Wenn Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker dirigiert, hört man vieles, nur selten das Repertoireprogramm. Seine Konzerte lehrten schon zu Zeiten, als er noch Chef des Orchesters war, dass Haydn nach wie vor ein Geheimtipp ist und dass Strawinsky weit mehr komponiert hat, als die drei großen Ballette, die ständig gespielt werden.

Sir Simon Rattle
© Stephan Rabold

Wie Brahms hält Rattle große Stücke auf Haydn und feiert mit ihm regelrecht, dass dieser eine Symphonie um die andere in die Welt gesetzt hat. In der Largo-Einleitung der späten B-Dur-Symphonie ließ Rattle die Tonfolge zwischen Akkordsäulen noch wie leblos ruhen und erweckte sie im Hauptthema umso heftiger zum Leben. Rattle dirigierte Haydn nicht nur als Wegbereiter Beethovens, sondern als den ersten und darum originellsten Symphoniker. Im Adagio, in dem Ludwig Quandt das Solo-Cello spielte und dabei immer Teil des Ensembles blieb, zeigten Rattle und die Philharmoniker, warum Rimskij-Korsakow Haydn als einen der größten Meister der Instrumentation überhaupt gepriesen hat. Wenn die ersten Violinen mit der Soloflöte zusammenspielten, entstand eine Mischfarbe, statt dass die Stimmen bloß verdoppelt wurden. Gedämpfte Trompeten erzeugten am Schluss des Satzes einen für das 18. Jahrhundert sehr ungewöhnlichen, fast blökenden Ton. Im Menuett betonte Rattle häufig die dritte Zählzeit, um dem höfischen Tanz jede Graziosität zu nehmen. Spritziger oder kapriolenhafter lässt sich das Finale nicht spielen als an diesem Abend. 

Im zweiten Teil erklang eine von Rattle zusammengestellte musikalische Reise durch das Schaffen Strawinskys. Sie führte vor allem zu unbekannten kurzen Stücken und Liedern, aber auch zu einigen Edelsteinen aus späteren Schaffensperioden.

Archaische Fanfare aus Agon leiteten die Reise ein. Die Philharmoniker entfachten in Feu d’artifice ein glitzerndes Lichterspiel, das in sich kreisende Flötenfiguren zu Beginn als Feuer entzündet hatten und in das später Piccoloflöte und Violinen Blitze hineinflackern ließen. Zu den Höhepunkten gehörte für mich die Aufführung des Chant funèbre, dessen deutsche Erstaufführung Rattle 2017 in Berlin dirigiert hatte. Er ließ auch jetzt in diesem dunkel getönten Trauerzug jedes Instrument seine Melodie auf dem Grab ablegen. In der Circus-Polka feuerte er das Orchester an, den Elefanten in der Manege Bruchstücke von Musik, etwa aus Schuberts D-Dur-Militärmarsch, vollständig zu zertrampeln. Später nahm er den Galopp aus der Suite Nr. 2 für kleines Orchester wie eine Offenbach-Persiflage, die er wie aus einem St. Petersburger Nachtlokal tönen ließ.

Anna Lapkovskaja
© Stephan Rabold

Etwas fehl am Platze wirkten für mich die beiden Instrumentalsätze aus Strawinskys Requiem canticles, die so aus ihrem Kontext gerissen zu Einschiebseln wurden, während sie in dem späten Vokalwerk selbst das Interlude und das Postlude bilden.

Schwebend-zart, ja geradezu ätherisch spielten die Streicher den Pas de deux aus dem Ballett Apollon musagète und zelebrierten diesen fragilen Tanz als willkommenen Kontrast zu all den Dissonanzen und Persiflagen, die im zweiten Teil des Abends erklangen.

Delikat waren die Lieder, die Anna Lapkovskaja mit Witz und Ironie vortrug. Ein Lied im konventionellen Sinne war allein ihr erstes: Faun und Schäferin. Die Berceuses du Chat gerieten ihr überzeugend als phonetische Klang- und Rhythmus-Studien, wenngleich sehr entfernt in den Klarinetten und den Koloraturen der Singstimme Katzenlaute hörbar wurden. In ihrer Darbietung der Vertonung russischer Scherzgedichte (Pribaoutki) legte sie den Akzent nicht auf die Melodie, sondern auf die Verknüpfung der Worte und Silben unter Berücksichtigung der Deklamation. 

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