Endlich wieder Wagner! Und zwar mit voller Besetzung und „Full-Contact“ auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin. Zwar durften nur ca. 800 ZuschauerInnen in den großen Saal und man musste vier Stunden einen Mund-Nasen-Schutz tragen, aber dafür gab es wieder Berührungen zu sehen, große Stimme zu hören und starkes Blech im Graben. Wirkliche Ekstase, wie man sie sich von einer Walküre erhofft, wollte leider trotzdem nicht aufkommen.

Brandon Jovanovich (Siegmund), Lise Davidsen (Sieglinde) und Eric Naumann (Hundingling) © Bernd Uhlig
Brandon Jovanovich (Siegmund), Lise Davidsen (Sieglinde) und Eric Naumann (Hundingling)
© Bernd Uhlig

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim inszeniert den gesamten Ring an der Deutschen Oper. Das Rheingold musste auf 2021 verschoben werden, aber in Interviews gab er seine Ideen für den Vorabend bereits preis. Die Figuren (und viele Statisten) befänden sich auf der Flucht, nicht aktuell politisch motiviert, sondern wie Wagner vor seinen Gläubigern und der Polizei. Alle treffen auf einer leeren Bühne zusammen, dessen Zentrum ein Flügel ist. Dort beginnen sie sich die Geschichte des Rings zu erzählen. Ein Spiel im Spiel.

In der Walküre steht besagter Flügel in einem großen Halbkreis-Haus aus Koffern auf der Bühne, aus dem die Musik und Geschichte (überdeutlich pathetisch) entspringt, genau wie die meisten Figuren. Eine Figur fällt besonders auf. Hunding und Sieglinde haben einen Sohn. Er ist immer anwesend, auch als Siegmund das Haus betritt und mit dem „Quell“ nicht nur Wasser, sondern auch Sieglindes Liebe wiederfindet. Hundingling (Eric Naumann) ist Störenfried und Projektionsfläche in einem, denn Sieglinde tötet ihn Medea-artig vor der Flucht und kommt darüber nicht hinweg. Bis auf diese Neuerung badet die Inszenierung in der Wagner-Aufführungsgeschichte. Ein echter Wolf, dessen Augen bei der Wälsungen-Erzählung in einem peinlichen Video Sauron-artig auf ein großes Tuch projiziert wird, läuft über die Bühne, Flügelhelme, Brustwehr und orangefarbenes Feuer dürfen natürlich auch nicht fehlen. Die knalligen Farben des Lichts und Videos können nur Absicht sein. Auch das Bühnenbild (Silke Bauer und Stefan Herheim) wirkt gewollt grob.

Annika Schlicht (Fricka), John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Brünnhilde) © Bernd Uhlig
Annika Schlicht (Fricka), John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Brünnhilde)
© Bernd Uhlig

Leider wiederholen alle ständig die gleichen Handlungen. Jeder droht jedem mit Messer, Gewehr und Schwert. Anziehung und Abstoßung werden so oft wiederholt, dass sie nichts mehr bedeuten. Gleiche Gesten, gleiche Symbole (Koffer, Flügel, Geflüchtete). All das nutzte sich so schnell ab, dass die Stunden Musik vor allem durch repetitive Überladung und Unruhe gekennzeichnet waren.

Der sonst so mit Bühnenmagie und trotzdem ohne Komplett-Illusion arbeitende Herheim inszeniert hier völlig losgelöst davon. Demgegenüber steht allerdings die Ernsthaftigkeit mit der im Sinne einer Illusion gespielt und erst recht gesungen wird.

Und es wurde gesungen – mein Gott, wurde gesungen! Allen voran ließ Lise Davidsen das Publikum mit offenem Mund hinter ihren Masken zurück. Die Sopranistin sang mit ihrem warmen, metallischen Timbre jede Phrase anders großartig und geradezu mühelos. Mit der Aufforderung „So bleibe hier“ reist sie nicht nur fast die Koffer von der Hauseingangskonstruktion, sondern auch das halbe Opernhaus mit ihrer Stimme ab. Von liebevoll-warmen Schwüren bis zum überwältigenden „O hehrstes Wunder!“ sang und spielte Davidsen eine Sieglinde, die man so berührend selten hören kann.

