Wie viele Opernsänger über 70 entscheiden sich schon, in Verdis Oper Macbeth ein Rollendebüt als Titelheld zu machen? Plácido Domingo hat seinem Repertoire mit der ambitionierten, aber konfliktreichen Figur des Macbeth an der Berliner Staatsoper unter der Leitung von Daniel Barenboim eine weitere Bariton-Rolle hinzugefügt. Ihm zur Seite stand die ukrainische Sopranistin Liudmyla Monastyrska als furchtlose und unvergessliche Lady Macbeth.

Die Inszenierung, die 2000 erstaufgeführt wurde, ist minimalistisch. Beim Betreten des etwa 1000 Sitze zählenden Schiller Theaters, vorübergehende Heimat der Staatsoper, sahen wir eine offene Bühne und etwas, das wie ein Hügel aussah; der Bühnenboden und die Wände waren bedeckt mit dunkelrotem Stoff. Ein schmaler, runder Gang erstreckte sich von der Bühne hin zum Rand des Orchestergrabens; Teile der Handlung fanden darauf statt und brachten dem Publikum die Vorstellung so ganz nah, stellten gleichzeitig aber auch eine Herausforderung dar, was die Koordination zwischen Dirigent und Sänger angeht.

Manche Kostüme, besonders das der Lady Macbeth im ersten Akt, und die weißen Masken der Hexen verwiesen entfernt an traditionelles japanisches Theater. Der Rest der Inszenierung machte den Eindruck von unbestimmter Zeit und unbestimmtem Raum, und die Figuren sehen oft aus, als gehörten sie zu einem Sciencefiction-Drama. Macbeth trug Schwert und Krone, und sowohl er als auch Banquo waren in lange Fellmäntel gehüllt, die aus dem Mittelalter zu stammen schienen. Macduff und Malcolm sowie deren Soldaten hingegen machten den Anschein von Space-Aliens, mit Helmen und Rüstung mit Rock. Die einfache und zeitlose Produktion wurde beinahe zur konzertanten Aufführung mit Kostüm, mit wechselnder, sinnträchtiger Beleuchtung in rot, blau und schwarz, die die Bühnenhandlung unterstrich.

Bei dieser abstrakten Inszenierung ruht viel auf der Fähigkeit von Sängern und Chor, die Handlung des Dramas mit Stimme, Spiel und Interaktion darzustellen, von einem starken Orchester ganz zu schweigen. Die Vorstellung war in jeder Hinsicht ein Erfolg, und das Ergebnis war ergreifend und denkwürdig. Wenn die musikalische Umsetzung von so hoher Qualität ist, braucht man kaum ein elaboriertes Bühnenbild und Kostüme.

Plácido Domingo begann etwas wacklig, war er doch gerade nach Papes Banquo und ihrer Begegnung mit den Hexen durch eine Luke der Mitte des Hügels entstiegen. Sein Atmen schien bisweilen etwas angestrengt, besserte sich jedoch im Laufe des Abends, und seine Leistung in der zweiten Hälfte war sehr beeindruckend. Ihm mag die tiefe, dunkle Farbe eines Verdi-Baritons fehlen, sein Legato manchmal zum Atmen gekürzt sein, doch seine Kunstfertigkeit und seine eleganten Phrasierungen waren noch immer gut zu erkennen. Zudem konnte er einen ungeheuer starken, großen Klang aufbringen, besonders bei den hohen Tönen. Macbeths letzte Arie, „Mal per me“, die nach Verdis Überarbeitung der ursprünglichen Fassung von 1847 oft ausgelassen wird, wurde hier miteinbezogen, und Domingo versuchte sich beeindruckend in den tieferen Lagen.

Von ihrem ersten Auftritt mit weißem Nachthemd und platinblonder Perücke an war Monastyrskas Lady Macbeth eine verrückte, aus dem Gleichgewicht geratene Frau, mit verschrecktem Blick und übertriebenen Gesten. Zwischen den Protagonisten gab es wenig bis keine sexuelle Energie, vielmehr ein gemeinsames Verlangen nach Macht und Blut. Monastyrska war vollständig in ihre Figur eingetaucht, nicht nur stimmlich, auch körperlich, und man konnte kaum den Blick von ihr abwenden, wenn sie sich auf der Bühne befand. Wo ihre Bühnenpräsenz schon intensiv war, so war es ihr Gesang, der wahrlich das Zentrum und der Kern dieser Vorstellung bildete. In enger Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim in ihren vielen anspruchsvollen Arien zeigte sie ihre wunderbare Fähigkeit, ihre Lautstärke zu kontrollieren, ihre Stimme mit feinen Zwischentönen und Farben zu versehen, und auch frei einige zusätzlichen Elemente wie heiseres Lachen hinzuzufügen.

Lady Macbeths berüchtigt schwere Auftrittsarie „Vieni, t'affretta“ sang sie ohne Anstrengung oder Schleifen, eine wahre Freude für das Ohr. Ihr akkurates und doch aufregendes Singen behielt sie in den Szenen mit Domingo bei und war oft der dominante Teil in ihren Duetten. Koloraturpassagen sang sie wunderschön, filigran und gewandt. Die Inszenierung verlangte, dass sie ihre Schlafwandler-Szene aus dem Lukenschacht heraus sang, wobei etwa zwei drittel ihres Körpers aus dem Loch herausragten. Dies schien zu symbolisieren, dass sie nun in der Hölle gefangen war, die sie sich selbst geschaffen hatte, und erzeugte ein bemerkenswertes Gefühl von Unbehagen, als sie sich durch ihre Arie wand – ein interessanter Kniff der Regie.

Die Rolle des Banquo wurde opulent gesungen von René Pape, dessen Arie „Come dal ciel precipita“ im zweiten Akt weit mehr als vornehme Autorität zeigte. Seine Stimme war in bester Form, mit tiefem, aber klaren Ton, verbunden mit ausgezeichneter Atemkontrolle, um die langen Linien zu tragen. Tenor Florian Hoffmann machte das Beste aus Malcolms kurzem Auftritt mit seiner frischen, strahlenden Stimme, und Rolando Villazón sang Macduffs Klage „Ah, la paterno mano“ im vierten Akt mit inniger Hingabe. Während seine Stimme besonders in höherer Lage beeindruckend ertönte, so klang sie doch oft trocken und farblos.

Barenboim begann die ersten Töne des Vorspiels langsam, zog das Tempo jedoch sofort beim Einsatz der Blechbläser an. Einige der Chorpassagen, besonders der Hexenchor im ersten Akt, nahm er in halsbrecherischer Geschwindigkeit, und sowohl die Staatskapelle Berlin als auch der Staatsopernchor verdienen großes Lob dafür, mit diesen regelmäßigen Tempowechseln mitzuhalten. Es gab einige unkoordinierte Momente zwischen Chor und Orchester als auch Sängern (Papes Arie schien darunter zu leiden), doch am Ende des Abends kam alles zusammen. Es war eine beeindruckende Leistung für eine Premiere.

Verdi bemerkte einst, dass Macbeth drei Stimmen habe: Macbeth, Lady Macbeth und der Chor (Hexen). Diese drei Stimmen, ein alternder, doch noch immer kräftiger Tenor, ein jüngerer, furchtloser Sopran, und ein wunderbar einstudierter Chor, sie alle machten dem Meister an diesem Abend alle Ehre.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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