in den Bann; dabei beeindruckte nicht nur die technische Perfektion, sondern auch die seelenvolle Interpretation. Sein Cello ließ er dabei das – in den gemeinsamen Passagen noble Zurückhaltung walten lassende – Orchester regelrecht umschmeicheln; zuweilen wirkte es so, als würden Orchesterklang und Soloinstrument hier ein angeregtes musikalisches Gespräch bei einem romantischen Date führen. Im Adagio arbeitete Elder in seiner Interpretation den Kontrast zwischen melancholischer Schicksalsergebenheit und aufbrausenden Momenten der Frustration eindrucksvoll heraus. Er hielt das Orchester zu straffen Temposteigerungen im Aufwallen an und schuf für den Solisten trotz der Ausbrüche ein transparentes Klangbett; Isserlis entlockte seinem Instrument nachdenkliche, in sich gekehrte Emotionen in satten Farben, die sich ideal mit dem Gesamtklang verbanden. Die böhmische Lebensfreude eines warmen Sommertages versprühte der marschartige Beginn des dritten Satzes, bevor in sich sanft aufschwingenden Bögen im Solocello wieder die Melancholie ihren Weg bahnte. Die Fähigkeit, diese Dualität der slawischen Seele in Musik zu gießen und dabei weder die düstere Traurigkeit noch die überbordende Lebensenergie zu scheuen war es, was diesem Konzert neben der technischen Qualität den Gänsehaut-Faktor verlieh.


Die Vorstellung wurde vom Stream des London Philharmonic Orchestra auf Marquee TV rezensiert.

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