Der fliegende Holländer stand zuletzt 2021 am Spielplan der Wiener Staatsoper – höchste Zeit also, Richard Wagners Seefahrerepos wieder einmal zu zeigen, denn wer 2021 verhindert war, kommt nun vielleicht erstmals oder nach zehn Saisonen wieder in den Genuss, dieses Werk in der Inszenierung von Christine Mielitz aus 2003 zu erleben. Der Vergleich mit den Experimenten des Theater an der Wien 2015 und der Volksoper 2019 macht auch sicher, dass in Wien zwischenzeitlich nichts Besseres nachgekommen ist.

Mielitz‘ Regiearbeit für die Wiener Staatsoper punktet mit perfekt choreographierten Auftritten der Chöre und ebenso durchdachten Beleuchtungseffekten, die Punktlandungen bei den Szenen- und Stimmungswechseln ermöglichen. Auch die Kulissen (wenngleich sie schon hin und wieder knarren) vermitteln Seemanns- und Geisterflair, wobei ein Zusammentreffen dieser beiden Welten an einem Detail ersichtlich ist: Die Balken am Rande der beiden Schiffsteile, die in der Bühnenmitte auch verbunden werden können, erinnern an das Walgerippe. Aber auch die häusliche Enge, in der sich die auf die Rückkehr der Seefahrer wartenden Frauen und Mädchen wiederfinden, wird im Bühnenbild von Stefan Mayer deutlich. Tapeten und Holzpaneele sind deutlich angejahrt und erinnern daran, dass Seemänner wohl weder Zeit, Lust, noch Mittel für Renovierungen hatten, und für die Frauen Haushalt und Handarbeiten angesagt waren – was uns immerhin das geschäftige Lied vom Spinnrad beschert hat, zu dem die Regisseurin die Spindeln vom Schnürboden hängen lässt.

Was kann also groß schiefgehen, wenn man eine mehr als kompetente Inszenierung und eine starke Besetzung aufzubieten hat? Nun, wir reden hier von einem Stück, in dem ein untoter Seemann alle sieben Jahre versucht, bei einem Landgang eine ihm ewig treue Frau zu freien, und dadurch Erlösung zu erlangen… da kann es auch sein, dass der Spuk auch ins echte Leben herüberschwappt. Bei der ersten Vorstellung gab es nämlich nicht nur einen fliegenden Holländer, sondern auch einen fliegenden Wechsel in der Besetzung des Erik, als Jörg Schneider in der laufenden Aufführung Andreas Schager ablösen musste.
In der nun besprochenen dritten Vorstellung war er von Anbeginn an dabei und lieferte eine überzeugende Darbietung, die aufgrund seiner stimmlichen Möglichkeiten als robuster lyrischer Tenor weniger auf Kraftmeierei denn auf Emotion aufbaute. Insofern passte Schneider gut zu Senta, für die mit Erica Eloff ebenfalls eine lyrische Stimme besetzt war, deren kultiviertes Piano mehr überzeugte als die Ausbrüche in der Höhe. An der Gestaltung der berühmten Ballade konnte man auch erfreut feststellen, dass die Personenregie immer noch funktioniert, und Eloff auch den Mut für die divenhaft großen Wahnsinnsgesten mitbrachte.

Den fliegenden Holländer, also den Untoten, den Senta so obsessiv besingt, gab Publikumsliebling Tomasz Konieczny, bei dem man sich immer fragt, ob ihm die Natur einen Verstärker eingebaut hat. Mit der ihm eigenen vokalen Wucht und seiner bekannt speziellen Behandlung der Vokale klingt er tatsächlich wie ein Wesen aus anderen Sphären. Es ist daher nicht einmal unpassend, wenn der Matrosenchor am Ende von Koniecznys erstem Auftritts („Die Frist ist um“) so unschlüssig aus dem Off antwortet („Ew'ge Vernichtung, nimm uns auf!“), als hätte er den Worten dieses Vokalmatadors nichts mehr hinzuzufügen.
Das tat dem Gefallen an der ansonsten beherzten Leistung der Chöre aber keinerlei Abbruch. Als Daland ließ Franz-Josef Selig anfangs ein Vibrato hören, das an Meereswellen erinnerte; seine besten Momente hatte er im Auftritt mit Konieczny, als er letzteren zu sich nach Hause und zu Senta bringt. Hiroshi Amako als Steuermann und Stephanie Maitland als Mary erfüllten ihre Aufgaben rollendeckend, wobei man sich bei Maitland immer wieder wundert, wie sehr sie mit ihren Rollen verschmilzt, sie war kaum zu erkennen.

Mit dem Bühnengeschehen war man also gut bedient, doch das, was aus dem Graben kam, ließ manchmal eher „alter Schwede“ denn „fliegender Holländer“ denken – da passte vieles nicht zusammen, zumal die Hörner gleich bei den allerersten Takten der Ouvertüre patzten und nicht zu ihrer gewohnten Wagner-Form fanden; dass Bertrand de Billy die rein instrumentalen Stellen mit manchmal überambitioniertem Tempo dirigierte, half nicht. Aber auch bei den anderen Bläsern, Blech wie Holz, geriet etliches nicht comme il faut, dafür aber laut und mit Überzeugung. Heroisch immerhin die Streicher unter der Führung der Violinen, die die Unbilden rundum buchstäblich überspielten und auf ihre Weise für Ordnung sorgten.

Überraschenderweise trübten die Umtriebe im Graben den Gesamteindruck weniger als man meinen könnte, und man möchte diesen Abend nicht missen. Insbesondere im dritten Aufzug, wenn der Geisterchor in die Bühnenmitte geradezu hereinbricht, erweist sich die Kombination aus Wagners Kompositionskunst und Mielitz’ Regiehandwerk als unkaputtbar und hebt dem Orchester doch noch die Flügel. In den nächsten Saisonen würde man daher gern erleben, wieviel mehr noch möglich ist.





















