Wer kennt das Cardillac-Syndrom? Es bezeichnet in einer populärwissenschaftlichen Sprechweise das Verhalten eines Künstlers, der sich von seinen Kunstwerken nicht zu lösen vermag. Der Begriff ist von E.T.A. Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi abgeleitet, welche die Vorlage für Paul Hindemiths Oper Cardillac bildet. In der Oper ist Cardillac ein Goldschmied, der jeden, der eines seiner Schmuckstücke kauft, anschließend ermordet, weil er die Kunstwerke für sich selbst behalten will. Die Lage spitzt sich zu, als Cardillac einem Offizier, dem Liebhaber seiner Tochter, seine kostbarste Kette verkauft. Wird er auch diesen töten?
Hindemiths Kriminaloper nach dem Libretto von Ferdinand Lion erlebte in der Erstfassung ihre Uraufführung im Jahr 1926 an der Semperoper Dresden. Am Opernhaus Zürich nahm man das 100-Jahr-Jubiläum zum Anlass, um das nicht so häufig gespielte Werk in einer Neuproduktion herauszubringen. Erstaunlich eigentlich, dass man sich nicht für die Zweitfassung von 1952 entschieden hat, die ja in Zürich uraufgeführt wurde. Doch die zweite Fassung von Cardillac gilt allgemein als „Verschlimmbesserung“ und wird seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt. Inhaltlich unnötig aufgerüstet und stilistisch abgemildert, lautet das Verdikt.
In Zürich verhilft das Gespann mit Fabio Luisi, dem vormaligen Musikdirektor des Opernhauses, und Kornél Mundruczó Cardillac zu einer musikalisch straff geführten und szenisch aussagekräftigen Deutung. Der ungarische Regisseur siedelt die Geschichte, die schon bei Hoffmann und auch bei Hindemith im Paris König Ludwigs XIV. spielt, in einem heutigen Shoppingcenter an, wie es überall in den europäischen Metropolen stehen könnte. Die Ausstatterin Monika Korpa lässt in das Innere des Kaufhauses blicken, wo sich auf zwei Etagen, verbunden durch einen Aufzug, die teuersten Designer-Läden reihen. An der Rückwand befindet sich Cardillacs Geschäft Luxury Jewels. Der Chor der Oper Zürich und die Damen und Herren des Statistenvereins fungieren als köstlich parodierte Einkäufer, die ihre erworbenen Luxus-Artikel stolz in Tragtaschen von Fendi, Prada, Saint Laurent & Co. herumtragen.
In diesem Ambiente geschieht der erste Mord: Eine Dame verlangt von einem Kavalier, als Beweis seiner Liebe, ein Schmuckstück aus dem Juweliergeschäft. Der Kavalier benimmt sich deutlich übergriffig und wird schließlich im Aufzug vom vermummten Cardillac erstochen. Köstlich mimt die Sopranistin Dorottya Láng die vom Kaufrausch gepackte Upper-Class-Lady, während der Tenor Sebastian Kohlhepp in seinem bunten Hemd und den Turnschuhen eher an einen Sextouristen in einschlägigen Ländern erinnert. Zu viel Ablenkung vom Hauptthema der Oper? Nein, denn in der Logik des Regisseurs zeigt sich im Kaufrausch der Reichen in der Shopping Mall eine Parallele zum Goldrausch Cardillacs. Wie jene die teuren Kleidungsstücke nicht mehr hergeben wollen, so will dieser die Schmuckstücke für sich behalten.
Im zweiten und dritten Akt liegt der Fokus dann ganz auf dem Goldschmied, seiner Tochter und dem Offizier/Liebhaber. Mit dem Bassbariton Gábor Bretz findet Cardillac einen stimmlich facettenreichen und charakterlich ruhelosen Repräsentanten. Unheimlich, wie sich seine Besessenheit von Szene zu Szene steigert und am Schluss im Bekenntnis gipfelt, dass er der Mörder all dieser Opfer sei. Deutlich streicht der Regisseur zudem das inzestuös gefärbte Verhältnis zwischen Cardillac und der Tochter heraus.
Der Sopranistin Anett Fritsch gelingt mit ihrem warmen Timbre und ihrer Empathiefähigkeit der Spagat zwischen Vaterliebe und Emanzipation. Der Offizier von Michael Laurenz gibt den Liebhaber als zwiespältige Figur. Gekleidet wie ein Outlaw, fordert er die Geliebte zu einem selbstbestimmten Leben heraus, umgekehrt aber ist er es, der Cardillac nach dessen missglücktem Mordversuch verteidigt. Als Parodiefigur im Anzug und mit schwarzem Aktenkoffer tritt der Goldhändler von Stanislav Vorobyov auf.
Musikalisch ist die Urfassung von Cardillac geprägt vom stilistischen Umbruch der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Deutlich verabschiedet sich Hindemith hier vom psychologisch ausdeutenden Seeelendrama eines Richard Strauss. In Cardillac fahren Musik und Handlung oft auf zwei getrennten Schienen. Statt das Geschehen zu illustrieren, lehnt sich die kontrapunktisch ausgerichtete Musik an barocke Formen wie Fuge und Passacaglia, aber auch an Elemente der traditionellen Nummernoper an.
Für diesen objektivierenden Musikstil ist Fabio Luisi genau der richtige Mann. Der Dirigent, der sich in einem Interview nicht als Interpreten, sondern als „reproduzierenden Künstler“ versteht, leitet das Orchester der Oper Zürich tatsächlich als klug disponierender Sachwalter. Den antiromantischen und pseudobarocken Charakter der Partitur holt er durch das Akzentuieren der Bläserstimmen und das Zurückbinden der (ohnehin dünn besetzten) Streichergruppe bestens heraus.

Problematisch bleibt die Deutung des Regisseurs für den Schluss der Oper: Hindemith, der sich in seinem Künstlertum wohl mit Cardillac identifizierte, sah diesen, obwohl er sein Ziel nur durch Morden erreicht, als positive Figur. „Er war das Opfer eines heil’gen Wahns“, singt der Offizier, nachdem die wutentbrannte Menge Cardillac umgebracht hat. Mundruczó will dieser Sicht nicht folgen. Die Tochter und der Schwiegersohn verwandeln die Leiche Cardillacs in eine Goldmumie und verkaufen dessen Gold an die bereitwillig zahlende Konsumgesellschaft.

