Eine der heiß ersehntesten Proms dieser Saison verursachte lange Schlangen auf der Prince Consort Road und einem randvollen Saal – die Berliner Philharmoniker haben einfach diese Wirkung. Als der Applaus, der Sir Siman Rattle begrüßte, abgeklungen war und das Orchester zu spielen begann, konnte man auch hören, warum. Es ist ein Orchester mit vollen Streicherklang, sinnlichen Holzbler-Soli und mitreißenden Blechbläsern. Es ist ein Rolls Royce unter den Orchestern: unter der Motorhaube entdeckt man einen riesigen Präzisionsmotor, doch die Sitze sind weich gepolstert und der Lack glänzt. Rattles Programmauswahl unterstrich diese Qualitäten noch..

Kann es ein besseres Schlussstück als Rachmaninows Sinfonische Tänze geben? Sie fassen seine Kompositionskariere wundervoll zusammen und sind außerdem voller enigmatischer Selbstzitate. Das Motto-Thema der Symphonie Nr. 1, deren Rezeption nach ihrer chaotischen Premiè:re unter einem betrunkenen Glazunov im Übrigen katastrophal war, wird gegen Ende des ersten Tanzes zitiert, ein berührender Moment, in dem die Tonart von c-Moll nach C-Dur wechselt und die Streicher gegen die Flöten, Piccolo, Glocken, Harfe und Klavier anspielen. Der Streicherklang der Berliner ging dabei weit über „voll” hinaus, war nahezu cremig dick und dicht. Dazu noch das rauchige Altsaxophon, und der Klang erreichte eine ganz neue Ebene des Schwelgens. .

Der Dies irae-Gesang erscheint und kämpft im letzten Abschnitt des dritten Tanzes mit etwas, das einer Orchestrierung des neunten Satzes seines Meisterwerkes für Chor, den Vespern, schon sehr nahe kommt; ein Eindruck, der von Rachmaninows „Alliluya“-Kommentar in der Partitur noch verstärkt wird. Als er in Betracht zog zu erlauben, die Sinfonischen Tänze als Ballett zu choreographieren, deutete er an, dass die drei Sätze Mittag, Einbruch der Dunkelheit und Mitternacht repräsentieren. Der dämmrige zweite, danse macabre-Satz und die zwölf läutenden Glocken des dritten Satzes passen sicherlich zu dieser Analyse, auch, wenn die Titel nie veröffentlicht wurden. Der verschleierten Bedrohung im Berliner Blech zu Beginn des dritten Satzes folgte ein hypnotischer Waltzer, der in seiner Fülle beinahe schmalzig und dekadent schien. Nach der Horn-Reprise des Dies irae bedeutete Rattle dem Publikum gekonnt, seine enthusiastische Reaktion noch ein wenig zurückzuhalten, bis auch der letzte Tam-Tam-Schlag verklungen war. Trotz all dieser Qualitäten hatte ich das Gefühl, dass Rattle sich mit Rachmaninow nicht hundertprozentig wohl fühlte; die angegebenen Tempowechsel wie die prompten Accelerandi schienen steif und einstudiert. Diese Interpretation war wie poliert, doch ihr fehlte das letzte Quäntchen russischer Schwermut, der die Komposition durchzieht.

In der großartigen zweiten Konzerthälfte wurden jegliche Zweifel vertrieben: Rattle und die Berliner spielten Strawinksis Feuervogel, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte. „Ich glaube, Sie wissen es schon,“ gab Rattle hinterher zu, „aber es gibt auf der ganzen Welt kein Publikum wie dieses hier.“ Die Intensität des Zuhörens war unbeschreiblich. Die gewagtesten Streicher-pianissimi, die man sich vorstellen kann, zogen das gesamte Publikum in ihren Bann mit einer insentiven Konzentration, als die Handlung in Kastschejs Garten fortschritt. Diese Streicher können eiskalt sein, um die mysteriöse Anfangsszene heraufzubeschwören, oder mit der Wärme und Fülle des Chorowod, der mit dem wundervoll runden Ton von Albrecht Mayers Oboensolo gesegnet war, liebkosen. Trompeter, die am Rande des Parketts platziert waren, kündigten die Ankunft von Kastschejs schaurigem Gefolge an, und sein infernalischer Tanz wurde als schwindelerregendes, orchestrales Vorzeigestück päsentiert.

Der Feuervogel ist das Ballett, in dem Strawinski seine Verpflichtung gegenüber der brillianten Orchestrierung seines Lehrers Rimski-Korsakow zeigt, und das Spiel des Orchesters hier wurde der Partitur überaus gerecht. Ich kann nicht der einzige Zuhörer gewesen sein, dem Bilder aus Mikhail Fokins Ballett durch den Kopf gingen, doch die Berliner spielten derart farbig und erweckten die phantastische Musik zum Leben.

Und die Belohnung für das Publikum für solch konzentriertes Zuhören? Eine herrliche Interpretation von Puccinis Manon Lescaut, bei der üppige Streicher alle 6000 von uns in ihre samtigen Arme nahmen. Wir waren entzückt.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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