Neidisch blicken die Stars des Bratschenspiels auf ihre Kollegen und Kolleginnen vom Departement Violine: Denn es gibt im Repertoire viel weniger Bratschenkonzerte als Violinkonzerte. Eines der neueren, Paul Hindemiths Der Schwanendreher, Konzert nach alten Volksliedern für Viola und kleines Orchester, wird beinahe am stiefmütterlichsten behandelte. Zu Unrecht. Tabea Zimmermann, eine der bedeutendsten Bratschistinnen der heutigen Zeit, demonstrierte dies bei ihrem jüngsten Auftritt in der Tonhalle Zürich eindrucksvoll. Zusammen mit dem Tonhalle-Orchester unter der Leitung des Gastdirigenten Marek Janowski legte sie eine authentische Interpretation dieses Werks hin. Dass Zimmermann neben ihrer reichen künstlerischen und pädagogischen Tätigkeit auch Präsidentin der Hindemith-Stiftung ist, sei nur am Rande vermerkt.

Der etwas rätselhafte Titel ist erklärungsbedürftig. Schwäne spielen ja auch in anderen berühmten Kompositionen eine wichtige Rolle, etwa in Tschaikowskys Ballett Schwanensee, in Wagners Oper Lohengrin oder in Orffs Kantate Carmina Burana. Hindemiths Schwanendreher bezieht sich auf den letzten Satz des Bratschenkonzerts, der aus Variationen über das alte deutsche Lied Seid ihr nicht der Schwanendreher? besteht. Ein Schwanendreher war in der Vergangenheit eine Art Grillmeister, der den auf dem Rost bratenden Schwan regelmäßig drehen musste, bis er gar war. In Hindemiths Vorstellung stellt die Figur auch einen randständigen Spielmann dar, der die Gesellschaft mit seiner Musik unterhält.
Alle drei Sätze des Konzerts basieren auf Volksliedern, und dennoch ist die Komposition keineswegs volkstümlich wie etwa Orffs Kantate. Wenn Zimmermann den ersten Satz solistisch eröffnet, hören wir keine muntere Liedmelodie, sondern recht schwermütige Figurationen. Wenn das Tonhalle-Orchester hinzutritt, erklingt unter Führung der Posaune eine Art von Geleitgesang wie bei einem Leichenzug. Das Volkstümliche kommt in der Fortsetzung doch noch zu seinem Recht, sowohl im Soloinstrument als auch im Orchester. Auf der eigens für sie angefertigten Bratsche des Geigenbauers Patrick Robin begeistert Zimmermann mit einer unerhörten Sonorität in allen Lagen. Dass sie vom Orchester nie zugedeckt wird, beruht auch auf der Tatsache, dass Hindemith, der selber Bratscher war, im Tutti auf Violinen und Bratschen verzichtet.
Ein gelungener kompositorischer Wurf ist der zweite Satz, der aus dem Kontrast eines langsamen und eines schnellen Teils lebt. Stimmungsvoll entwickelt er sich aus einem intimen Duett zwischen der Solistin und der Harfenistin des Orchesters, Sarah Verrue. Im Orchester erscheint das altehrwürdige Lied Nun laube, Lindlein, laube in der Pose eines Chorals. Der Hindemithsche Schalk entpuppt sich auch im schnellen Teil, einem Fugato über das Lied Der Gutzgauch auf dem Zaune saß, bei dem die Orchesterinstrumente und die Solobratsche eine Art Verfolgungsjagd aufnehmen. Eine brillante Vorstellung ihres Könnens zeigt Zimmermann im frechen dritten Satz, wo sie mit einer unvergleichlichen Mischung aus Virtuosität und Klangschönheit beeindruckt. Wahrlich eine Meisterin ihres Fachs!
Mit Brahms‘ Symphonie Nr. 2 in D-Dur, Op.73 steht im zweiten Teil des Abends ein Evergreen des Repertoires auf dem Programm. Unter der Stabführung von Janowski gerät das Werk ebenfalls zu einer meisterhaften Aufführung. Janowski verkörpert den Typus des deutschen Maestro alter Schule. Auswendig dirigierend, vergegenwärtigt er eine philharmonische Tradition, die gewissermaßen direkt auf Brahms zurückgeht. Alles hat darin seinen festen Platz, man ahnt als Hörer stets, welche Entwicklung als nächste kommt. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, bleibt die Wiedergabe in allen vier Sätzen spannend und mündet zuletzt in einen wahren Klangrausch. Dem Tonhalle-Orchester scheint diese Lesart zu gefallen.

