Wenn es in der heutigen Zeit eine legendäre Duett-Kombination vornehmlich im Bereich der Barockoper gibt, dann besteht sie aus Philippe Jaroussky und Marie-Nicole Lemieux. Unvergleichlich ihr Miteinander, das stets seinen darstellerischen Gemeinsinn ausleben kann. Die Freundschaft bringt sie auch im November zusammen, wenn der Countertenor an ein Konzert vor zehn Jahren erinnert: Lieder des Barock mit Kollegen zu singen und unter anderem dabei in die Chansons Charles Aznavours zu gleiten. Zuvor sollten die beiden allerdings eingespannt sein in die Händel-Reihe Il pomo d'oros, die natürlich wieder in Essen Halt machte, diesmal unter ihrem zweiten Leiter am Cembalo, Francesco Corti. Auf dem Programm stand Radamisto in der Fassung von 1720.

Philippe Jaroussky
© Simon Fowler | Warner Classics

Und die Handlung dieser Oper hat sogar Bezug zu Aznavour, spielt sie in der Nähe Ararats, dem heiligen Berg der Armenier, den der Grandseigneur von seinem Zweitwohnsitz in Erewan aus erblicken konnte. Obwohl nationales Symbol, liegt er nicht im eigenen Staatsgebiet, sondern in dem der Türkei. Dies gibt einen Hinweis auf den kriegerischen Konflikt zwischen den Staaten und der komplexen Geschichte des Landes, geprägt von Flucht und Vertreibung. Davon berichtet in gewisser Weise die um operndramatische Schwierigkeiten freidichtend und historische Fakten einfach umdrehend angereicherte Auseinandersetzung zwischen den aufgeteilten Königreichen Armeniens und Thrakiens.

Sie bekämpfen sich bei Händel deshalb, weil Armeniens Herrscher Tiridate unbedingt Zenobia, Gemahlin Radamistos, Sohn des thrakischen Throninhabers, erobern möchte. Verwirrend, zumal wenn noch Tigrane ein Auge auf Radamistos Schwester Polissena, Tiridates Frau, geworfen hat und Tiridates Bruder Fraarte aus eigener Liebe zu Zenobia mitmischt. Da kann man verstehen, dass sich die Auserwählte im Wasser auflösen möchte, um nicht in die Fänge des Tyrannen zu fallen, der sie mit dem Tod ihres Gatten und Farasmanes erpresst. Doch überlebt sie, damit es zum Showdown kommt, in dem Radamisto zur Vergeltung schreiten will, Polissena aber – eigentlich unerträglich – zu ihrem Mann hält. Dass Radamisto hier nicht nachtragend ist, verdankt er dem typischen lieto fine führungsstarken Großmuts, das Tigrane und Fraarte zuvor zur Meuterei der Truppen für Tiridates Einlenken bringt.

Der Schlusschor dazu feiert unter dem Glanz der trompettes naturelles Il pomo d'oros und des exquisiten Solistenensembles das vergebensreiche Schwammdrüber aller Personen, das mich diesen Radamisto sicherlich nicht vergessen lässt. Denn einerseits war es abermals das Jaroussky-Lemieux-Duett, das in der Ausstrahlung tiefsten Vertrauens und reinster Zuneigung die überwältigende Sanges- und Schauspiellust wie eh und je hervorbrachte. Zum anderen – neben der Besetzung der übrigen Rollen – führte Corti, nun auch in antiphoner Aufstellung vom sonstigen Co-Chef Maxim Emelyanychev und sowieso in mit dessen, der überaus brillanten Konzertmeisterin Zevira Valova und Orchester gemeinsamer Sprache von Effekt, Dynamik, Akzenten, Farbigkeit und musikalischem Olymp, die starke Feder des instrumentalen Erzählers. Dabei hielt er mit den Pomos bravourös die Zeit an, um in den allesamt hinreißendsten Arien mit Lupe und Empathie die Emotionen ins Feuer des Dramas zu werfen, oder nahm sie in die generell spritzige wie geschwinde Hand, damit Spannung konstant erhalten blieb.

Emőke Baráth
© Zsofi Raffay | Warner Classics

Zur Würdigung der Gesangssolisten konkreter das Folgende: Obwohl Jaroussky im höheren Register entweder von bisheriger Tour oder insgesamt – er deutete an, sie könne seine letzte vollständige Oper als Sänger auf der Bühne sein – beansprucht schien, vermochte er gewohnt mit Volumen, klarem wie herzlichem Ausdruck oder den „Vanni“-Figurationen als mit Edelmut und Tugend geborener Radamisto zu fesseln, der stetig auf den Pfaden von Rache, Liebesschwur, völliger Verzweiflung und eben abschiedsgeschenklichen Abgesängen wandelte. Temperamentsbolzen und Ausnahme-Altistin Lemieux machte jedes Erscheinen als vom erdrückenden Realismus der Verfahrenheit unnachgiebige Zenobia zu einem aufregenden Erlebnis, ja zwang letztlich auch Tiridate nicht nur die Verachtung mit Stimme, Zunder, Artikulation und Phrasierung, sondern mir die uneingeschränkte Richtigkeit ihres Tuns auf.

Mit dem Verständnis für die dagegen im Realismus benebelte Polissena ist es nicht so weit her, in der Emőke Baráth vom ersten bis zum letzten intensiven, vollmundigen, mit dunklerem Schimmer der Tragik versehenen Einsatz ihres Charakters begeisterte, der in der Treue zu Ehemann und Insignien der Macht, schlussendlich auf dem Gipfel unverständlicher Zerrissenheit durch seinerseitige Erpressung, ebenfalls Anteil am Frieden hatte. Tiridate verkörperte Zachary Wilder als hartnäckig-trotzigen König, der sich mitunter mal zum offenen Visier seiner Finsternis strecken musste, aber so zeigte, dass dessen vermeintliche Macht nur Abbild der Schwachheit war, die sich ab und zu hinter Eleganz verschanzte, jedoch glaubte, Liebe derart zu gewinnen.

Wie erwähnt, gebührt der praktische Heldenstatus den guten Planern und Überläufern aus Moral und – wenn auch nicht persönlich glückendem – Eigennutz. Anna Bonitatibus war als solcher (Tigrane) in weichster Dankbarkeit jeglichen Umgangs der Lage geläufig, trotz durchgängigeren Vibratoflimmerns leicht, rund und akkurat auf Zack. In Alicia Amo, ebenfalls mit präsenterer Vibratolast, hatte Fraarte eine Stimme von mitunter kindlich-blumig-naiver Lieblichkeit, die Tiridate erst recht nichts tatkräftig Aufwiegelndes erahnen ließ. Musterbeispiel an Aufrichtigkeit, trotz familiärer Einheirat an Zenobia „vererbt“, an den Sohn befehligt, besitzt natürlich Farasmane, dem Renato Dolcini diesen Wert betörend mit Geschmeidigkeit und Strenge verlieh.

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