Pierre Audi starb am 3. Mai 2025 überraschend im Alter von nur 67 Jahren. Die Bestürzung war groß, besonders in den Niederlanden, jenem Land, dessen Kulturszene er wie kaum ein anderer geprägt hat. Mehr als drei Jahrzehnte lang lenkte er die Geschicke der Nederlandse Opera und dank ihm dank ihm spielt die Oper in Amsterdam heute in einer Liga mit London, Paris oder München. Die nun gezeigte Wiederaufnahme seiner Inszenierung von Tristan und Isolde aus dem Jahr 2018 ist dem Andenken Audis gewidmet.

Malin Byström (Isolde) und Michael Weinius (Tristan) © Monika Rittershaus
Malin Byström (Isolde) und Michael Weinius (Tristan)
© Monika Rittershaus

Es ist eine seiner ikonischsten Regiearbeiten, die nicht nur in Amsterdam, sondern auch am Théâtre des Champs-Élysées in Paris und am Teatro dell’Opera di Roma große Beachtung fand. Audis Bildsprache ist von zeitloser Strenge und suggestiver Bildkraft. Auf einer kahlen, in Schatten getauchten Bühne, strahlen seine klaren Symbole eine größtmögliche Wirksamkeit aus: behutsam verschobene Wände, die sich allmählich als Schiffsrumpf entpuppen, Pflanzen, die aus ihm hervorbrechen, um wieder zu vergehen, das bleiche Skelett eines Wals, eine rätselhafte Eisenkonstruktion und schließlich eine schroffe Felsenlandschaft.

Diese Bildfolgen verdichten sich zu einem eindringlichen Assoziationsraum, in dem Vergänglichkeit, Hoffnungslosigkeit, eine demontierte Vitalität und der Tod beständig miteinander in Resonanz treten. Es ist eine statische Inszenierung, denn berührungslos finden die Protagonisten von Tristan und Isolde kaum zueinander. Ihre Vereinigung scheint erst im Jenseits möglich zu werden.

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Michael Weinius (Tristan) und Malin Byström (Isolde)
© Monika Rittershaus

Wie in Amsterdam üblich, werden die Opernproduktionen mit wechselnden Orchestern erarbeitet. Bei der Premiere 2018 saß das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der musikalischen Leitung von Marc Albrecht im Graben. Die aktuelle Wiederaufnahme hingegen vertraut auf das Rotterdams Philharmonisch Orkest, geleitet von ihrem ersten Gastdirigenten, dem jungen Finnen Tarmo Peltokoski. Der aufstrebende Dirigent gilt als Nachwuchsstar und ist faktisch bereits ganz oben angekommen. Mit dieser Aufführung gab Peltokoski nun sein Operndebüt in Amsterdam. Angesichts seines Alters von gerade einmal 25 Jahren besitzt er bereits eine erstaunliche Wagner-Erfahrung. Peltokoskis Tristan war keine orchestrale Ekstase, sondern eher ein spannungsvolles, in feinster Dynamik abgestuftes, in-sich-gerichtetes Miteinander-Ringen. Der Dirigent arbeitete gekonnt mit den Farben seines Orchesters und evozierte in überwiegend bedächtigen, ruhigen Tempi einen flirrend-leuchtenden Klangteppich. Sein bewusst poetischer, niemals überhitzter Wagner-Ansatz lud zum genauen Zuhören ein und erwies sich als umsichtiges Fundament für die eher sanft anmutenden Stimmen der beiden Titelpartien.

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Liang Li (König Marke) und Malin Byström (Isolde)
© Monika Rittershaus

Ein spannungsumwobenes Debüt: Malin Byström sang ihre erste Isolde. Über Stationen wie Salome, die Marie in Wozzeck und Beethovens Leonore hat sie sich behutsam an die wohl intimste Figur Richard Wagners herangearbeitet. Für ihre Stimme ist es eine Grenzpartie, welche sie dennoch bravourös meisterte. Byströms ungemein flexible und zugleich voluminöse Sopranstimme, getragen von einer elaborierten Tiefe, geprägt durch eine gesättigte Mittellage und mit bewusst dosierten Ausbrüchen in der Höhe, entzieht sich dem gängigen Bild des typisch hochdramatischen Wagner-Timbres. Und gerade darin liegt der Reiz ihres Rollenporträts. Es ist stark durch die Agilität und Virtuosität Byströms zahlreicher Mozart-Partien geprägt. Eine Isolde von derart reichem Klangfarbenspektrum mit klarer Diktion und daraus erwachsender Ausdruckskraft, getragen von präzise gesetzten Gesten, ist wahrlich selten zu erleben.

Als Tristan stand Malin Byström mit Michael Weinius – ebenfalls Schwede – einer der gewandtesten Heldentenöre unserer Zeit zur Seite. Mit sicherer, wohl überlegter Stimmführung wirkte Weinius zunächst noch etwas zurückgenommen, steigerte sich jedoch, insbesondere im kräftezehrenden dritten Aufzug, zu einem Rollenporträt von eindringlicher, fesselnder Dramatik. Sein Tristan ist bewusst introvertiert angelegt; Weinius mag nicht der stimmgewaltigste Vertreter seines Fachs sein, gehört dafür aber zu den klangschönsten, sensibelsten und musikalischsten Interpreten dieser Partie. Mit seiner Phrasierung, eng aus den dynamischen Abstufungen des Orchesterklangs heraus entwickelt, wusste der Tenor nachhaltig zu berühren.

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Malin Byström (Isolde)
© Monika Rittershaus

Kein hässlicher Ton: Kaum ein Liebespaar dieser Oper harmoniert derart kongenial wie Byströms Isolde mit Weinius’ Tristan. Ihr Liebesduett im zweiten Aufzug geriet zu einem der schönsten und facettenreichsten der jüngeren Rezeptionsgeschichte. Peltokoski im Graben ließ die beiden Stimmen behutsam in der ewigen Schönheit seines Orchesterklangs eintauchen, darin versinken und umspielen, ohne je unterzugehen – um diese zum Kulminationspunkt hin wieder leuchtend zu emanzipieren; bis Brangänes Schrei die Protagonisten wieder in die Jetztzeit zurückholte. In dieser zeichnete Liang Li mit seiner tiefschwarz gefärbten, vibrierenden Bassstimme einen bewusst unterkühlten, nahezu empathielosen König Marke als autoritäres Gegenstück der Realitätsflucht von Tristan und Isolde.

Auch die weiteren Partien glänzten im besten Sinne eines Wagner’schen Belcanto: Jordan Shanahan sang einen Kurwenal mit wohltuend geerdetem, facettenreich schattiertem Bariton, während Irene Roberts’ Brangäne mit hellglühendem, von berührender Leuchtkraft strahlendem Mezzosopran, tief unter die Haut ging.

Ein Schlussbild von betörend klarer Schönheit: Halb ins Jenseits entrückt, erscheint Isolde in ihrem Liebestod vor weißer Unendlichkeit nur noch als schwarze Silhouette. In diesem Augenblick war im Zuschauerraum zu spüren, dass der musiktheatralische Geist des verstorbenen Pierre Audi in Amsterdam auch weiterhin fortwirken wird.

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