John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Sieglinde) © Bernd Uhlig
John Lundgren (Wotan) und Nina Stemme (Sieglinde)
© Bernd Uhlig

An ihrer Seite sang Brandon Jovanovich – heldenhafte Statur, Stimme und Gestik sind dem Tenor von Natur gegeben. Liebevoll mit Sieglinde und im Streit bis zum Ende der Stimmkraft gehend macht er rundum eine gute Figur. Dazu kommt Andrew Harris als Hunding. Sein schwarzer Bass verlieh der Gefahr des Paares Nachdruck und lässt den Kontrast zu Sieglinde noch stärker schimmern.

Donald Runnicles bot dagegen wenig Unruhe. Aus dem Graben gab es keine für Wagner sonst so üblichen ekstatischen Ausbrüche. Sehr an den SängerInnen orientiert, gut ausbalanciert, aber auch unspektakulär dirigierte er das Orchester der Deutschen Oper. Mit wenigen Kontrasten, meist eher auf der leiseren Seite, floss es oft gleichförmig dahin.

Auf der Bühne aber stand das wohl eingespielteste Vater-Tochter-Gespann als Wotan und Brünnhilde (John Lundgren und Nina Stemme) zur Stelle. Beide stimmgewaltig, aber gewählt in ihren Ausbrüchen. Lundgren krabbelte aus dem Souffleurkasten mit den Noten zur Walküre in der Hand. Er sollte Wotans Geschichte erzählen, indem er am Klavier, dass keine beweglichen Tasten hat, die Musik spielt. Kein gelungener Effekt, aber gesanglich erzählte er spannend. Ihm stand Annika Schlicht als Fricka-Debütantin gegenüber. Der warme, aber bestimmte Mezzo malte eine starke Frau, die sich von ihrem Mann nichts sagen lässt. Lundgren brachte zusätzlich Ruhe und Kontrolle in die Szene, mal leise, mal drohend führt er seinen offenen Bassbariton dabei immer in klaren Linien. „Das Ende“ sind dann wir. Saallicht geht an. Und was genau sollen wir jetzt tun?

John Lundgren (Wotan) © Bernd Uhlig
John Lundgren (Wotan)
© Bernd Uhlig

„Oh schnell, schnell, wir sind schon dran“, denken sich auch die Walküren. Der dritte Akt beginnt als Herheim-Probesituation. Helmwiege (Flurina Stucki) holt die Handnebelmaschine aus dem Souffleurkasten (großartiger alter Theaterwitz), eine andere guckt schnell in die Noten – was muss ich noch mal singen? Alles nicht neu, aber als Theatermittel-Show effektvoll! Der Stimmungswechsel zum Ende gelingt auch. Wotan und Brünnhilde allein im blauen Nebel-Tal aus Koffern, von Geflüchteten beobachtet. Es ist oft unklar, was für eine Rolle diese haben. Doch was für ein Sängererlebnis mit Hingabe und Stimmschönheiten. Kaum gibt man sich jedoch der Musik hin, wird Wotan an eine Feuerleiter gekettet und zündet mit leuchtender Plastikspeerspitze das auf Tüchern projizierte Feuer an.

Es bleibt die Frage, wohin die Inszenierung will. Vielleicht hat Herheim sich selbst ein Bein gestellt, mit Die Walküre anzufangen, ohne die Entwicklung zu zeigen. Vielleicht sind ihm aber diesmal auch in der Umsetzung seines Konzepts die Mittel entglitten, wie Sieglinde das Kind – direkt in die Arme einer Richard-Wagner-Geburtshelfer-Karikatur.

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