Kaum ein Violinkonzert steht so häufig am Programm wie jenes von Tschaikowsky; an diesem Abend konnte man sich durch Lisa Batiashvilis Interpretation in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker allerdings noch einmal völlig neu in das Werk verlieben. Das Spiel von Batiashvili war so voll Eleganz und Grandezza, dass sich bereits bei den ersten Takten pures Gänsehaut-Feeling einstellte. Mit ihrer – beinahe unverschämt vollmundig und karamellig schimmernd klingenden – Guarneri „del Gesu“ spannte sie in den ersten beiden Sätzen Klangfäden voll Zartheit und elegischer Lyrik; im explosiven Finale scheute sie nicht die ein oder andere harsche Attacke und schien dank ihrer virtuosen Technik auch bei immer rasanter werdenden Tempi alle Zeit der Welt zu haben, um den Augenblick des Spielens voll auskosten zu können.

Lisa Batiashvili
© Lena Laine

Die Berliner Philharmoniker bereiteten der Solistin unter der Leitung von Semyon Bychkov ein differenziertes und transparent strahlendes Klangbett, wobei sie sich immer wieder vornehm hinter der Sologeige zurücknahmen. Insbesondere mit den Holzbläsern trat der Klang der Violine in einen zauberhaften Dialog, der sich vor allem in der Canzonetta bis hin zu einer sphärisch-träumerischen Entrücktheit steigerte. Mit Begriffen wie „Sternstunde“ oder „außergewöhnlich“ sollte man sparsam umgehen – auf diese erste Konzerthälfte trafen sie jedoch zu hundert Prozent zu.

Semyon Bychkov
© Lena Laine

Im vorab aufgezeichneten Interview nannte Dirigent Semyon Bychkov die slawische Herkunft beider Komponisten und deren gegenseitige Bewunderung als verbindendes Element zwischen erstem und zweitem Teil des Konzerts und bot dem Publikum interessante Einblicke in den Briefwechsel zwischen Tschaikowsky und Dvořák. Der dramaturgische Bogen funktionierte auch ausgezeichnet, aber im direkten Vergleich mit dem herausragendem Violinkonzert fiel die Interpretation von Dvořáks Symphonie Nr. 7 dann doch etwas ab. Nun kann das Orchester in diesem Fall wirklich nichts dafür, denn wie bereits vor der Pause präsentierten sich die Musiker in Topform. Dass sich dennoch nicht der ganz große Genuss einstellte, mag daran gelegen haben, dass Bychkovs Interpretation des Werks eher auf der kühlen Seite der Gefühlsskala angesiedelt war und Leidenschaft vermissen ließ. So erklang das Orchester im ersten Satz zunächst eher distanziert denn bedrohlich und im Scherzo tänzelten die Musiker zwar energisch durch die Partitur, schafften es aber nicht, den böhmischen Kampfgeist, der in diesem Satz mitschwingt, wirklich greifbar werden zu lassen.

Diesen Einwänden – Meckern auf hohem Niveau, übrigens! – zum Trotz überwogen allerdings dennoch die positiven Eindrücke. Etwa der sanft ersterbende Klang im zweiten Satz, bei dem man auch nach dem letzten Ton noch meinte, die Energie der Musik spüren und hören zu können oder die konstant an Dramatik und innerer Spannung zunehmende Coda des vierten Satzes. Hier kam man auch nochmals in den Genuss, zu erleben, wie sehr sich die Stärken des Orchesters – etwa die feine Differenzierung der Dynamik und die Vielfalt der Klangfarben – bzw. der Instrumentengruppen – die lyrisch schwelgenden Streicher, die warm schimmernden Holzbläser und die nie zu dominant hervortretenden Blechbläser – zu einem homogenen Ganzen verbanden.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Berliner Philharmoniker in der Digital Concert Hall rezensiert.

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