In ihrer Inszenierung des Rings hat Francesca Zambello es sich zur Aufgabe gemacht, „das Intime im Epos“ zu zeigen, und das hat sie erfolgreich getan. Zuerst waren diese Sagen Lagerfeuergeschichten, und wir saßen in der Tat um eine Art Feuer und hörten Geschichten in wunderbar lebhaften Details bis zum Ende der heutigen Dämmerung.

Eric Halfvarson (Hagen) © Scott Suchman
Eric Halfvarson (Hagen)
© Scott Suchman
Am ursprünglichen Verbrechen gegen die Natur nicht beteiligt, doch in dessen Fortführung noch immer schuldig wurden die Gibichung-Geschwister als geldgierige Neureiche gezeichnet, ihr industrielles Vermögen verdeutlicht in Montagen von qualmenden Kraftwerken als ihre Heimstatt aus Chrom und Glas, komplett mit weißem Sofa, Kissen mit Leopardenmuster und Bar. Wohlhabend, aber unsicher suchen sie sozialen Status durch Vermählung, und wer böte sich mehr an als die ultimativen Trophäengatten Brünnhilde und Siegfried, die man sich durch die Listen des „Vertrauens“mannes Hagen gesichert hat?

Melissa Citro spielte eine schale Gutrune mit blumiger Stimme perfekt, mit taillenlangem, blondem, fast zu Tode geglättetem Haar; ihre moralische Entwicklung im Lauf der Oper war überzeugend. Ryan McKinny war als moralisch gespaltener Gunther bei besserer Stimme als in der Rolle des Donner. Eric Halfvarson verlieh Hagen seine dreidimensionale Stimme und Bösartigkeit in superdüsterem Überfluss. Wie ein Marionettenspieler kontrollierte er die Figuren – Gutrune führte die Rolle, die er ihr zuschrieb, genau aus – doch wir erhaschen auch einen Blick auf eine andere Seite, als Alberich ihm im Traum erscheint und ihn, seine schlaffen Arme hebend, in Arglist unterrichtet. Wahrlich eine Achse des Bösen.

Die Nornen bewohnten Computerinnereien, verbunden mit dem Schicksalskabel. Ihre Stimmen waren nicht die überzeugendsten; die der Rheintöchter jedoch erhoben sich flötend und wie aus einer anderen Welt, ganz gleich wie heruntergekommen auch ihre Behausung war, übersät mit Müll der Massenproduktion der Ersten Welt, Plastik, Kabeln, Reifen und einem halb versunkenen Auto. Einzelne Stimmen übernehmen im Ring die Arbeit von ganzen Chören; hier sang der Chor aus Kommandotruppe und Henker kraftvoll wie aus einer Kehle.

Marcy Stonikas, Lindsay Ammann und Jamie Barton (Nornen) © Scott Suchman
Marcy Stonikas, Lindsay Ammann und Jamie Barton (Nornen)
© Scott Suchman

Catherine Foster’s Stimme öffnete sich in hoher Lage mit überflüssigem Glanz. Ihre Schwäche im Spiel (es war nie besonders viel Walküre in ihr) war in den letzten Szenen jedoch unwichtig, in denen sie lediglich stehen, verarbeiten und würdevoll aussehen muss, königlich sogar, wenn sie sich opfert und die Welt rettet. Sie war wirklich der Inbegriff weiblicher Kraft.

Daniel Brenna zeigte auch hier seinen überaus sympathischen Siegfried – noch immer der Knabenmann, der den himmelblauen Schal seiner Mutter trägt. Von seiner bewegenden Liebesszene mit Brünnhilde, in der die beiden sich gegenseitig mit Liebesbeteuerungen übertreffen, zu seinem Fauxpas im schnittigen Gibichungen-Heim, von der arglosen Ausdehnung seiner männlichen Kameraderie zu seinem herzzerreißenden Ende, seine letzte Geste ein versuch, die Hand seines „Blutsbruders“ zu erreichen, fing Brenna die zentrale Anziehungskraft der Figur ein, das heißt die Anziehungskraft seiner Unschuld. Während andere Figuren aus gewissen Gründen dabei sind – einige wollen den Ring, andere wollen ein bisschen Status und träumen in ihren Leoprint-Kissen von wahrem Ruhm – ist Siegfried aus Spaß an der Freude mit von der Partie. Nur er war immer frei vom Verlangen nach Macht oder Weisheit; das Einzige, das er wollte, war das Fürchten zu lernen, und das hat er nie wirklich geschafft.

Eric Halfvarson (Hagen) und Melissa Citro (Gutrune) © Scott Suchman
Eric Halfvarson (Hagen) und Melissa Citro (Gutrune)
© Scott Suchman
Und so geht es zum Ende aller Dinge. Allein Frauen sitzen der Zerstörung und Wiederauferstehung der Welt vor. Männer wurden von der Bühne gefegt, waren entweder bereits tot oder wurden, in Hagens Fall, mit Plastik erstickt. Polizeifotos von Göttern fielen in die leckenden Flammen. Frauen, zuvor unterdrückt, da sie sich auf Brünnhildes Seite stellten, wurden nun zu Ausführenden der Transformation, eine erlösende Schwesternschaft, hier um zu bezeugen, wie gefallene Asche herabstürzendes Wasser wird.

Und hier sind wir am amerikanischsten Teil dieses amerikanischen Rings angelangt. Zambello besitzt den ikonoklastischen Impuls der Rebellion – die Götter können gestürzt werden –, doch auch den Impuls für positive und allumfassende Neuerfindung: die nächste Generation kann sich den Staub abklopfen, von Neuem beginnen, es besser machen. Das „Recht, in unserem Leben alles zu haben“ ist, so behauptet sie, eine so postchristliche wie amerikanische Einstellung. Keine unrealistischen Versprechungen für die Zeit nach dem Tod: Zambello zieht den wirklichen Himmel vor. Es überrascht jedoch nicht, dass sie den Glauben erwähnt, denn dieses war ein Glaubensende, ein heiliger Moment für wahre Gläubige. Der Glaube, zu dem man angehalten wird, ist der an Amerika, und mich als nicht-amerikanische Häretikerin haben die letzten Momente, in denen das kleine Mädchen in Weiß einen Setzling pflanzt, darum kaltgelassen.

Amerika ist nicht so sehr an seine Vergangenheit gebunden als an die Mythologie seines neuen Weltstatus und Zambello schreibt – leidenschaftlich – aus diesem mythischen Rahmengebilde. Doch der amerikanische Mythos mag für die Moderne sein, was die großen, skandinavischen Sagen für die Menschen des Mittelalters waren. Und aus diesem Grunde funktionierte dieser Ring so gut; aus diesem Grunde endete er so passend.

Der amerikanische Traum ist tot. Lang lebe der amerikanische Traum. Ein neuer.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.