Vor drei Jahren erst holte die Bayerische Staatsoper mit Hamlet einen von Brett Dean komponierten historischen Opernstoff auf die Bühne; in elegant klassizistischem Festsaal bewegte sich die dänische Königsfamilie, und Hamlet, Enfant terrible in eher abgetragenem Outfit, wirkte wie ein Fremdkörper in dieser feinen Gesellschaft. Nun ist es mit Maria Stuart ein klassisches Drama, dessen historischer Hintergrund in Deans neuer Oper Of One Blood eine neue Einordnung erlaubt. Zusammen mit seiner Ehepartnerin Heather Betts, expressionistisch arbeitender Künstlerin und Librettistin, hat Dean das Textbuch aus historischem Material wie Briefen oder Aufzeichnungen freigelegt, überlagert, oft in seiner Widersprüchlichkeit sichtbar gemacht.

<i>Of One Blood</i> &copy; Monika Rittershaus
Of One Blood
© Monika Rittershaus

Die Spur, die beide verfolgen und auch in der Inszenierung des an der Staatsoper bestens bekannten Claus Guth abgebildet wird, liegt in den Frauen selbst: Elizabeth I. Tudor, Königin von England, und Mary Stuart, Königin von Schottland, beider Kraft und Mut, ihrer Verletzlichkeit und Angst. So bietet das erste Bild des Bühnenbildners Étienne Pluss bereits ein sinnstiftendes Szenario: Geschichtsforscher, wie Laborkräfte in isolierenden Reinraum-Anzügen, öffnen im Mausoleum von Westminster Abbey, permanent unter einem Segment der gotischen Gewölbekonstruktion, den Sarkophag der Mary, entnehmen vorsichtig mit gesteuerten Roboterarmen Teile des Skeletts für eine fokussierte Untersuchung.

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Mahan Esfahani am Cembalo, Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary) &copy; Monika Rittershaus
Mahan Esfahani am Cembalo, Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary)
© Monika Rittershaus

Die gleichen Kräfte werden immer wieder in ähnlich künstlichen Bewegungsabläufen in den kommenden Szenen die handelnden Personen auf die zentrale Spielfläche führen, die anfangs die Gemächer von Königin Mary in Holyrood Palace, Edinburgh, repräsentieren, später auch Elizabeths Windsor Castle. Dieser konzentrierte, nichts dem Zufall überlassende Bewegungsablauf, eigentlich die Sorgfalt in der Recherche dokumentierend, und die als Einheits-Bühnenkulisse sterile Laborumgebung können allerdings auf Dauer auch ermüdend wirken.

Für Claus Guth ist diese Distanz Voraussetzung, die nicht allein das Ereignis zeigt, sondern die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die es hervorbringen: Mechanismen von Macht, Religionen und Traditionen, Entscheidungsdruck unter permanenter Unsicherheit. Dabei verliert Mary Kontrolle und Einfluss, stürzt ab, weil sie sich auch als englische Königin empfindet und in England eine aussichtslose politische Gruppierung unterstützt. Elizabeths Biografie dagegen beschreibt einen langsamen, geplanten Aufstieg.

Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary) &copy; Monika Rittershaus
Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary)
© Monika Rittershaus

Historisch belegt sind Treffen der beiden Königinnen vor der Inhaftierung Marys wohl nicht. Umso mehr Dokumente brieflichen Kontakts sind erhalten, in denen insbesondere Mary an Elizabeth schreibt und mit der Anrede „my dearest sister and cousin“ Nähe, Verwandtschaft beschwört, eben aus einem Blut zu stammen. Immer wieder äußert sie dabei die Bitte, sich persönlich zu treffen. So gehört zu Deans ersten Klängen in der Oper die Aufnahme einer auf Pergamentpapier kratzenden Feder, eigentlich mit einem Ast auf einer Trommelmembran geschrieben und digitalisiert. Man brachte damals seine Gedanken so schnell wie möglich zu Papier, auch wenn es dann Tage dauerte, bis der Empfänger sie lesen konnte. Wie beim Prozess des Schreibens mit der Hand brodelt es in Of One Blood den ganzen Abend über: unruhige Rhythmen, oft über Surroundklänge im Parkett kaum räumlich zu orten.

Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary) &copy; Monika Rittershaus
Johanni van Oostrum (Elizabeth) und Vera-Lotte Boecker (Mary)
© Monika Rittershaus

Im spannenden Kontrast zu elektronischen Klängen der Gegenwart schwenkt der Musikstil immer wieder in die Tudorzeit, oft in der Form von direkten Zitaten von Cembalomusik. Beide Königinnen spielten selbst Virginal, ein verkleinertes Cembalo. Der Staatsopernchor (Einstudierung Christoph Heil), zumeist verdeckt neben der Bühne, eröffnete mit dem geistlichen Domine Deus, speravi in Te, das mehrfach in dieser Zeit vertont wurde. Auch ein Cembalist (sehr einfühlsam Mahan Esfahani) tritt auf, verkörpert symbolisch Elizabeths Hof, jedoch nicht nur solistisch musizierend, sondern als Person der Opernhandlung.

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Jede der beiden Königinnen wird von einem fünfköpfigen Vokalensemble begleitet: ein männliches für Elizabeth und ein weibliches für Mary, die jeweils ihre Herrscherin beraten, Entscheidungen vorbereiten und kommentieren. Es gibt daher wenige weitere, herausragende solistische Rollen, außer Marys Ehemann Lord Darnley, der sich gerne in der Königsrolle sehen würde und die Königin mit Macho-Sprüchen herabwürdigt, sowie Marys loyalen Berater und Freund Rizzio, der in der Folge von Darnley aus Eifersucht ermordet wird. Liam Bonthrone und Andrew Hamilton gefielen in ihren Rollen durch sehr prägnantes Spiel und schöne vokale Präsenz.

Vera-Lotte Boecker (Mary) &copy; Monika Rittershaus
Vera-Lotte Boecker (Mary)
© Monika Rittershaus

Die Protagonistinnen, beide Soprane, könnten unterschiedlicher nicht sein: Johanni van Oostrum spielte eine machtbewusste Elizabeth, mit ruhigen, überzeugenden Gesangslinien. Einer sympathischen Mary Stuart gab Vera-Lotte Boecker eher nervöse Züge, die aufgeregte Tonintervalle wie Pfeile ins Publikum schoss. Ihre mütterlichen Gefühle für Sohn James strahlten liebevolle Zärtlichkeit aus.

Nach den ersten vier Szenen in Schottland macht die Handlung einen Sprung: 19 Jahre ist Mary wegen Unterstützung Tudor-feindlicher Kräfte im Arrest im englischen Chartley Manor. Weil Mary ein grausames Komplott geplant habe, muss Elizabeth Stärke zeigen und ordnet schweren Herzens Marys Hinrichtung an („hätte ich Marys Leben gerettet, hätten sie mir meines genommen“). Die Konfrontation aller Gefühle kumulierte wie ein Orkan in einem raumfüllenden Fortissimo des bewundernswert aufspielenden Staatsorchesters, das Vladimir Jurowski detailreich anleitete. In einem sehr berührenden Gesang zeigt Elizabeth Herz: „wenn wir nur wie zwei Mägde wären, mit Eimern am Arm“, hadert mit Gott „ich habe gesündigt; ich friere und doch bin ich verbrannt“. Mit Mary zusammen schließlich „wir sind wie zwei Juwelen in einer Fassung nun gebunden“.

<i>Of One Blood</i> &copy; Monika Rittershaus
Of One Blood
© Monika Rittershaus

Am Ende, zum Abschluss der Labor-Untersuchungen, kommen beide Sarkophage wieder in ihrer Ruhestätte, dem weißen Marmormausoleum, nebeneinander zu stehen, zu beider letzten Worten „Anteil zu haben an ewiger Freude“. Historisches Material, Szenen archaischer Strenge, die einen ruhigen, faszinierend ungewohnten Blickwinkel dieser Epoche öffnen, ohne dass ein Handlungstreiber wie Hamlet die Geschichte in neue Bahnen lenkt. Viel Beifall eines überzeugten Publikums.

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