Dieter Dorns Produktion der Hochzeit des Figaro findet in einer kahlen Welt statt. Weiß dominiert, versetzt mit dem gelegentlichen Türkis einer Tür oder eines Stuhles. Dieser historischen Inszenierung fehlt die übliche Pracht, und ihre Schlichtheit legt den Schwerpunkt gänzlich auf die Besetzung. Bei solch starken Sängern und Schauspielern ist das genau so, wie es sein sollte.

Luca Pisaroni fühlt sich sichtlich wohl in der Titelrolle; er lauscht, erfindet Geschichten und bringt komische Momente mit einer Leichtigkeit, die mich vermuten lässt, dass auch jenseits der Bühne etwas Figaro in ihm steckt! Sein Figaro erscheint jünger als die meisten, und sein Schmerz im letzten Akt, als er glaubt, dass Susanna ihn betrogen hat, berührt sehr. Man kann sich kaum einen besseren Sänger für diese Rolle vorstellen: Pisaroni zeigt eine starke Stimme, makelloses Italienisch und einen wundervoll komischen Tonfall. Anita Hartigs Susanna ist da ein gutes Pendant. Sie hat Figaro, Cherubino und die Gräfin sichtlich gerne und zeigt einen schelmischen Stolz dabei, die Avancen des Grafen zu durchkreuzen. Hartig ist der Inbegriff der Soubrette mit einem leichten, reinen, gut tragenden Sopran. Sie nutzt seine Lieblichkeit und die volle Bandbreite an Volumen und Textur mit ausgezeichnetem Effekt, besonders in „Deh vieni, non tardar“.

Die Besetzung des Cherubino wurde in letzter Minute noch geändert, doch Cecelia Hall, liebenswert unbeholfen, gibt eine souveräne Vertretung. Trotz einer katastrophalen ersten Arie (was genau schief lief ist nicht klar, aber sie und das Orchester waren sich eindeutig uneinig) sang sie weiterhin wundervoll und blieb in der Rolle. In Hosen macht sie eine sehr gute Figur (und schafft es, in weiblicher Kleidung ungeschickt zu wirken), und man kann verstehen, warum so viele Frauen ihren Cherubino unwiderstehlich entzückend finden. Ihr Auftreten von vornehmer Entschlossenheit, als sie sich vom Bühnenrand in den Orchestergraben wirft, ist besonders komisch.

Véronique Gens' Gräfin scheint oft über die Maßen theatralisch, doch als Charakteristikum ergibt das durchaus Sinn – schließlich muss sie auf Listen zurückgreifen, um ihren Ehemann zu bändigen, und sie ist mutmaßlich keine erfahrene Betrügerin. Ihre beiden Arien enthüllen einen großen, atemberaubend schönen Sopran. Dieselbe Stimme scheint ein wenig niedergekämpft und aus dem Gleichgewicht in ihrer „Canzonetta sull'aria“, aber das betrachte ich als lohnenswerten Ausgleich. Als ihr Schürzenjäger eines Ehemannes gelingt es Gerald Finley, eine verachtenswerte Figur zu spielen, ohne jedoch die Sympathien des Publikums ganz zu verlieren. Die Rolle des Grafen gibt ihm nicht viel Gelegenheit, die lyrischen Qualitäten seiner Stimme zu zeigen, doch er beeindruckt dennoch mit seinem stimmlichen und dramatischen Umfang. Beiden Adligen täte allerdings ein bisschen mehr Modebewusstsein gut – die Gräfin zieht beinahe ein rotes Kleid mit türkisfarbenen Schuhen an, und der Graf hat einen grauenhaften Geschmack was auffällige Morgenmäntel angeht!

Maestro Ivor Bolton führt das Bayerische Staatsorchester durchweg mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Er liebt diese Oper heiß und innig – er gestikuliert nicht nur wild mit dem Taktstock, er nickt auch und formt die Worte lautlos mit den Lippen. Das Orchester spielt mit erfahrener Präzision, und besonders die Violinen klingen wunderbar, vor allem in der Ouvertüre.

Die einfache, realistische Inszenierung wird im letzten Akt ideenreicher. Die weißen Wände des Guts des Grafen dienen auch als Garten, und die Art und Weise, in der das Licht durch diese (Stoff-)Wände scheint, erlaubt es uns manchmal, die Schatten von Lauschern zu sehen. Das weiße Tuch am Boden fungiert bisweilen auch als Tarnkappe, denn Figuren, die sich dahinter verstecken, sind für die anderen Charaktere unsichtbar. Das bietet einiges an Material für komische Momente, denn manche Figuren verlieren ihr Stückchen Stoff und versuchen dann fieberhaft, seiner wieder habhaft zu werden. Andere komische Elemente wie Barbarinas Hand, die unter dem Vorhang hervorkommt und das wiederholte Klopfen, das Figaro am Anfang des dritten Aktes auf die Palme bringt, funktionieren ebenfalls; ich hätte jedoch gut auf Don Curzios übertriebenes Stottern verzichten können. Ebenso wichtig ist, dass die Oper nicht vorgibt, dass ernste Angelegenheiten witzig sind: die sexuellen Übergriffe des Grafen auf Susanna sind genau das, und sie sind unangenehm, nicht komisch. Gleichermaßen ist das Happy End angemessen zweideutig: obwohl die Gräfin ihrem missratenen Gatten verzeiht, scheinen im Finale Streitigkeiten zu entstehen. Nur, weil es eine Komödie ist, heißt das noch lange nicht, sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Bei dieser unaufdringlichen Produktion und grandiosen Besetzung wird das Publikum hingegen mit Sicherheit glücklich nach Hause gehen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

****1