Seit 15 Jahren Jahren musizieren Ton Koopman, der niederländische Spezialist für historische Aufführungspraxis, und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zusammen. Häufig steht dann Musik Carl Philipp Emanuel Bachs auf dem Programm. Dieses Mal wurde sie klug zwischen die seines Vaters, Johann Sebastian Bach, und die seines „Sohnes im Geiste“, Joseph Haydn, platziert, so dass sie wie als Bindeglied zweier Epochen im Zentrum des Konzerts erklingen konnte.

Jean-Guihen Queyras © Marco Borggreve
Jean-Guihen Queyras
© Marco Borggreve

Eröffnet wurde das Konzert mit Johann Sebastian Bachs Erster Orchestersuite, die als spieltechnisch anspruchsvollste seiner vier Suiten gilt. Ihre Orchesterbesetzung gründet auf einem Septett und wurde darum auch kammermusikalisch aufgeführt. Die vibratolos spielenden Streicher enthielten sich jedes barocken Pomps, der in dem Tempo, das Kopmann forderte, auch gar nicht hätte entstehen können. Die Ouvertüre wurde zu Recht nicht aufgedonnert, weil Bach keine typischen Doppelpunktierungen komponiert hat wie etwa Lully in seinen Eröffnungsstücken. Koopman und das Orchester verwandelten die Ouvertüre in eine fast geschmeidig fließende Allemande. Das dem Streichertutti gegenübergestellte Holzbläsertrio war mit Viola Wilmsen und Isabel Maertens (Oboen) sowie Jörg Petersen (Fagott) vorzüglich besetzt und trat vor allem in den Zwischenspielen der Fuge sowie in Menuet II und Bourrée II hochvirtuos solistisch hervor. Bachs gar nicht zum Tanzen einladende Suitensätze wurden kunstvoll stilisiert aufgeführt. Fein gestalteten die Streicher in der zweiten Gavotte den Jagdruf zum Signalmotiv einer Trompete. In der Wellenbewegung der Forlane ließen sie historisch korrekt ein Tanzlied venezianischer Gondoliere anklingen, in dem der Bass wie ein Ruderschlag gespielt wurde.

Der franko-kanadische Cellist Jean-Guihen Queyras spielte den Solopart in Carl Philipp Emanuel Bachs A-Dur-Konzert für Violoncello, Streichorchester und Basso continuo. Auch wenn sich nicht sicher klären lässt, ob der Solopart ursprünglich überhaupt für Violoncello oder nicht doch für Cembalo oder Traversflöte gedacht ist, schöpfte Bach das Potential der Register des Violoncellos geschickt aus.

Dass Queyras nicht allein im Ensemble InterContemporain zu einem Spezialisten moderner Musik wurde, der bei mehreren Uraufführungen von Cellokonzerten zeitgenössischer Komponisten den Solopart spielte, sondern auch ein Fachmann für Musik des 18. Jahrhunderts ist, wurde schon bei seiner Darbietung des energischen Eröffnungsgedankens deutlich, dessen Aufschwünge und weite Sprünge er mit großer Fingerfertigkeit stilgerecht intonierte. Höhepunkt war aber das Largo, wo er in ungewöhnlich hoher Lage eine Monodie wie ein instrumentales Opernlamento vortrug. Diese pietistische Passionsmusik ohne Worte machte deutlich, dass C.P.E. Bach es sich als einziger Musiker in preußischen Diensten leisten konnte, einen eigenen Stil zu haben.

Als Zugabe spielte Jean-Guihen Queyras Jean-Louis Duports siebente seiner Études pour violoncello in g-Moll.

Nach der Pause war Haydns Symphonie Nr. 98 B-Dur zu hören, die zu Recht als eine der anspruchsvollsten der Londoner Symphonien eingeschätzt wird. Sie wird durch eine Introduktion eröffnet, in der Haydn das Hauptthema in Moll vorbereitet, das dann im Allegro das Hauptthema der Exposition bildet. Das wurde von Koopman und den Musikern wie ein sich öffnender Vorhang inszeniert. Wie stilgerecht Koopman das Orchester leitete, wurde vor allem deutlich, als er im Adagio die Nähe zu Mozart hervorkehrte – ob er es nun als ein Requiem für Mozart auffasste oder nicht wie dies seit Donald Francis Tovey immer wieder behauptet wird. Im Menuett hoben die Musiker den dem Tanzmetrum entgegensetzten eingeschobenen Zweiertakt widerborstig hervor. Höhepunkt aber war das Finale. Dort wo im Zentrum eines Sonatensatzes thematische Arbeit hervortritt, lässt Haydn die Solo-Violine von den Streichern im Pizzicato wie in einer Serenade begleitet eine Melodie in der völlig „falschen“ Tonart As-Dur spielen, die der Erste Konzertmeister Wei Lugrostek auch so grotesk wie gemütlich spielte, wie sich dies Haydn wohl gewünscht hatte. Der Solist verirrte sich nach a-Moll. Das Orchester versuchte rettend einzugreifen, und schließlich fanden alle doch in die Reprise zurück. Doch an deren Ende landete Haydn einen Überraschungscoup, der auch in diesem Konzert zündete. Wo in heiteren Schlusssätzen in der Coda oft eine Tempo-Steigerung einsetzt, nimmt Haydn das Tempo deutlich zurück und lässt das Hauptthema in der Gemütlichkeit erklingen, die schon den Durchführungsbeginn parodierte. Und wenn sich der Konzertmeister auf seinen letzten Auftritt vorbereitete, dann stahl ihm der Dirigent die Show. Nun erst wurde klar, warum er die ganze Zeit vor dem Cembalo gestanden hatte: In höchster Lage zirpte Koopman nun zur Begleitung des letzten Auftritts des Themas seine perlenden Figurationen hinzu.

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