Yuja Wang (Klavier), Andreas Ottensamer (Klarinette) und Daishin Kashimoto (Violine) bildeten im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie ein wahres Trio infernal und präsentierten Werke von Chopin, Debussy und Strawinsky, mit denen sie auch bald in Warschau und Budapest zu hören sein werden.

Yuja Wang © Ian Douglas
Yuja Wang
© Ian Douglas

Zunächst betrat Yuja Wang das Podium alleine. Glamour trägt sie zwar nach außen, doch ihr künstlerischer Anspruch ist vom Zurücktreten getragen. Auf die Frage, welcher Komponist ihr besonders nahe stehe, antwortet die Pianisten häufig mit Chopin. Ihr Vortrag von dessen Andante spianato et grande polonaise brillante erinnerte mich insofern an Pollinis große Tage, als es diesem Pianisten zu danken ist, die Eleganz dieser Musik nicht zu sentimentalisieren, sondern präzise zu spielen. Yuja Wang knüpfte – ob nun bewusst oder nicht – an Pollinis Auffassung an. Sie begann fast vorsichtig mit dem einleitenden Andante spianato, nahm das introvertierte Stück aber nicht als Warmspielstück, sondern stufte mit aller Klangkunst piano und pianis­simo so deutlich wie sorgsam voneinander ab. Es ist dann im zweiten Abschnitt schlicht beeindruckend, mit welcher Kraft diese so filigran anmutende Frau die mit technischen Schwierigkeiten gespickte, kapriziöse und hochvirtuose Grande Polonaise brillante vortrug.

Andreas Ottensamer © Lars Borges
Andreas Ottensamer
© Lars Borges

Dann trat sie als Solistin zurück und spielte gemeinsam mit Andreas Ottensamer Debussys Première Rhapsodie für Klarinette und Klavier. Ottensamer, der seit März 2011 Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker ist, spielt auf Instrumenten, die eigens für ihn gebaut wurden. Debussys als Wettbewerbsstück komponierte Rhapsodie ließ er wie aus dem Nichts einsetzen und dann die traumverlorene Kantilene in ihrer ganzen Klangschönheit aufblühen. Imponierend, wie es die beiden Musiker verstanden, die Rhapsodie als Illusion einer Improvisation zu spielen: Genau gesetzt, doch ganz frei in der Form anmutend und dabei humorvoll im Ton.

Mit dem Geiger Daishin Kashimoto, dem Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, erschien der Dritte im Bunde des Abends. Nach all der französischen Eleganz, Klarheit und Schein-Improvisation der ersten beiden Stücke kam mit Strawinskys Suite aus der Geschichte vom Soldaten nun rauer Ton zu Gehör. Der Komponist musste Frankreich verlassen, um nicht an die Front geschickt zu werden. Er ging in die Schweiz, wo ihm kein Riesenorchester mit vielen Tänzern zur Verfügung stand wie in Paris. 1917 komponierte er „Arme-Leute“-Musik: ein klein besetztes Musiktheaterstück für eine Wanderbühne. Die Musiker agieren in Abkehr von Wagners unsichtbarem Orchester auf der Bühne. Das Sujet handelt von einem Deserteur, der vom Teufel geholt wird. Wenn die Versatzstücke falsch zusammenmontiert werden, wirken die Sätze wie von Chaplin-Filmen inspiriert. Die Musiker ließen sich hochkonzentriert auf diese „Dekonstruktionen“ der ständigen Taktwechsel etwa im eröffnenden Marsch, aber auch in den drei Tanzstücken im Zentrum der Suite ein. Das Groteske wurde in den Vordergrund gerückt und Yuja Wang machte dabei das Klavier zu dem, was es im 20. Jahrhundert auch immer war: zum Schlagzeug.

Daishin Kashimoto © Daisuke Akita
Daishin Kashimoto
© Daisuke Akita

Nach der Pause trugen Yuja Wang und Daishin Kashimoto Debussys Violinsonate in g-Moll vor. In seinen letzten Stücken wollte Debussy die französische Musiktradition wieder aufleben lassen. Doch neoklassizistische Musik gab es nicht zu hören, eher eine, die demonstrativ Beethoven und Brahms den Rücken kehrte. Die beiden Musiker überließen sich der freien Form dieser Musik, so dass im ersten Satz ein ganz eigener Dialog zwischen Violine und Klavier zu Gehör kommen konnte. Das Intermezzo in der Mitte trugen sie so leicht vor, wie es sich Debussy sicher gewünscht hätte. Auch im Finale ist von der Schwerblütigkeit eines todkranken Musikers nichts zu hören. Die beiden Musiker fassten auch den letzten Satz lebendig, fast fröhlich auf und bewegten sich damit genau im Ton, in dem der Komponist sein kompositorisches Schlusswort geschrieben hatte.

Um Bartóks Kontraste aufzuführen, versammelten sich die drei Musiker wieder gemeinsam auf der Bühne. Das für Benny Goodman geschriebene Stück hat mit Jazz recht wenig zu tun. Die Musiker trugen den ersten Satz zu Recht auch eher aus der Perspektive eines Ungarischen Tanzes im Stile Brahms’ vor. Großartig, wie Ottensamer in der Schluss-Kadenz alle Register zog. Dann folgte als zweiter Satz eine der für Bartók so charakteristischen Nachtmusiken, in der die Musiker auch Anklänge an Ungarismen im Stile des Divertissement à la Hongroise Schuberts hören ließen. Zu Recht machten sie im dritten Satz Reminiszenzen an Saint-Saëns’ Danse macabre und Liszts Mephistowalzer hörbar. Schließlich wusste Daishin Kashimoto mit seiner Solokadenz zu glänzen ohne Gelegenheit zu haben, in ihr kantabel hervorzutreten – stattdessen musste er sein Instrument mit Doppelgriffen, Flageoletts, Arpeggien und Pizzicati geradezu malträtieren.

Für den großen Beifall am Ende eines denkwürdigen Abend bedankten sich die drei Musiker mit zwei Arrangements als Zugaben: Zunächst erklang ein Satz aus Poulencs L‘Invitation au chateau. Dann gab es aus Schostakowitschs ursprünglich für 2 Violinen und Klavier besetzten 5 Stücken das Prelude in einer Version für Violine, Klarinette und Klavier zu hören.

****1