Siegfried ist für viele nicht unbedingt die einfachste unter Wagners Opern. Es gibt viel Text und viel Musik, doch die Handlung im ersten Aufzug ist begrenzt, wenn die Geschichte der ersten beiden Ring-Opern von Wotan (jetzt Wanderer) und Mime zusammengefasst und ein neuer Protagonist, Siegfried, vorgestellt wird. Die Handlung des zweiten Aufzuges findet im Wald statt, als der Plan, dem Drachen den Ring abzuknöpfen, um den Unschuldig-Einfältigen seinen Lauf nimmt. Soweit sind alle Stimmen männlich, erst am Ende des zweiten Aufzugs bringt die weibliche Stimme (oft hinter der Bühne) des Waldvogels einen hellen Lichtstrahl und weist anderen Sonnenschein am Ende der Oper voraus – das Erwachen Brünnhildes.

Zwischen dem zweiten und dritten Aufzug von Siegfried machte Wagner eine zehn Jahre währende Pause, und seine Reife zeigt sich deutlich. Das Vorspiel zum dritten Aufzug ist ein komplexes Netz aus gut zehn musikalischen Motiven des Rings, das sich als symphonisches Werk öffnet. Ist ist einer der musikalischen Höhepunkte des Rings, und Simon Rattle beleuchtete meisterhaft jedes einzelne Motiv, fachmännisch interpretiert vom Wiener Staatsopernorchester. Wie Wellen rollten die Themen allmählich und beständig heran, ohne hörbare Pausen, und doch konnte man jeden Ton, jedes Instrument deutlich vernehmen. Es war ein passendes Vorspiel zum Rest des Ring-Dramas.

Das Orchester spielte an diesem Abend nahezu makellos nach einem etwas zögerlichen Anfang im ersten Aufzug. Es gab einige unkoordinierte Momente zwischen dem Orchester und den Sängern, doch die wurden schnell behoben, und der Rest der Vorstellung zeigte famoses Zusammenspiel, in dem das Orchester die Sänger unterstützte, deren Stimme weich über den Instrumentallinien zu sitzen schienen. Eine so enge Verbindung von Orchester und Stimmen, so eine Dynamik und ein organisches Entfalten des musikalischen Dramas erlebt man selten.

Stephen Gould als Siegfried ist ein alter Hase der Produktion, und doch schien er an diesem Abend neue, subtile Nuancen dieser Rolle zu entdecken, gestützt von einer gefühlvollen Interpretation der Partitur. Der erste Aufzug ereignete sich an einem Industrieort mit langen Tischen auf geneigten Plattformen, die als Mimes Herd, Küche und Brennofen fungieren. Hohe, graue Wände mit Ventilatoren hoch oben und einem Tür am hinteren Rand umgaben den Platz. Herwig Pecoraros Mime war eine perfekte Mischung aus komischem und listig-durchtriebenem Charakter, und er nutzte Stimme, Körper und Mimik, um den gerissenen Zwerg darzustellen. Goulds Tenor mit baritonalem Glanz strahle hell und wurde doch in der langen Vorstellung nie matt. Die anspruchsvolle Schmiede-Szene im ersten Aufzug besaß ungewöhnlich langsame, ruhige Momente, in denen er in einem sanften Murmeln sang. Als Rattle das Orchester zu höherer Lautstärke animierte, reagierte Gould mit einem aufregenden Ausbruch von klaren Spitzentönen, um den ersten Aufzug abzuschließen.

Im Wald des zweiten Aufzuges lebten Plüschtiere in Gestalt von Reh, Gazelle und Bär, befestigt an den drei Wänden; grüne Beleuchtung deutete den Schauplatz auf der großteils blanken Bühne an. Der Riese wurde durch ein riesiges, an eine Leinwand an der Rückseite der Bühne projiziertes Auge dargestellt. Es war ein schöner Kniff der Regie, den sterbenden Riesen hervorzuheben, dunkel und verloren gesungen von Mikhail Petrenko, in von unter der Bühne auf einer Plattform emporkommen zulassen, bevor er in den Tod herabgelassen wurde. Richard Paul Fink gab einen stimmlich wirkungsvollen Alberich, der in seinem kurzen Auftritt gut mit seinem Bruder Mime interagierte.

Tomasz Konieczny sang den Wanderer großartig, nicht so sehr als lebensüberdrüssiger Gott, sondern als weiser und aufmerksamer Beobachter der Ereignisse. Diese Rolle gab ihm nicht ganz so viel Gelegenheit wie die Walküre, die Vielfalt seiner Stimmfarben zu zeigen, doch er holte das beste aus der majestätischen Musik des Wanderers heraus. Für die Szene des Wanderers mit Erda und Siegfried am Anfang des dritten Aufzugs wählte Rattle ein rasches Tempo, das dem Feuer, das der Musik folgte, eine gewisse Dringlichkeit verlieh. Die Blechbläser spielten das Walhalla-Thema, als die Streicher die Feuermusik vorstellen, als Zeichen für das Ende von Wotans Herrschaft; die Holzbläser spielten das Echo mit dem Schicksalsmotiv, als Siegfried seinen Weg zu Brünnhildes Felsen fand, der lediglich ein paar Stufen auf der Bühne bestand, die wiederum leer war, abgesehen von einer schrägen Wand im Bühnenhinteren und zwei Teilen weißer Skulptur zur Bühnenrechten. Dieses Integrieren der verschiedenen Zweige der Musik in den Ring auf so klare, zusammenhängende Weise war wirklich denkwürdig.

Das letzte Duett von Siegfried und Brünnhilde begann gemäßigt, das Tempo war nie eilig, als erlaube man ihrer Liebe, allmählich aufzublühen. Es gab leise Momente, in denen Brünnhilde sanft ihrer Vergangenheit gedachte und über ihre missliche Lage nachsann, und Rattle verwob die Musik allmählich hin zum Höhepunkt, ließ die Phrasen nicht abbrechen, sondern auf überaus subtile, organische Weise überlappen.

Es war schade, dass Evelyn Herlitzius' Brünnhilde nicht ganz auf der Höhe von Goulds unermüdlichem, klangvollem Tenor war. Ihre erste Zeile, „Heil, dir Sonne“ gelang ihr recht gut, mit klarem, filigranem und doch durchdringendem Sopran. Ihrer Stimme fehlte jedoch die Fülle, um die verschiedenen dynamischen Schattierungen ihrer Rolle zum Ausdruck zu bringen, und Nuancen wurden oft mit dynamischen Änderungen angedeutet. Ihr letzter Ton war nicht zu hören.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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