Der 150. Gedenktag zum Tode Berlioz' wirft seine Schatten so regelmäßig voraus, als bei den jährlichen Festivals ihre prominenten Gäste und Komponistenbewunderer Gardiner und François-Xavier Roth in gleicher Verlässlichkeit aufeinandertreffen, um der revolutionären Größe dieses Klangzeichners zu huldigen. Ob sie bei ihrem Plausch im letzten Jahr darüber gesprochen haben, dass bei beiden Dirigenten nun Harold en Italie im Konzertprogramm steht? Den Anfang machte Roth jedenfalls mit seinem Orchester Les Siècles in der Essener Philharmonie, bei dem Berlioz-Eigentümliches der ebenso verwunderlichen „Eroica“ Beethovens mit einigen inhaltlichen Gemeinsamkeiten gegenübergestellt wurde, von der Berlioz in seinen Symphonies de Beethoven von 1837/38 schwärmte: „[...] it has to be admitted that the Eroica symphony is so powerful in its musical thought and execution, its style so energetic and so constantly elevated [...], that it is the equal of the composer’s very greatest works. Whenever this symphony is performed I am overcome with feelings of deep and as it were antique sadness […].“

François-Xavier Roth © Marco Borggreve
François-Xavier Roth
© Marco Borggreve

Diese Beschreibung hatte sich Roth natürlich zum Vorbild genommen und es tatsächlich vermocht, große Gefühle zu wecken. Das Erhabene drückte sich trotz aller mächtigen Strenge, die sich im Kopfsatz beispielsweise in scharf-straffen Akkorden offenbarte, durch einen luftigen Unterton aus. Sowohl diese Züge als auch das energiegeladene, hell verströmte Flackern der mit Verve spielenden Streicher und Pauken sowie die stets kurzen Verschnaufer versah das Orchester mit phrasierten Schwellern und agogischen Nuancen. Nie entstand Luftleere oder gar Sterilität aufgrund der vibratolosen Spielweise. Expressive Tupfer – vor allem der immer besser in Fahrt kommenden Bläser – und eine Transparenz, bei der jedes Instrument dann wirklich durchstach, bereiteten den Beethoven zu einer wuselnden Lebendigkeit auf, die Roth mal mit kleinen Gesten, mal gebeugt und die ausgebreiteten Arme selbst in die vorgestellten Lüfte legend, nach oben gereckt oder fechernd anforderte.

Mit gebanntem Staunen überzog er den Zuhörer danach in einem eindringlichen, in Betonung und Akzenten weitere Ausrufezeichen setzenden Trauermarsch, in dem er Szenerie und Theatralik der sentimentalen Ausbrüche mit passioniertem Streichergefolge, dem schmerzlichen Holz und hart stapfender Pauke wirkungsvoll herausstellte. Obgleich der düsteren Schwere brodelte auch hierin eine enervierende Energie, die sich in in eisiger Überraschung eingebrachten lauten Schlägen äußerte; ein packendes Momentum, das im Zwischenteil mit wallender Wucht die heroische Größe des Ganzen noch mehr unterstrich. Als lustvoll durchgeschossenen Vorläufer zum Finale nahm Les Siècles das Scherzo, bei dem nicht nur die Antiphonie von Vorteil war, sondern auch die Waldhörner ihren ersten großen Auftritt meisterten. Frönten die Instrumentalisten der Einfälle, hatte Roth noch nicht genug der Effekte, als er den ersten einleitenden Thematakten im Schlussatz eine Generalpause folgen ließ, ehe das Ensemble seine Akkordmotive abfeuerte. Dies geschah, bis schließlich ein Streichquartett den intimen Sammlungsabschnitt des Poco Andante anstimmte, um im maximalen Kontrast dazu mit allen in ein rauschendes, ausgeklügeltes Presto zu fahren, in dem man persönliche Mühe hatte, die übertragene Spannung im Zaum zu halten.

Aus der kam man nicht heraus, als die Kontrabässe die Tonspur geheimnisvoll aus der Tiefe des Raumes in Wiener Aufstellung zur Orchestereinleitung von Berlioz' faszinierenden, zur Freude Paganinis erdachten Sonderling-Symphonie Harold en Italie anwarfen. Vom seitlichen Bühnen-Off wandelte Solistin Tabea Zimmermann verträumt mit haroldischem Motiv in den Bergpfad der Abruzzen ein, wobei ihre darmbesaitete Viola, in Übereinstimmung zum gesetzten Rahmen luftig, mit stark reduziertem Vibrato und dennoch präsent artikulierten Akzenten, das vom Komponisten hineingelegte Melancholisch-Suchende in warmer Gemütlichkeit aussandte. Tat sie dies mit der ihr vorne gegenübergestellten Harfe, drang mit den wechselnden Counterparts der Bratsche eine von Höhenluft freigepustete Aufhellung durch, in der das Soloinstrument in Tempo und Figuren nachspürbar selbstbewusster wurde; so sehr, dass der orchestral immer schillerndere und besonders von Schlagwerk, Trompeten, Kornetten und Posaunen mit spritzigen Einwürfen versehene Aufstieg in dramatischen Einbringungen mit Tutti-Passagen nicht unterging.

Im Gegensatz zur auch in der Geschwindigkeit wahnwitzigen Steigerung entsponnen Orchester und Solistin in subtilen piano-Stufen im Marche des pèlerins zarten, farbigen, eleganten Zauber. Trauten mahnende Horn-Sforzati der Stimmung aus pizzicato-arco gemischtem Bett und zunächst melodisch-sonorer Bratschenfrische nicht, sorgten Zimmermanns Flautando-Arpeggien über alle vier Saiten mit ausgehauchtem Schluss für ein nächstes Atemstocken. Sehr kokett, mit stark betonten Ausfahrungen, die Soloviola erst in langen Linien, dann als Verstärker, stimmte Les Siècles die frohlockende Serenadenmelodie an, deren Lieblichkeit besonders das Englischhorn bestrahlte, Zimmermann im Finale kurz mit Dämpfer auskostete. Ein Beckenschlag rissen Harold und Publikum in das Aufwühlende der abschließenden Orgie de brigands, in der sich die bedrückenden Hörner bewahrheiteten, die Bratsche aber im bunten Treiben von türmend-flitzenden Streichern, schürfendem Blech und bombastischer Knallerei mit stoischer Gütlichkeit tänzelnd behandelt wurde, die vor dem fetzigen Orchesterendspurt ein wieder suchendes Quartett mit hinter der Bühne befindlichen Kollegen intonierte.

In aller Größe und Gelassenheit überließ Zimmermann dem Orchester sogar die Zugabe, den dritten Marsch des Abends: ein knackiger Marche hongroise aus Berlioz' Werk La damnation de Faust, das die Musiker im Sommer aufführen. Man darf wieder gespannt sein!

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